Donnerstag , 22. Oktober 2020
Ein Abrissbagger zerlegt an der Hallenstraße derzeit die erste von zwei Hallen, die einst Reichslagerhallen für Notvorräte an Lebensmitteln waren. (Foto: tja)

Abschied von einem Stück Stadtgeschichte

Geesthacht. Für den nächsten Bauabschnitt der Geesthachter Hafencity verschwindet jetzt ein besonderes Stück Stadtgeschichte: Die beiden früheren Reichslagerhallen direkt am Hafenrand werden abgerissen. Gebaut wurden sie in den 1930er-Jahren im Zuge der Kriegsvorbereitungen. 33 000 Hallen soll es einst gegeben haben. Jetzt wird Platz für Wohnungen geschaffen.

Das genaue Baujahr der beiden Hallen mit Brettbindern als Dachträger können Heinz Niemann und Helmut Knust vom Geschichtsverein nicht nachvollziehen. Aber auf von den Engländern gefertigten Luftfotos von 1944 und 1945 stehen die Hallen ziemlich einsam auf dem Abschnitt am Hafenrand. Und an 1945 hat der heute 77 Jahre alte Niemann durchaus noch Erinnerungen. „Ich war damals zwar nicht selbst an den Hallen, aber mein Opa hat von dort einen Zwei-Zentner-Sack mit Zucker geholt. Der war so groß, da konnte ich mit damals viereinhalb Jahren nicht drübergucken“, erzählt Niemann.

Grober Industriezucker aus Magdeburg

Zahlreiche Bürger aus Geesthacht und den umliegenden Dörfern hatten sich an den Zuckersäcken, die mit Schuten angeliefert und eingelagert worden waren, bedient. Es handelte sich aber um eher groben Industriezucker. „Der kam aus dem Raum Magdeburg und war eigentlich für die Pulverfabrik bestimmt“, weiß Niemann. Jahrelang wurde der Zucker in seinem Elternhaus genutzt, den sein Opa per Bollerwagen rangeschafft hatte. Damals reichte die Düneberger Pulverfabrik fast bis an die Steinstraße, ein Zaun entlang der heutigen Wärderstraße, der bis Altengamme reichte, schloss das Fabrikgelände ab. Und 1945 waren die Engländer auf ihrem Vormarsch am Südufer der Elbe aufgekreuzt, die vermutlich dem Werkschutz der Fabrik unterstellten Reichslagerhallen wurden aufgegeben.

„Ursprünglich wurden dort auch Reis und Dosenfleisch gelagert. Es waren typische Hallen, von denen die Nazis viele angelegt hatten. Kurz vor Kriegsende war das Notlager aber so gut wie leer“, weiß Niemann. Später wurde in den beiden Hallen, die der mittlerweile entwidmeten Hallenstraße ihren Namen gaben, im Kalten Krieg Getreide eingelagert. Die sogenannte „Berlin-Reserve“. Das Dach aus Brettern wurde mit Bitumenschweißbahnen eingedeckt, später kam Trapezblech drauf, bis zuletzt konnten die Hallen als Lager und Werkstatt genutzt werden.

Wohnungsbau startet März oder April

Jetzt frisst sich ein Abrissbagger durch die Bausubstanz. Filigran werden Trapezblech, Dachpappe, Holz, Mauerwerk und andere Bestandteile vor Ort sortiert und abgefahren. Voraussichtlich im März oder April wird der Wohnungsbau auf dem Areal beginnen. Knust: „Es wäre schön, wenn, ähnlich wie am Menzer-Werft-Platz an die Werft, auch an anderen Orten in Geesthacht mit Hinweistafeln an das erinnert werden würde, was dort einmal war.“ So hatte auf der anderen Seite der Hallenstraße – einschließlich des 1948 errichteten Reetdachhauses dort – die Baufirma von Emil Hackmack ihren Sitz. Das Unternehmen war beispielsweise am Bau des Pumpspeicherwerkes beteiligt.

Von Timo Jann