Donnerstag , 22. Oktober 2020
Julius wirt einen Blick in das Kaleidoskop, das ein Tischler aus Lüneburg entworfen hat. Es steht jetzt, ebenso wie drei weitere Experimente, in einem Treppenhaus des Museums. Foto: t&w

Jeden Tag ins Museum

Lüneburg. Zerfleddert, abgegriffen, mehrfach geklebt: Der Miniphänomenta-Pass von Julius Nimmerjahn sieht nicht nur so aus, als wäre er regelmäßig zum Einsatz g ekommen, vier Wochen lang hat der Neunjährige ihn fast täglich direkt nach Schulschluss oder am Nachmittag im Museum Lüneburg vorgezeigt. Nach zehn Stempeln schon war das kleine Heft im Taschenformat voll, Julius hätte mit seinen Besuchen aber auch gut drei Pässe füllen können – dafür hat ihn Museumsleiterin Dr. Heike Düselder jetzt belohnt: Wenn er am 21. August zehn Jahre alt wird, darf er seinen Geburtstag mit seinen Freunden und seiner Familie in dem Gebäude an der Willy-Brandt-Straße feiern.

35 Experimente gab es bei der Miniphänomenta-Ausstellung zu entdecken, die von Anfang Januar bis in den Februar hinein geöffnet hatte. Waren 25 Konstruktionen nur eine Leihgabe, haben Viertklässler der St.-Ursula-Schule im November vergangenen Jahres zehn Experimente selbst gebaut, mit Unterstützung einiger Studenten (LZ berichtete). Sieben dieser Holzbauten haben inzwischen einen festen Platz in der Grundschule, die Kugelrampe, die Lissajous-Figuren und die Kugelrallye sind im Museum geblieben. Sie sind ebenso wie ein Kaleidoskop, das ein Lüneburger Tischler gebaut und zur Verfügung gestellt hat, in einem Treppenhaus zu finden und weiterhin zugänglich.

Fasziniert von den 35 Experimenten

Julius hat alle 35 Experimente zwischen 20 und 30 Mal ausprobiert, besonders gut gefällt ihm die Kugelrampe, bei der es da­rum geht, eine runde Holzfigur über zwei Metallstäbe rollen zu lassen und zu verhindern, dass sie hindurchrutscht.

Beigebracht hat sich der Viertklässler, der im Sommer die Schule wechselt, alles selbst. Denn in der Sonderausstellung waren keinerlei Beschreibungen zu den einzelnen Versuchen ausgewiesen. Als Düselder erzählt, dass gerade Erwachsene und auch Lehrer Probleme damit hatten, einfach loszulegen und die Experimente auszuprobieren, lacht Julius und liefert ihr eine Erklärung: „Die haben halt nicht mehr so viel Fantasie. Und auch keine Geduld.“

800 Miniphänomenta-Pässe hat das Museum herausgegeben, eingeführt wurde dieser wenige Tage nach der Eröffnung – um Schülern, die bei dem Besuch mit ihrer Klasse nicht alle Experimente geschafft haben, die Möglichkeit zu geben, wiederzukommen. Julius hat 2 Euro bezahlt für all die Stunden, die er in der Ausstellung verbracht hat. „Immer wenn ich mal Zeit, keine Hausaufgaben oder sie schon fertig hatte, bin ich hergekommen.“

„Als kleines Kind hatte er schon Spaß daran, bei allen Fußleisten die Schrauben rauszudrehen.“ – Melanie Seil, Mutter von Julius

Oft auch allein, erzählt seine Mutter, die das damit begründet, dass Julius für sein zartes Alter schon so etwas wie ein Experte ist. „Er war schon mehrmals mit seinen beiden älteren Brüdern im Museum.“ Zudem wohnt die Familie in der Innenstadt, also nicht weit entfernt. „Und er weiß, dass er zurückkommen soll, wenn es dunkel wird“, erzählt Melanie Seil. Sie war auch froh, dass ihr Sohn seiner Experimentierfreude mal eine Zeit lang andernorts nachgegangen ist. „Zu Hause macht er gern Faxen, probiert zum Beispiel aus, wie sich eine Kerze mit Tee löschen lässt.“ Als Kleinkind schon habe er Spaß daran gehabt, bei allen Fußleisten die Schrauben rauszudrehen oder beim Einbau der Küche „mitanzupacken“.

Heute ist Julius nicht nur ein begnadeter Schwimmer und Inlineskater, er liest für sein Leben gern, gehört in der Schule zu den „Klimascouts“ und begleitet seine Eltern immer wieder zu Kulturterminen, ob nun zu einer Stadt- oder Kutschführung, einem Besuch im Bremer Bunker oder aber zu einem klassischen Konzert in der Laeiszhalle, das bis 23 Uhr andauert. „Das find‘ ich alles sehr interessant.“

von Anna Paarmann