Sonntag , 25. Oktober 2020
Die Brunnen des Wasserwerks Nordheide sollen durch den Anschluss des Wasserwerks Schierhorn entlastet werden. (Foto: privat)

Heidewasser löscht Hanse-Durst

Winsen/Luhe. Eines der bundesweit größten wasserrechtlichen Zulassungsverfahren steht kurz vor dem offiziellen Abschluss: Es geht um die Trinkwasserförderung der Hamburger Wasserwerke in der Lüneburger Nordheide.

18,4 Millionen Kubikmeter Grundwasser pro Jahr wollen die Hamburger aus der Heideregion abziehen, um den Durst der Millionen-Stadt zu löschen. Nun sollen die Hamburger etwas weniger bekommen als beantragt: 16,1 Millionen Kubikmeter pro Jahr. Das sieht der Bescheid vor, den der Landkreis Harburg nach nun rund 14 Jahren Verfahren vorbereitet hat. Am Montag Abend wurde er im Umweltausschuss des Kreistags noch einmal vorgestellt. Demnächst soll der Bescheid den Hamburgern zugestellt werden. Doch das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.

Hintergrund: Tausende Menschen hatten sich in der vergangenen Jahren in das Wasserrechtsverfahren mit Stellungnahmen eingebracht. Viele sorgten sich im Zuge einer Grundwasserabsenkung um mögliche Schäden in der Natur bis hin zu Nachteilen für die Wohnbebauung in der Region, sollten die Hamburger Wasserwerke ihre Grundwasserförderung in der Heideregion fortsetzen dürfen. Wiederholt mussten die Hamburger Wasserwerke die Antragsunterlagen nachbessern. Das Verfahren zog sich in die Länge.

13 Prozent des Hamburger Trinkwassers

„Um die Versorgungssicherheit für den Wirtschaftsstandort Hamburg und die dort lebenden und arbeitenden Menschen zu gewährleisten, ist ‚Hamburg Wasser‘ auf das Wasser aus der Nordheide angewiesen, da die Stadtfläche als Fördergebiet nicht ausreicht“, sagt Sabrina Schmalz, Sprecherin des Hamburger Staatsunternehmens.

Schmalz weiter: „Rund 13 Prozent des Hamburger Bedarfs werden durch Brunnen in Niedersachsen gedeckt, weitere rund 24 Prozent stammen aus Schleswig-Holstein.“

Bereits 1974 wurde in einem Verwaltungsabkommen zwischen Niedersachsen und Hamburg die Förderung von Grundwasser in der Nordheide vereinbart. Die genauen Regeln wurden aber auf regionaler Ebene festgelegt. Die alte Bewilligung lief aber Anfang der 2000er aus. Die Hamburger Wasserwerke stellten einen neuen Antrag für einen 30-jährigen Förderzeitraum bei der damals zuständigen Bezirksregierung in Lüneburg. Die wurde Ende 2004 aufgelöst, fällte aber kurz vor ihrem Aus noch eine weitreichende Entscheidung: Die Lüneburger erteilten den Hamburger Wasserwerken für die Entnahme von 15,7 Millionen Kubikmeter pro Jahr eine „vorübergehende Erlaubnis“, die bis auf Weiteres galt. Bis heute.

16,1

Millionen Kubikmeter Wasser soll „Hamburg Wasser“ in der Nordheide pro Jahr im Durchschnitt fördern dürfen. Und zwar für einen Zeitraum von 30 Jahren.

Nach dem Ende der Bezirksregierung erbte der Landkreis Harburg das Mammut-Verfahren – das nun zu einem Abschluss kommen soll. Kreissprecher Andres Wulfes bestätigt auf LZ-Nachfrage: „Das Ergebnis des Verfahrens ist jetzt der Bescheid für eine gehobene Erlaubnis für 30 Jahre.“ Hamburg Wasser hatte bislang auf eine sogenannte Bewilligung gehofft, die juristisch ein höheres Gewicht hat. Wulfes sagt: „Wenn es aufgrund der Wasserförderung oder des Klimawandels zu Problemen kommen sollten, können wir noch gegensteuern oder nachjustieren.“ Im Zweifelsfall könnte möglicherweise auch die Entnahmemenge reduziert werden. Wulfes: „Das wäre bei einer wasserrechtlichen Bewilligung juristisch wesentlich schwieriger umzusetzen, als bei einer Erlaubnis.“ Allerdings ist der Kreis von der Überlegung abgerückt, die Erlaubnis für einen kürzeren Zeitraum von zehn oder 15 Jahren auszusprechen.

Kommunen wollen mitreden

Harburgs Kreisrat Josef Nießen sagt: „Wir haben eine umfassende Abwägungsentscheidgung getroffen, und gehen davon aus, dass wir für alle ein ausgewogenes Ergebnis erzielt haben.“ Doch auch die Kommunen wollen noch ein Wörtchen mitreden: Hanstedts Samtgemeindebürgermeister Olaf Muus sagt: „Es ist verabredet, dass es noch eine Information für die haupt- und ehrenamtlichen Bürgermeister der betroffenen Kommunen in der Region gibt. Für uns ist entscheidend, wie unsere eigene Trinkwasserversorgung gesichert ist. Und auch die Brunnen im Naturschutzgebiet spielen aus unserer Sicht eine wichtige Rolle.“

Für die betroffenen Bürger sei zudem wichtig, wie ein Beweissicherungsverfahren aussieht, sollten in Folge der Wasserförderung möglicherweise Schäden an Wohngebäuden auftreten. Doch das soll es nach Kenntnis der „Interessengemeinschaft Grundwasserschutz Nordheide“ (IGN) Hanstedt nicht geben. Auch das sieht IGN-Sprecher Gerhard Schierhorn kritisch, die eine Reduzierung der Fördermenge auf zwölf Millionen Kubikmeter gefordert hatte. Schierhorn: „Wir werden von einem Fachanwalt den Bescheid prüfen lassen. Wenn es einen Ansatz gibt, werden wir auch gegen den Bescheid klagen.“

Hingegen sagt Sabrina Schmalz, Sprecherin von Hamburg Wasser: „Wir gehen davon aus, dass uns der Landkreis Harburg in Kürze einen abschließenden Gestattungsbescheid zusendet. Das ist ein wichtiger Meilenstein in diesem komplexen und langwierigen Wasserrechtsverfahren.“ Und: „Wir haben stets betont, dass für uns die rechtliche Form der Genehmigung für die Sicherheit der Trinkwasserversorgung unserer Kunden von besonderer Bedeutung ist. Wir werden den Bescheid daher sorgfältig lesen und analysieren, ob er unserem Bedarf ausreichend Rechnung trägt.“

Von Dennis Thomas