Samstag , 24. Oktober 2020
Bis vor wenigen Tagen säumten Bäume beide Seiten des Widukindweges in St. Dionys. Nun wurden die Eichen auf der rechten Straßenseite gefällt. (Foto: t&w)

Und plötzlich waren sie weg

St. Dionys. Hunderte Jahre standen sie am Wegesrand, nun sind sie weg. Mehrere Bäume, darunter zwölf alte Eichen, hat eine Grundbesitzerin in St. Dionys fällen lassen – schnell und gründlich. Das sorgt für Ärger unter den Dorfbewohnern. Von Baumfrevel ist die Rede, Worte wie Naturfeind machen die Runde. Die LZ konnte die Grundstückseigentümerin für eine Stellungnahme nicht erreichen.

Konrad Gelinsky dagegen fehlen die Worte: „Es hat mich sprachlos gemacht“, sagt er, schluckt und ergänzt, „ich habe das Grundstück auch mal besessen.“ Doch das ist lange her. Bevor hier die Motorsägen kreischten, sei das Grundstück wie ein kleiner Park dahergekommen. Mit einem Schmunzeln habe Gelinsky dem ehemaligen Grundstücksbesitzer einmal vorgeschlagen, Besucherführungen entlang der historischen Bäume anzubieten. Davon kann nun keine Rede mehr sein. „Das Haus lebte davon, was drum herum war, jetzt steht es ganz nackt da. Es ist traurig, dass manchen Leuten das Feeling fehlt, das man für diesen Ort braucht“, findet Gelinksy.

Eichen waren über 200 Jahre alt

Mit schwerem Gerät und höchst professionell seien die Bäume gefällt und abtransportiert worden. Über 200 Jahre sollen die Eichen alt gewesen sein, mit Stämmen von bis zu drei Metern Umfang. Die Gemeindeverwaltung um Bürgermeister Joachim Schwerdtfeger (FDP) wusste nichts von der Fällaktion. Musste sie auch nicht, denn es gibt in der Gemeinde keine Baumschutzsatzung, die das Fällen von Bäumen auf Privatgrundstücken reglementiert. „Wir haben da keine Handhabe, es ist, wie es ist“, sagt Schwerdtfeger. Warum die Gemeinde bisher keine Baumschutzsatzung erlassen hat, kann der Bürgermeister nach erst einem halben Jahr Amtszeit nicht aus dem Stegreif beantworten. „Ich weiß nicht, wie aufwendig das ist. Ich kann mir aber vorstellen, dass es jetzt erneuten Diskussionsbedarf gibt.“

Nicht zum ersten Mal kreiste die Kettensäge

Das nunmehr kahle Grundstück geriet schon 1983 wegen eines ähnlichen Vorfalls in den Blickpunkt. „Baumfrevel in St. Dionys“ titelte die Landeszeitung, nachdem der damalige Grundstückseigentümer ebenfalls Bäume fällen ließ und damit die Gemeindepläne für ein kleines geschütztes Wäldchen im Ort durchkreuzte. Die nun abgenommenen Eichen blieben damals unberührt.

„Es ist grundsätzlich schade, wenn man wegen des schönen Umfelds in einen Ort zieht und dann als erstes Bäume fallen“, sagt Helmut Meier vom Technischen Bauamt für Grünflächen, Naturschutz und Hochbau der Samtgemeinde Bardowick. Sofern keine Baumschutzsatzung greift, können Privateigentümer die Bäume auf ihrem Grundstück ohne Genehmigung fällen. Es sei denn, die Bäume sind im Bebauungsplan festgesetzt. Das passiert etwa, wenn die Gemeinde beschließt, einen waldartigen Charakter zu erhalten oder Bäume, die das Ortsbild prägen, zu sichern. Wie sich die Lage in St. Dionys gestaltet, wird Helmut Meier jetzt prüfen.

Für die verärgerten Anwohner ist das jedoch kein Trost, denn die Bäume sind weg – so oder so.

Von Anke Dankers