Freitag , 18. September 2020
Hamo und Ghazal Murad (Mitte) proben mit Nora Driesch (r.) den Einkauf am Marktstand. Marktfrau Feri vom Hof Koch aus Glüsingen ist mit von der Partie. Foto: be

So klappt‘s auch mit dem Gemüseeinkauf

Lüneburg. Noch holpert es sprachlich, wenn Hamo Murad und seine Frau Ghazal auf dem Lüneburger Wochenmarkt unterwegs sind, um frisches Obst und Gemüse zu kaufen . Doch der Austausch mit Marktbeschickern und Lüneburgern wird von Monat zu Monat besser, wie Nora Driesch weiß. Die frühere Sonderschulpädagogin leitet einen Alphabetisierungskursus für Menschen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist und die auch Lesen und Schreiben nie gelernt haben.

Seit zwei Jahren lebt das Ehepaar Murad mit seinen fünf Kindern in Adendorf, im November hatte es für die beiden kurdischstämmigen Yesiden aus dem Irak endlich mit einem Sprachkursus geklappt. Vor allem der 50-jährige Hamo ist glücklich, dass er nun Deutsch lernen kann, er erhofft sich dadurch bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Viele Gründe für Analphabetismus

Auch für Leyla Mezhidowa geht es nun endlich los, immerhin ist die Tschetschenin schon seit zehn Jahren in Lüneburg. Wa­rum sie erst jetzt mit einem Deutschkursus beginnt, erklärt die 31-Jährige mit der Erziehung ihrer vier Kinder im Alter von vier bis 13 Jahren, die habe sie ans familiäre Heim gebunden.

Nora Driesch kennt diese Argumente. „Die Familie geht bei vielen Menschen aus anderen Kulturkreisen eindeutig vor. Die Kindererziehung liegt bei den Frauen, ihr Leben spielt sich dann oft nur zu Hause ab“, berichtet die Pädagogin. Dass allein aber sei nicht der Grund für den Alphabetisierungskursus, der seit November bei der Lüneburger Zweigstelle der Ländlichen Erwachsenenbildung in Niedersachsen (LEB) läuft. Denn viele der nach Deutschland geflüchteten Menschen seien sogenannte primäre oder funktionale Analphabeten, Menschen also, die noch nie Lesen und Schreiben gelernt haben oder ihre Schulausbildung abgebrochen haben.

Ein Jahr lang dauert der Kursus, Ziel ist der erfolgreiche Abschluss der DTZ-Prüfung, der Deutsch-Test für Zuwanderer mit der Qualifikation A1-B2. „Das ist der Nachweis, dass die Grundverständigung auf Deutsch möglich ist“, erklärt Driesch. So benötigten Krankenschwester beispielsweise die Qualifikation B2, Altenpfleger B1.
Insgesamt 900 Stunden haben die Teilnehmer bis zur Prüfung absolviert, ein stures Büffeln aber sei der Unterricht nicht, erklärt Driesch, die seit drei Jahren in der Erwachsenenbildung tätig ist und zuvor unter anderem an der Schule am Knieberg unterrichtet hat. Besonders hilfreich beim Lernen der deutschen Sprache für Analphabeten seien Stegreifspiele, „denn Lernprozesse vollziehen sich schneller und wirkungsvoller, wenn wir uns bewegen“.

900 Stunden bis zur Prüfung

Ganz ohne Unterricht gehe es dennoch nicht. Das Problem für viele bestehe darin, Buchstaben wie A und M beispielsweise als Einheit und nicht nur als jeweils einzelne Elemente zu erkennen. Dass diese „Synthese“, wie Driesch es fachlich korrekt bezeichnet, in ihrem Kursus bereits von 90 Prozent der insgesamt 15 Teilnehmer vollzogen werde, mache sie „total glücklich“. Denn erst damit sei die Grundlage geschaffen, nun auch mit dem Lesen beginnen zu können.

Leyla Mezhidowa ist froh, dass sie mit dem Erlernen der Sprache ihr Leben nun bald auch selbstständiger angehen und beim Markt- und Stadtbummel auch die Angebote wahrnehmen kann.

Von Ulf Stüwe