Donnerstag , 1. Oktober 2020
Die „Amt Neuhaus“ fährt an 365 Tagen im Jahr. Für Petra Wilhelm ist die Fähre im Laufe der Zeit zu einer Art Zuhause geworden. (Foto: t&w)

Ruhestand der Fähre rückt näher

Bleckede. Ein eisiger Wind weht auf der „Amt Neuhaus“. Dafür entschädigt die malerische Kulisse, strahlender Sonnenschein und stahlblauer Himmel, dieser Tag im Februar mutet fast frühlingshaft an. „Hat das nicht was?“ fragt Fährfrau Petra Wilhelm, während ihr Blick über die Elbe schweift. Das hier ist ihr Revier, seit 1990 arbeitet sie auf der Elbfähre, zunächst als Kassiererin, als der Betreiber im Jahr 2005 verstarb, übernahm sie die Pacht vom Landkreis Lüneburg.

Das hätte sie sich damals, als sie den Aushilfsjob antrat, nicht träumen lassen – aus Beruf ist schnell Berufung geworden. Wind und Wetter machten ihr nichts aus, erzählt sie. Sie sei gerne an der frischen Luft. „Nur Nebel und Sturm mag ich nicht so, aber das kann man sich eben nicht aussuchen.“

An ihrem Beruf liebt Wilhelm besonders die Vielseitigkeit der Natur, das bewusste Wahrnehmen des Wechsels der Jahreszeiten. Schon jetzt freut sie sich auf das Ergrünen der Bäume. „Man kann hier auch toll Steinadler und Biber beobachten“, schwärmt Wilhelm, die sich selbst als absoluten Naturmenschen bezeichnet.

„Wir brauchen eine neue Fähre, diese leidet an akuter Altersschwäche.“ – Petra Wilhelm , Fährfrau

Arbeiten, wo andere Urlaub machen, das treffe es. Dass das Kassieren und das Steuern der Fähre für sie nicht nur ein Job ist, merkt man sofort. Im Laufe der Jahre hat Wilhelm ihre Kunden ins Herz geschlossen, und das beruht auf Gegenseitigkeit: Der 81-jährige Richard Steigmann ist ein häufiger Fahrgast auf der „Amt Neuhaus“, ganz ohne Termine auf der anderen Seite der Elbe. „Zuhause bin ich alleine, bevor ich den ganzen Tag auf die Tapete starre, bin ich doch lieber hier draußen“, so Steigmann. Er möge es, sich mit Petra Wilhelm zu unterhalten, „so haben wir beide Gesellschaft“, freue sich, wenn er ihr dann und wann unter die Arme greifen könne. Die zwischenmenschliche Komponente an ihrem Beruf gefällt Wilhelm gut. „Viele Menschen fahren seit Jahren jeden Tag mit mir, das verbindet natürlich. Man kriegt schon sehr viel mit. Selbst Urlauber kennt man inzwischen, beobachtet über die Jahre, wie Familien wachsen, Kinder älter und größer werden.“

Schon seit 1990 ist die „Amt Neuhaus“ im Einsatz

Älter wird auch ihre Elbfähre: Genau wie Petra Wilhelm ist auch die „Amt Neuhaus“ seit 1990 für die Pendler von Bleckede nach Neu Bleckede im Einsatz, doch ihre Tage sind gezählt. Voraussichtlich im nächsten Jahr soll eine Nachfolgerin vom Stapel laufen. „Wir brauchen eine neue Fähre, diese leidet an akuter Altersschwäche“, sagt Petra Wilhelm. „Es ist doch so wie mit einem Auto- wenn das nicht mehr durch den TÜV kommt, kann man es nicht mehr fahren. Sicherheitstechnisch muss da was gemacht werden.“ Mit diesem Thema gehe man nun seit Jahren schwanger, langsam müsse endlich etwas passieren.

So pragmatisch die Fährfrau den Austausch auch erklärt, die Wehmut merkt man ihr an. „Ja, ich hänge mit dem Herzen schon sehr an der „Amt Neuhaus“, räumt sie ein. Die neue Fähre könne etwas größer sein, vielleicht zwei bis drei Meter länger, ansonsten hofft sie, dass sich wenig ändern wird. Etwas Luxuriöseres benötigt sie nicht. „Im letzten Jahr hatten wir von April bis September Niedrigwasser, da brauchen wir von einer Fähre mit mehr Tiefgang gar nicht zu sprechen“, so Wilhelm. Auch zum Thema Solarantrieb macht sie eine wegwerfende Handbewegung. „Das mit der Sonnenenergie ist ja alles schön und gut. Aber ich bin hier darauf angewiesen, dass der Verkehr läuft- auch bei Schietwetter.“ In der letzten Woche war Kreisrat Jürgen Krumböhmer in Bonn, um die Planung der neuen Fähre voranzutreiben, es wird konkreter.

Fährfrau fällt der Abschied schwer

Obwohl sie Fähre und Gewässer am Besten kennt, wird Wilhelm nicht in die Planung miteinbezogen. Das findet sie auch gut so. „Ich bin doch nicht die Besitzerin“, sagt die Fährfrau achselzuckend. Sie sei froh, dass der Landkreis sich um alles kümmere, man stünde im regen Austausch. „Es wird sich etwas verändern, aber ich kann die Pendler beruhigen: Strecke und Zeit werden gleich bleiben“, verspricht Wilhelm mit einem Schmunzeln. Klar sei aber auch, dass eine neue Fähre den Bau einer neuen Rampe nach sich ziehe. „Wie das alles vonstatten gehen soll, da lasse ich mich selbst gern überraschen.“ Denn: Damit wird auf jeden Fall eine längere Sperrung der Strecke einhergehen. Mit Aussagen, wann man denn mit der neuen Fähre rechnen könne, hält sich der Landkreis bedeckt.

Jürgen Krumböhmer: „Es ist noch nichts absehbar, wir müssen zunächst eine Förderung beantragen, deren Entscheidung es abzuwarten gilt. Für die Fähre gibt es keine Richtlinien, kein Schema F. Das wird alles etwas komplizierter.“ Den Pendlern ist es gleich, welcher schwimmende Untersatz sie auf die andere Seite der Elbe bringt, doch ihre Fährfahrt möchten sie nicht missen. „Für mich sind das immer ein paar Minuten Urlaub vom Alltag, ich kann kurz innehalten und die Natur genießen“, sagt Angela Nibelschütz, die die „Amt Neuhaus“ oft dienstlich nutzt, wenn sie nach Boizenburg muss. „Wenn man noch ein bisschen Kind geblieben ist, dann macht das Spaß. Eine Brücke wäre natürlich schneller, aber die Fähre ist romantischer.“

Die Entdeckung der Gemütlichkeit

Auch Torsten Prüser schätzt die kurze Verbindung nach Boizenburg und den Blick auf die Elbe. „Es ist einfach sehr gemütlich. Hauptsache, die Fährverbindung bleibt.“ Eine andere Pendlerin bezweifelt, dass jetzt tatsächlich Schwung in die Anschaffung der neuen Fähre kommen wird, „ich glaube immer nur das, was ich sehe“, sagt sie.

Petra Wilhelm jedenfalls ist gespannt, auf was für einem Kahn sie in den nächsten Jahren jeder Witterung trotzen wird und hofft, dass ihr Zwangsurlaub an Land dann nicht allzu lang andauern wird. „Wenn ich die Motorengeräusche nicht höre, dann bin ich krank.“

Zur Sache

So groß soll die neue Fähre werden

  • Länge Rumpf: 30 Meter
  • Länge über Klappen: 38 Meter
  • Breite Rumpf: 9,8 Meter
  • Höhe Rumpf: 1,2 Meter
  • Maximaler Tiefgang: 0,6 Meter
  • Verdrängung: 140 Meter
  • Tragfähigkeit/ Zuladung: 40 Tonnen
  • Maximale Geschwindigkeit durchs Wasser: 10 km/h
  • Zulassung: BinSchUO Zone 4

Von Lea Schulze