Dienstag , 29. September 2020
Der Auszubildende Kevin Kunert aus Lüneburg scannt ein Paket. Tourführerin Sandra Leibnitz erklärt die Arbeitsschritte. (Foto: t&w)

„Arbeitet hart. Habt Spaß“

Winsen/Luhe. Deutschlands nördlichstes Amazon-Logistikzentrum „HAM2“ öffnet jetzt regelmäßig seine Pforten für Besucher. Es bietet montags bis freitags geführte Touren an durch das gigantische Gebäude im Winsener Gewerbegebiet Luhdorf an der A39. Gestern war Premiere: Eine Schülergruppe der Berufsbildenden Schulen Winsen/Luhe blickte hinter die Kulissen des Online-Versandriesen, der nach eigenen Angaben rund 1800 Mitarbeiter an dem Standort beschäftigt. Mehrere Medienvertreter begleiteten den Tross durch das rund 64 000 Quadratmeter große Logistikzentrum, das als erster deutscher Standort Transportroboter einsetzt. Staunend vollzogen die Schüler die einzelnen Schritte von der Online-Bestellung bis zum Warenausgang.

Pressesprecher Michael Schneider bemühte sich, die heile Welt des Amazon-Universums darzustellen. Außerhalb hingegen wächst die Kritik, sei es bei der Vereinigten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) oder beim lokalen Einzelhandel in Lüneburg (siehe Text unten).

Transportroboter fahren Tausende Regale hin und her

Schon im weitläufigen Eingangsbereich prangen in großen schwarzen Lettern an den ockerfarbenen Wänden die Motivationssprüche des amerikanischen Konzerns für die Belegschaft: „Work hard. Have fun. Make history“ („Arbeitet hart. Habt Spaß. Schreibt Geschichte.“). Ähnliches findet sich in den Besprechungsräumen bis hin zur Kantine. Ausdruck einer eigenen Mentalität, die offenbar auch bei den Mitarbeitern verfängt. „Ich bin stolz, hier arbeiten zu dürfen. Und man wird hier gut gefördert“, sagt beispielsweise der 20-Jährige Kevin Kunert aus Lüneburg. Er hat an dem Amazon-Standort im vergangenen August eine Ausbildung zur Fachkraft für Lagerlogistik begonnen. Ebenso der Winsener Paul Knüppel (20). Beide gehören zu der Winsener Berufsschulklasse, die die erste geführte Tour mitmachen darf.

Insgesamt rund 20 Kilometer Strecke messen die Förderstraßen in dem Logistikzentrum. (Foto: t&w)
Staunende Blicke der Schüler zieht vor allem eines der sogenannten „Robotic Fields“ auf sich: Auf „23 000 Quadratmetern auf drei Ebenen mit jeweils 10 000 Regalen“, sagt Tourführer Florian Kramer, surren zahlreiche Roboter über den Boden. Die Kästen sehen aus wie überdimensionale Staubsaugerroboter. Mit 5,5 Kilometer pro Stunde fahren die 145 Kilo schweren Geräte hin und her, setzen sich automatisch unter ausgewählte Regale, heben sie an und fahren sie zu den Mitarbeitern, die hinter einem Gitter an Arbeitsstationen für die Wareneinlagerung oder Warenentnahme im Dreischicht-Betrieb arbeiten.

„Chaotische Warenlagerung“ in Winsen

Im „Store“-Bereich sortieren Mitarbeiter die Waren in die Regale ein, daneben, im „Pick“-Bereich, fordern andere Kollegen die Regale an, um die Waren für eine Kundenbestellung wieder zu entnehmen. Eine chaotische Warenlagerung, bei der beispielsweise die Babypuppe neben dem W-LAN-Router verstaut ist und die Regalfächer anhand von digital lesbaren Barcodes zugeordnet werden. Mitarbeiter schicken die Kundenbestellungen dann in schwarzen Kisten auf Laufbändern auf die Reise, zum Verpacken, Etikettieren und schließlich zum Warenausgang. Die bestellten Produkte haben, bis sie zur Auslieferung in einen Transporter geladen werden, bereits auf den Förderstraßen in den Logistikhallen rund 20 Kilometer zurückgelegt.

40-Stunden-Woche im Dreischicht-Betrieb

Die Besucher beobachten Mitarbeiter an verschiedenen Verteil- und Sortierstationen an Förderbändern, Regalsystemen und Verpackstationen. Sitzgelegenheiten für die Mitarbeiter sind nicht zu sehen. Dafür Automaten entlang der blaumarkierten Laufwege. Wer seinen Mitarbeiterausweis dort einscannt, erhält neue Arbeitshandschuhe oder Werkzeug. Gearbeitet wird nach einer 40-Stunden-Woche, laut Tourführer Kramer im Dreischichtbetrieb, von 6.30 bis 15.15 Uhr, von 15.15 Uhr bis Mitternacht und von Mitternacht bis 6.30 Uhr. Kramer: „Die meisten Auslieferungen haben wir montags und dienstags, wenn die Kunden am Wochenende vom Sofa aus ihre Bestellungen gemacht haben.“ Genaue Zahlen dazu nennt er nicht. Zum Betriebsstart im Herbst 2017 war noch von 50 000 bis 60 000 Paketen pro Tag die Rede. Das Volumen sollte verdreifacht werden, hieß es damals.

E-Reader für die Gäste

Zum Schluss der Tour durch das Logistikzentrum erhalten die Schüler Gastgeschenke, neben Amazon-Thermoskannen gibt es auch Kindle-E-Reader für die mehr als 20 Besucher. LZ-Praktikantin Inés steht im Hintergrund mit den anderen Medienvertretern. Ihr rutscht ein Kommentar raus: „Demnächst werden bestimmt ganz viele E-Reader bei Ebay angeboten.“
In einer Pressemitteilung lässt Standortleiter Norbert Brandau verkünden: „Jeder kann uns besuchen und sich selbst ein Bild von uns machen, wie wir arbeiten.“ Amazon sei „ein guter Nachbar, der offen für alle ist“. Anmeldungen sind unter www.amazon.de/touren möglich.

Kritik von Verdi und Handel

Die Gewerkschaft und Lüneburger Kaufleute beklagen negative Effekte durch Amazon

Winsen/Lüneburg. Kritisch gegenüber Amazon als Arbeitgeber zeigt sich weiterhin die Vereinigte Dienstleistungsgesellschaft (Verdi). Matthias Hoffmann, Leiter des Verdi-Bezirks Lüneburger Heide sagt auf LZ-Nachfrage: „Unsere Sorge ist in den vergangenen anderthalb Jahren eher größer geworden.“ Es habe sich vermehrt gezeigt, dass der Konzern von seinen Mitarbeitern absolute Leistungsbereitschaft und Effizienz verlange, „sonst werden die befristeten Arbeitsverträge nicht verlängert“.

Dem hält Amazon-Sprecher Michael Schneider entgegen: „Wir haben gegenüber unseren Arbeitnehmern eine gewisse Leistungserwartung. Ich glaube, das hat jeder Arbeitgeber.“ Zudem würden laut Schneider monatlich immer mehr Arbeitsverträge entfristet, derzeit gelte das insgesamt für rund 800 Mitarbeiter. Gezahlt werde über Mindestlohn: zu Beginn rechnerisch 11,32 Euro pro Stunde. Seit vergangenem Sommer gibt es beim Standort Winsen auch einen Betriebsrat, dessen Bildung von der Standortleitung aktiv unterstützt wurde. Dazu Hoffmann: „Verdi begrüßt, dass es einen Betriebsrat gibt. Gesetzlich ist das alles in Ordnung.“

Hingegen ist man bei der Stadt Winsen ganz zufrieden. Stadtsprecher Theodor Peters sagt: „Amazon ist ein wichtiger Arbeitgeber in der Region, der auch unqualifizierten Kräften eine Chance gibt.“ Nach den negativen Effekten für den Einzelhandel befragt, sagt Peters: „Sie müssen fragen, ob Amazon dem Einzelhandel Probleme bereitet. Der Standort ist es nicht.“ Von dem darf sich Winsen auch eine kräftige Gewerbesteuerzahlung erwarten. Amazon-Sprecher Schneider sagt: „Pro Jahr wird das ein sechsstelliger Betrag sein. Aktuell warten wir auf die Veranlagung des Finanzamtes für die abgegebene Steuererklärung für das Jahr 2017, auf dessen Grundlage dann auch die fällige Vorauszahlung für 2018 berechnet wird.“

Das Nachsehen haben hingegen die Einzelhändler in der Lüneburger Innenstadt. Laut Heiko Meyer von der „Lüneburger Citymanagement“ (LCM) nehme der Druck durch Online-Händler spürbar zu. Lokale Einzelhändler müssten auch online präsent sein. Ein Instrument das Angebot von „Kaufhaus Lüneburg“. Dort können Kunden online, aber lokal einkaufen, und sich die Waren ebenfalls liefern lassen. Meyer: „Es müssten nur noch mehr Händler mitmachen.“

Von Dennis Thomas

https://www.landeszeitung.de/a/36934-im-inneren-des-versand-riesen