Der Verteidiger Ulrich Albers mit der Angeklagten. Foto: be

Psychiatrie oder Knast?

Lüneburg. Sie hat ihre vier Monate alte Tochter Maya Ende Dezember 2016 in ihrer Soltauer Wohnung mit einem Kissen erstickt und dem Baby später mit einem Messer den Kopf abgeschnitten. Doch was hatte die heute 24-jährige, aus Eritrea stammende Mutter als Motiv? Und war sie zur Tatzeit schuldfähig? Zu den Fragen hörte die 1. große Strafkammer am Landgericht Lüneburg am Mittwoch zwei Gutachter und bekam von ihnen nicht nur die Gutachten, sondern auch einen Disput serviert. Denn für den einen Psychiater ist die Frau krank, leidet an einer schweren Borderline-Persönlichkeitsstörung, für den anderen ist bei ihr keine schwere Störung der Persönlichkeit festzustellen.

„Sie ist gefährlich, eine tickende Zeitbombe“

In dem Prozess geht es um die Frage: War es Mord, Totschlag oder muss die Angeklagte in die Psychiatrie? Für den Psychiater Dr. Ludwig Hermeler aus Wietmarschen ist klar: „Sie ist gefährlich, eine tickende Zeitbombe, braucht eine intensive Behandlung, ohne die weitere gefährliche Taten bis hin zur Tötung zu erwarten sind.“ Er attestiert ihr mit der Borderline-Störung eine „schwere andere seelische Abartigkeit, sie verspürte am Tatabend eine unerträgliche innere Leere, war zur Tatzeit in erheblicher Weise vermindert steuerungsfähig“. Er habe als Psychiater unter anderem in Gefängnissen in mehr als 25 Jahren unzählige Patienten gehabt: „Sie gehört zu dem auserwählten Dutzend der massivst Auffälligsten.“ Folgt das Gericht seiner Auffassung, würde das einen langjährigen Aufenthalt der Angeklagten in einer psychiatrischen Einrichtung bedeuten. Der Vorsitzende Richter nannte hier einen möglichen Zeitraum von zehn bis 15 Jahren.

Tatmotivation nicht klar

Der Lüneburger Psychiater Dr. Frank Wegener geht von einer Tötungsabsicht aus, wenngleich ihm die Tatmotivation nicht klar sei, es hier aber mehrere Möglichkeiten gebe. Für eine schwere seelische Störung gebe es keine Hinweise. Dass sie sich im Gefängnis aufzuhängen versucht hat und dort immer wieder mit dem Hinterkopf gegen Wände schlug, könne auch das Ziel gehabt haben, dass sie in die Psychiatrie, nicht in den Knast kommt. Folgt das Gericht Wegener, würde das eine lange Haftstrafe bedeuten.

Eine Spekulation allerdings teilen sich beide Gutachter: Die Frau könnte in ihrer verzweifelten Stimmungslage zur Tatzeit einen erweiterten Suizid geplant und vorgehabt haben, sich und ihr Kind umzubringen. Als sie dann nach ihrem Schlaf das Baby mit dem abgeschnitten Kopf gesehen habe, habe sie davon Abstand genommen.

Gutachter nennt fünf mögliche Motive für die Tat

Wegener nannte fünf mögliche Tatmotive, am wahrscheinlichsten sei dabei allerdings eine Mischsituation aus mehreren Möglichkeiten: In ihrer Heimat gelten uneheliche Kinder als Sünde, sie wollte mit der bewussten Tötung diese Sünde rückgängig machen. Es war Rache an ihrem Partner, dem Kindsvater, der sich zu wenig um sie kümmerte und sie sitzen gelassen hat. Sie war mit dem Kind subjektiv überfordert. Sie tötete Maya, um ohne die Belastung eines Kindes ein neues Leben anfangen zu können. Oder eben der erweiterte Suizid „in einer trostlosen Situation, in der sie keine Zukunft für sich mehr sah“.

Die Kammer muss nun werten, wie sie die Angaben der Psychiater dem objektiven Tatgeschehen, den Zeugenaussagen und der Vita der Angeklagten zuordnet. Die Plädoyers von Staatsanwalt, der Anwältin des Kindsvaters und des Verteidigers sind für den 25. Februar vorgesehen, dann könnte auch das Urteil gesprochen werden.

Von Rainer Schubert

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