Dienstag , 20. Oktober 2020
Innenminister Boris Pistorius (r.) gratuliert Polizeipräsident Thomas Ring zu seinem neuen Amt. Ring ist der Chef von mehr als 2800 Mitarbeitern. Knapp 200 Gäste aus Politik, Verwaltung, Justiz, Hilfsdiensten und Polizei waren in die Musikschule gekommen. Tenor mehrerer Redner: Ring ist ein kompetenter Mann auf dem richtigen Posten. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit soll die Zusammenarbeit mit den Landräten und Bürgermeistern in den acht Kreisen sein, die im Bezirk der Polizeidierektion mit gut 1,2 Millionen Einwohnern liegt. Hier soll die Zusammenarbeit unter seinem Vorgänger Robert Kruse nicht optimal gelaufen sein. Kruse war im Dezember in den einstweiligen Ruhestand versetzt worden. Zu den Gründen wollte Pistorius auch gestern nichts sagen. Foto: t&w

Neuer Chef, neue Strategie

Lüneburg. Bislang setzte die Polizeidirektion auf eine sogenannte Clearingstelle, um ungeklärte Mordfälle in Sachen des ehemaligen Friedhofsgärtners Kurt-Werner Wichmann zu sammeln und zu bewerten. Fachleute aus dem Bund deutscher Kriminalbeamter (BdK) hatten das Vorgehen kritisiert. Sie favorisieren Cold-Case-Einheiten, wie es sie beispielsweise in Hamburg gibt. Auch die Polizeidirektion Hannover setzt auf diesen Weg. Nun dürfte Lüneburg folgen. „Vieles spricht dafür“, sagt der neue Polizeipräsident Thomas Ring im Gespräch mit der LZ. Damit verabschiedet er sich von der Linie seines Vorgängers Robert Kruse.

Er wolle das Thema schnell angehen, sagt Ring. Gleichwohl nicht übereilt: „Wir müssen sehen, wo wir das ansiedeln, wo wir Fachleute herbekommen.“ Es werde ein Prozess werden, denn es besteht eine Ermittlungsgruppe Göhrde mit sechs Beamten, die sich mit zwei Doppelmorden im Sommer 1989 beschäftigt. Als mutmaßlicher Täter gilt aufgrund einer DNA-Spur Wichmann; er soll ebenfalls für den Tod von Birgit Meier verantwortlich sein. Sie verschwand 1989, ihre Leiche wurde im September 2017 unter Wichmanns Garage gefunden. Wichmann hatte sich 1993 das Leben genommen.

Wahrscheinlich ein Täter, aber drei Ermittlungsgruppen

Wie berichtet, wird Wichmann bundesweit mit Dutzenden Mordfällen in Verbindung gebracht. Bei der Polizeidirektion sollen angeblich rund 200 Taten gemeldet worden sein. Aus Polizeikreisen heißt es, dass sich darunter augenscheinlich vieles findet, was kaum eine Rolle spielen dürfte, doch intern Kapazitäten binde. Da Wichmann aber quasi nicht in Gänze betrachtet wird, arbeiten aktuell drei Ermittlungsgruppen an Fällen, für die er infrage kommen könnte: die Göhrde-Morde, der Tod von Ilse Gehrkens, die im Tiergarten erschossen wurde, und das Schicksal von Ulrike Burmester, die vergewaltigt und getötet wurde.

Neben der Vergangenheit nimmt Polizeipräsident Ring selbstverständlich aktuelle Themen in seinen acht Landkreisen zwischen Elbe, Heide und Wendland in den Blick, in denen rund 1,3 Millionen Menschen leben. Er nennt fünf Schwerpunkte.

Für den Bereich Islamismus und Terrorismus geht es ihm darum, alles zu tun, damit „kein Anschlag passiert“. Praktiker beklagen, dass für Überwachung von „Gefährdern“ unter anderem zuständige Mobile Einsatzkommandos (MEK) dadurch sehr eingebunden sind und andere Fälle liegen lassen müssen. Ring ist das bewusst, setzt auch auf verdeckte und technische Maßnahmen und die Zusammenarbeit mit LKA und anderen MEKs.

Digitalisierung und Cybercrime

Digitalisierung und Cybercrime , also Taten, die beispielsweise mit dem Internet zu tun haben, sind ebenfalls ein Bereich, in dem es um Zusammenarbeit gehe. Und die strategische Ausrichtung werde aus Landesebene beraten.

Die Clan-Kriminalität soll stärker in den Fokus genommen werden. Darüber will er auf lokaler Ebene mit Landräten und Bürgermeistern sprechen.

Das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung treibt den obersten Polizisten ebenfalls um. Obwohl Straftaten in vielen Bereich sänken, gebe es Unsicherheiten. Prävention soll eine Rolle spielen.

In diesen Bereich fällt auch die Präsenz im ländlichen Raum , die von vielen als mangelhaft empfunden wird. Polizeiintern wurde in der Vergangenheit massiv kritisiert, dass die Polizeidirektion Lüneburg im Vergleich zu anderen Direktionen in Niedersachsen personell zu schlecht ausgestattet sei. Ring will sich auch hier ein Bild machen und mit Akteuren vor Ort reden. Er verweist zudem darauf, dass das Land die Einstellungszahlen erhöht habe.

Eine Karriere mit vielen Seiten

Der Vater zweier erwachsener Töchter hat zig Positionen innerhalb der niedersächsischen Sicherheitsbehörden durchlaufen. Das vermittelt Kompetenz und spricht dafür, dass er innerhalb des Apparats weiß, worauf es ankommt. Braunschweig und Hannover haben bislang sein Leben geprägt. „In Lüneburg hatte ich bislang dienstlich kaum zu tun“, sagt er. 1983 kam er zur Polizei. Bereitschaftspolizei, Einzeldienst, die üblichen Stationen. Dann ging es zielstrebig weiter und zwischen Ämtern hin und her: Landeskriminalamt, Ministerium, ein leitender Posten in Braunschweig, Verfassungsschutz, am Ende Vize-Chef des LKA und nun Lüneburg. Ring freut sich: „Eine Ehre, dass der Minister mich ausgewählt hat, und das i-Tüpfelchen der polizeilichen Laufbahn.“

Von Carlo Eggeling

Mord an Birgit Meier

Kritik an Rechtsmediziner

Aus Polizeikreisen und der Staatsanwaltschaft gibt es unter der Hand Kritik am Leiter der Hamburger Rechtsmedizin, Klaus Püschel. Er habe in einem Buch und einer wissenschaftlichen Publikation sogenanntes Täterwissen preisgegeben. So sei der Schädel der ermordeten Frau mit einem Projektil gezeigt worden, auch über die „Auffindesituation“ unter der Garage des mutmaßlichen Täters Kurt-Werner Wichmann habe Püschel berichtet.

Der Mediziner, der seit Jahrzehnten weltweit einen hervorragenden Ruf hat, kontert: „Sollte ich etwas ausgeplaudert haben, bin ich schuldbewusst. Aber alles, was ich veröffentlicht habe, stand bereits in der Zeitung beziehungsweise hat die Polizei selbst bekannt gegeben.“ Der Professor gehört zur Gruppe aus forensischen, kriminologischen und juristischen Experten um Wolfgang Sielaff, die es geschafft hatte, dass der Fall Birgit Meiers wieder aufgerollt wurde.