Sonntag , 27. September 2020
Sogenannte Keyless-Systeme werden in vielen modernen Autos eingesetzt. Das Funksignal zwischen Auto und Fernbedienung ist praktisch, da es das Fahrzeug ab einer gewissen Entfernung automatisch ab- und wieder aufschließt. Doch Diebe können das System relativ leicht knacken. Foto: BMW

Der Schlüssel zum Diebstahl

Lüneburg/Adendorf. 4.22 Uhr, mitten in einem Adendorfer Wohngebiet. Es ist kalt. Und ruhig. So wie drei Männer, die sich einem Grundstück nähern. Einer bleibt an der Straßenecke stehen, die anderen steuern ihr Ziel an: Neben einem Haus steht ein BMW der Luxusklasse in der Auffahrt. Das Geschehen wird von einer Überwachungskamera aufgezeichnet. Nur 27 Sekunden, nachdem die Männer das Grundstück betreten, ist das Auto geöffnet. Rund 50 Sekunden danach fahren sie mit dem BMW davon. Unbemerkt.

Der Bewohner sieht erst um kurz vor 7 Uhr, dass sein Auto nicht mehr da ist. „Ich habe gleich die Polizei angerufen“, sagt er. Die macht ihm wenig Hoffnung, seinen BMW je wiederzubekommen. Auch seine Einwilligung, dass die Polizei sich mit BMW in Verbindung setzt, nützt nichts: Das Auto ist nicht mehr zu orten.

Geringe Chancen, das Fahrzeug wiederzubekommen

„Ich habe selbst noch versucht, bei BMW anzurufen“, sagte der Besitzer. Doch die zuständige Hotline ist erst ab 8 Uhr geschaltet. „Da war mein BMW wohl schon in Osteuropa.“ Auch die Polizei schließt nicht aus, dass es Täter aus Osteuropa gewesen sein können. „In den vergangenen sechs Monaten wurden in Stadt und Landkreis 21 Fahrzeuge als gestohlen gemeldet, im Bereich der gesamten Polizeiinspektion 38“, sagt Antje Freudenberg. Auch die Pressesprecherin der Lüneburger Polizei stuft die Chance, dass die Täter gefasst und das gestohlene Auto entdeckt wird, als „sehr gering“ ein.

Vier Tage später muss die Polizei die Statistik erneut ändern. Gleich drei Autos der gehobenen Mittelklasse werden in einer Nacht in Lüneburg gestohlen. Ein Audi A6, ein BMW 540i und ein BMW 320d. Die Parallelen zum Adendorfer Fall: Alle Fahrzeuge hatten sogenannte Keyless-Go-Schließsysteme. Die sind praktisch. Für die Fahrer, aber auch für die Diebe.

Schlüssel sendet permanent Funksignale

Mit „Keyless Go“, „Keyless Access“ oder „Keyless Entry“ bezeichnen die Hersteller die gleiche Technologie: Der Schlüssel sendet permanent Funksignale. Nähert sich der Fahrzeugbesitzer bis auf etwa einen Meter seinem Auto, kann er ohne Betätigung des Schlüssels das Auto öffnen und starten. Für diese Form der Bequemlichkeit verlangen die Hersteller rund 300 Euro extra. Für immer mehr Autobesitzer sind dieses Systeme aber deutlich „teurer“ geworden: Im Fall eines Diebstahl erstatten Versicherungen nur den Wiederbeschaffungswert des Fahrzeuges. Das geht ins Geld, denn schon sechs Wochen nach der Erstzulassung mit knapp 3000 Kilometern Laufleistung gilt ein Neuwagen nicht mehr als Neuwagen, urteilte Mitte 2018 das Oberlandesgericht Hamm.

Die Wahrscheinlichkeit eines Diebstahls ist bei Fahrzeugen mit Keyless-Go-Systeme relativ hoch, weil sie sehr einfach zu „knacken“ sind. Das hat der ADAC bewiesen: 30 Fahrzeuge unterschiedlicher Hersteller konnten jeweils innerhalb weniger Sekunden geöffnet werden. Dazu verwenden die Diebe eine simple Technik: Sie fangen das Funksignal des Schlüssels auf und benutzen einen Reichweitenverlängerer, gaukeln dem System also vor, direkt am Auto zu stehen, obwohl der Schlüssel noch im Haus des Besitzers liegt. Laut ADAC reichen technische Grundkenntnisse aus, um solche Reichweitenverlängerer zu bauen. Anleitungen dazu gibt es im Internet.

Hersteller räumen Probleme ein und wollen nachjustieren

Dabei kann man sich sehr einfach schützen: Polizei, ADAC und der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft raten Besitzern, ihre Keyless-Go-Schlüssel weiter weg vom Auto im Haus abzulegen oder, noch besser, den Schlüssel in einem Metallbehälter aufzubewahren, der das Funksignal abschirmt. Solche Behälter sind im Zubehörhandel erhältlich. Wer kein Geld ausgeben will, kann auch ein paar Lagen alte Alufolie benutzen.

Mehrere Hersteller haben gegenüber der LZ eingeräumt, dass Keyless-Go-Systems leicht zu knacken sind. VW, Audi, BMW und Daimler rüsten im Kampf gegen Autodiebe aber nach. Die neuen Schlüssel senden zum Beispiel nicht mehr pausenlos, sondern nur noch, wenn sie bewegt werden. Diebe müssten deutlich mehr riskieren, um das System zu überlisten.

Auf welche Weise die Hersteller reagieren und für welche Modelle das jeweils gilt, ist auf www.landeszeitung.de im Internet nachzulesen. Die vier größten deutschen Hersteller nehmen dort ausführlich Stellung zu dem Problem.

Das Video vom Diebstahl in Adendorf belegt aber nicht nur, wie einfach und schnell Diebe solche Systeme überlisten können. Es zeigt, dass neben Videokameras auch Bewegungsmelder keinen Schutz vor Einbruch und Diebstahl bieten: Den drei Männern war es völlig egal, dass mehrere Lampen per Sensor eingeschaltet wurden, als sie das Grundstück betraten.

Von Werner Kolbe

Zur Sache

Tipps der Polizei

Wenn Sie ein Fahrzeug mit Keyless Komfortsystem besitzen, legen Sie den Schlüssel nie in der Nähe der Haus- oder Wohnungstür ab oder versuchen Sie, das Funksignal durch geeignete Maßnahmen (zum Beispiel Aluminiumhüllen) abzuschirmen. Machen Sie vorher den Selbsttest. Nur wenn das Fahrzeug sich nicht einmal dann öffnet, wenn Sie den „abgeschirmten“ Schlüssel direkt neben die Fahrzeugtür halten, haben auch die Diebe mit dieser Technik keine Chance.

Achten Sie beim Aussteigen aus dem Auto auf Personen mit Aktenkoffern in Ihrer unmittelbaren Nähe. Dabei könnte es sich um professionelle Autodiebe handeln.

Fragen Sie bei dem Hersteller Ihres Fahrzeuges, ob für Ihr Auto der Komfortzugang temporär deaktiviert werden kann. Manche Hersteller bieten am Schlüssel die Funktion, durch zweimaliges Drücken auf die Verriegelungs-Taste am Schlüssel die Keyless Funktion ganz auszuschalten.

Mehr auf www.polizei-beratung.de im Internet

Das sagen Audi und Co.

Keyless-Go-Systemen sind komfortabel, sind aber auch leicht zu knacken: Innerhalb einer Woche wurden vier Autos gestohlen. In diesem Zusammenhang hat die LZ den führenden deutschen Autohersteller Audi, BMW, Daimler und VW folgende Fragen gestellt:

▶ Der ADAC hat schon 2016 und 2018 bei Test an 30 Fahrzeugen unterschiedlicher Hersteller Keyless-Go-Systeme in Sekundenschnelle knacken können. Was ist seither unternommen worden, um diese Systeme sicherer zu machen?

▶ Gibt es eine Empfehlung an BMW-Händler, Kunden auch die Schwachstellen des Schließ-Systems hinzuweisen?
Die Antworten:

Audi:

▶ In allen Neufahrzeugen kann der Kunde die Komfort-Schlüssel-Funktion (keyless go) selbst deaktivieren. In vielen älteren Fahrzeugen kann der Audi Service Betrieb auf Wunsch die Funktion deaktivieren. In zahlreichen neuen Modellen setzen wir eine neue Technologie ein, die die Sicherheit weiter steigert. Ein Lagesensor im Fahrzeugschlüssel sorgt dafür, dass der Funkschlüssel keine Funksignale sendet, wenn er abgelegt ist und nicht bewegt wird. Erst bei Bewegung, beispielsweise beim Gang des Fahrers hin zum Auto, sendet der Schlüssel Signale, die vom Auto empfangen werden können. Folgende Modelle sind aktuell schon mit der Technologie eines Schlüssel-Lage-Sensors ausgestattet: A6, A7, A8, Q8, e-tron. Ab Mitte 2019 folgen: A1, A3, A4, A5, Q2, Q3, Q5, Q7.

▶ Eine solche Empfehlung der Audi AG an die Händler ist uns nicht bekannt. Wir gehen aber davon aus, dass viele Mitarbeiter im Handel im Gespräch mit dem Kunden auf die einfache Sicherungsmöglichkeit hinweisen, den Komfortschlüssel in einer Metallbox aufzubewahren, um ein unberechtigtes Abgreifen des Funksignals zu verhindern

BMW:

▶ Die Automobilindustrie und insbesondere die BMW Group entwickelt ihre Maßnahmen ständig weiter, um auch neue Formen des Angriffs auf Fahrzeuge unwirksam zu machen. Ein Teilumfang dieser Maßnahmen stellt auch der Einsatz eines Fahrzeugschlüssels mit Motion Sensor Konzeptes dar. Dieser fließt seit März 2018 serienmäßig in die Fahrzeuge der 5er, 6er,7er Modelle und in alle weiteren Neuerscheinungen…ein. Zusätzlich gibt es seit Sommer 2018 eine Nachrüstlösung, um einen Schlüssel der neuesten Generation zu erhalten, für die älteren Fahrzeuge der im Vorfeld genannten Modelle im Handel.

Daimler:

▶ Keyless Go-Schlüssel neuerer Generation bieten die Option, durch zweimaliges Drücken auf die Verriegeln-Taste am Schlüssel die Keyless Go-Funktion auszuschalten. Dies wird durch kurzes Aufleuchten der LED (zwei kurze und ein langer Flash) am Schlüssel quittiert. Damit ist das System auch per Reichweitenverlängerer nicht mehr kompromittierbar. Jede weitere Tastenbetätigung am Schlüssel aktiviert die Keyless Go-Funktion wieder. Seit Mitte 2018 wird ein Bewegungssensor im Fahrzeugschlüssel verbaut. Das heißt, sobald sich der Schlüssel nicht mehr bewegt, zum Beispiel wenn er am Schlüsselhaken hängt, wird die Keyless Go Funktion deaktiviert. Somit ist auch keine Funkwellenverlängerung mehr möglich.

VW:

▶ „Keyless Access“ ist eine von den Kunden aktiv nachgefragte Komfortausstattung. Wir beobachten laufend die aktuellen Vorgehensweisen der Fahrzeugdiebe sehr genau und tauschen uns regelmäßig und intensiv mit übergeordneten Polizeistellen und der Versicherungswirtschaft zu dieser Thematik aus. Wir arbeiten kontinuierlich an Verbesserungen der Sicherheitssysteme, um Manipulationen zu erschweren bzw. zu verhindern…Volkswagen setzt z.B. im neuen Touareg ab Modelljahr 2019 ein weiteres Sicherheitsfeature (Bewegungssensor) ein, wobei sich bei Nichtbenutzung des Schlüssels die „Keyless Access“-Funktion automatisch deaktiviert. Diese Technologie steht bei weiteren aktuellen Fahrzeugtypen mit „Keyless Access“-Ausstattung unmittelbar vor der Einführung.

▶ Für einige Fahrzeuge älterer Modelljahre der Baureihen PQ und MQB liegt seit Juli 2017 ein Servicehinweis für Fahrzeuge mit „Keyless Access“ bei den Service-Partnern vor. Der Kunde kann somit eine temporäre Deaktivierungsfunktion auf eigenen Wunsch nachträglich erhalten, sofern für dieses Fahrzeug eine technische Softwareanpassung möglich ist.