Sonntag , 20. September 2020
Solveig August spielt die Zahnmedizinerin Margret Merz. Foto: be

Bekannt durch den Knast

Lüneburg. Die Fernseh- und Theaterwelt in Deutschland scheint klein zu sein, bei neuen Engagements treffen Schauspieler häufig auf alte Kollegen. Zu einem besonderen Wiedersehen kam es jetzt bei den Roten Rosen. Die neue Darstellerin Solveig August spielt Margret Merz, die mit ihrem Ehemann Cornelius (Tom Mikulla) eine Zahnarztpraxis betreibt. Sie erinnert sich an ihren ersten Tag am Set in Lüneburg: „Als Erster lief mir Gerry Hungbauer über den Weg. Wir haben fünf Jahre lang – von 1997 bis 2002 – am Badischen Staatstheater Karlsruhe gearbeitet. Unter anderem spielten wir gemeinsam in ,Cyrano de Bergerac‘. Er war Cyrano, der sich im Wortgefecht das Herz Roxanes eroberte.“ Als ihre Agentur bei ihr anrief und fragte, ob sie Interesse an den Rosen hätte, galt ihr erster Gedanke Gerry und der Frage, ob er nach so vielen Jahren noch dabei sei.

Engagement im Udo-Lindenberg-Musical

Die 1996 in Annahütte in der damaligen DDR geborene und in Berlin lebende Schauspielerin hat unzählige Theaterrollen gespielt, etwa in Dresden, Luzern, Kassel, Heilbronn, Aachen oder Berlin. „Mein letztes großartiges Engagement hatte ich im Udo-Lindenberg-Musical ,Hinterm Horizont‘. Ich stand in Berlin fast täglich auf der Bühne. Gar nicht so einfach mit meinem damals um die drei Jahre alten Sohn.“ Im Fernsehen war Solveig August unter anderem in „Die Drei“, „Tatort“, „Stille Wasser“, „Unschuld“ und zuletzt in „Alles was zählt“ zu sehen.

Einem größeren TV-Publikum wurde sie in ihrer Rolle als Nikola „Nik“ Gross in der RTL-Serie „Hinter Gittern – Der Frauenknast“ (2004 bis 2006) bekannt. „Ich war eine von den Guten, Nik saß unschuldig – ein Justizirrtum.“ Hier spielte Solveig August an der Seite der Ex-Hauptrose Cheryl Shepard. Die Berlinerin weiß: „Auch heute noch kommen Leute ins Theater und wollen ‚die aus Hinter Gittern‘ sehen.“

Neue Chancen durch die Wende

Zur Schauspielerei kam die Darstellerin auf Umwegen, wie sie sagt: „Ich bin in Dresden aufgewachsen, spielte vom 11. Lebensjahr an leidenschaftlich in Laienspielgruppen der sächsischen Landeskirche. Die Kirche war in der DDR eine Nische, ein geschützter Raum. Ich wollte auch anderen diesen geschützten Raum bieten und mit meiner Leidenschaft, dem Schauspiel, andere, jüngere anstecken. „Also entschied sie sich für ein vierjähriges Studium der Religionspädagogik, organisierte Gemeindefeste, Freizeitfahrten, hielt Christenlehre“. Während des Studiums kam die Wende: „Das Bild der Religionspädagogen war plötzlich ein völlig neues. Ich hätte weitestgehend in Schulen gearbeitet, zudem hatte Kirche in der neuen Gesellschaft ein doch sehr anderes Bild. Und natürlich waren für uns Ostler die Karten auf einmal völlig neu gemischt, neue Chancen und Wege taten sich auf.“

In der Phase habe sie einen Bekannten getroffen, der Schauspiel studierte, und dem sie das nicht zugetraut habe: „Ich dachte: Dann kann ich das auch. Das Problem: Staatliche Schauspielschulen nehmen Frauen nur bis zum Alter von 23 Jahren, ich war damals 22. Genau an meinem 23. Geburtstag habe ich meine Aufnahmeprüfung bestanden – ich war für einen Tag die Königin.“ Sie studierte an der Leipziger Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“, machte 1995 ihren Abschluss. Ein Jahr später als Tom Mikulla, der nun ihr Partner hier am Set ist. Die Wiedersehensfreude war groß.

Zweites Standbein als Persönlichkeitscoach

Lüneburg kannte Solveig August schon vor ihrer Rosen-Zeit: „Ich habe Verwandtschaft in Mecklenburg-Vorpommern. Als die Grenzen offen waren, machten wir Ausflüge nach Hamburg, Lauenburg – und Lüneburg. Eine schöne Stadt.“ Bei den Rosen fühlt sich die Darstellerin, die als Interaktions- und Präsenztrainerin und Persönlichkeits- und Businesscoach ein zweites berufliches Standbein hat, richtig wohl: „Es herrscht am Set eine ganz heimelige, wohlwollende Atmosphäre, trotz des straffen Arbeitspensums. Wir wollen das qualitativ Beste aus jeder Sekunde rausholen.“

Von Rainer Schubert