Samstag , 24. Oktober 2020
Paula Reuber aus Lüneburg ist Botschafterin eine internationalen Kampagne. Sie will auf der ganzen Welt dazu aufrufen, Marken mit dem Hashtag #whomademyclothes zu fragen, wer die Kleidung produziert hat. Foto: t&w

Kampf gegen die Ausbeutung

Lüneburg. Es ist der Morgen des 24. April 2013, als in einem Vorort von Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch, die achtstöckige Textilfabrik Rana Plaza einstürzt. Mehr als 5000 Arbeiter befinden sich zu dem Zeitpunkt in den Werkstätten, 1136 von ihnen sterben, mehr als 2000 werden verletzt. Bis heute gilt diese Katastrophe als der größte Unfall in der internationalen Textilindustrie. Er hat eine weltweite Debatte über die Missstände in dieser Branche losgetreten. Die Lüneburgerin Paula Reuber beschäftigt die Tragödie bis heute, sie setzt sich dafür ein, dass sich ein solcher Fall nicht wiederholt.

Die 22-Jährige hat sich intensiv mit dem Unglück beschäftigt, Augenzeugenberichte gelesen, Ausstellungen zu dem Thema besucht. „Es ist unglaublich, wie katastrophal die Zustände in dieser Fabrik vorher waren. Die Arbeiter haben versucht, das zu kommunizieren. Aber es hat sich niemand zuständig gefühlt“, sagt sie. Für die Studentin steht fest: „So etwas darf nicht nochmal passieren. Kein einziges Leben darf mehr durch diese Industrie zu Schaden kommen.“

Menschenunwürdige Zustände in der Produktion

Sie ist überzeugt, dass Ausbeutung, Umweltverschmutzung und Korruption den Alltag der Modeindustrie bestimmen, dass ein Großteil der Kleidung, die gekauft und getragen wird, unter menschenunwürdigen Umständen produziert wurde. Gleichzeitig ärgert sich Paula Reuber darüber, dass das vielen Menschen gar nicht bewusst ist.

Das Thema habe sie schon als Jugendliche bewegt, erzählt sie. Inzwischen sei es zu einer Herzensangelegenheit geworden. „Mode hat mich schon immer interessiert. Davon ist jeder betroffen. Jeder kleidet sich – egal, ob er darauf achtet oder nicht. Es ist mir wichtig, dass Mode nicht aus der Laufsteg-Perspektive wahrgenommen wird. Das ist nichts Exklusives, sondern etwas, was wir alle täglich tragen.“ Genau deshalb sei es wichtig, sich auch mit den Missständen zu befassen und das eigene Kaufverhalten zu hinterfragen. „Die Textilindustrie ist nach dem Erdöl die zweitschmutzigste Industrie, sie setzt dem Planeten am meisten zu.“

Seit Oktober 2018 hat Reuber einen offiziellen Titel: Sie ist die studentische Botschafterin der internationalen Kampagne „Fashion Revolution“, die seit sechs Jahren dafür kämpft, dass sich ein Bewusstsein für eine faire, ethisch vertretbare und transparente Modeindustrie durchsetzt (siehe Info-Kasten).

Konferenz im Zentralgebäude

Um in Lüneburg auf die Thematik aufmerksam zu machen, plant die junge Frau, die im 5. Semester Umweltwissenschaften studiert, für den 24. April eine Konferenz im Zentralgebäude – mit Vorträgen, Workshops und einer Podiumsdiskussion, es soll um die Frage gehen, wie die gemeinschaftliche Gestaltung einer Mode-Revolution gelingen kann. Eingeladen sind Studenten, Schüler, Uni-Mitarbeiter und alle, die sich für das Thema interessieren. Lediglich für die Workshops ist eine Anmeldung erforderlich – per E-Mail an paula.reuber@stud.leuphana.de.

Paula Reuber ist es wichtig, dass das Thema Mode von Klischees befreit wird. Dass Fair-Trade-Kleidung und nachhaltige Produkte viel teurer sind, sei ein solches Vorurteil, sagt sie. Natürlich dürfe man kein 3-Euro-Shirt von H&M als Vergleichsobjekt nehmen. „Es geht darum, eine angemessene Summe für eine Ware zu bezahlen.“ Häufig werde vergessen, wie viele Menschen an der Lieferkette eines Kleidungsstücks beteiligt seien. Mit der Ressourcenschöpfung, der Verarbeitung und Produktion, der Lieferung und dem Marketing nennt sie nur einige Etappen. „Jeder muss für seine Arbeit entlohnt werden. Mit 3 Euro kann man dem unmöglich gerecht werden.“

Von Anna Paarmann

Die Kampagne

Fashion Revolution

Teams in mehr als 90 Ländern der Welt beteiligen sich an der Kampagne, die eine Reformierung der Modebranche zum Ziel hat. In Deutschland startete die Bewegung 2014 in Berlin, ursprünglich stammt sie aus Großbritannien. Der „Fashion Revolution Day“ ist stets der 24. April, der Tag der Katastrophe in Bangladesch. In diesem Jahr finden vom 22. bis 28. April in etlichen Städten Veranstaltungen statt. Auch eine weltweite Selfie-Kampagne hat sich etabliert: Dann sind die sozialen Netzwerke voll mit Fotos von Menschen, die ihre Kleidung auf links tragen und so das Label „Made in…“ zeigen.

Mehr auf www.fashionrevolution.org im Internet.