Samstag , 31. Oktober 2020
Berichtet als "mamAhoi" aus ihrem Familienalltag: Kerstin Stamer mit ihren beiden Töchtern Smarti und Karli. Foto: t&w

Wenn Mama bloggt

Lüneburg. Tausende junge Eltern verfolgen im Netz das Familienleben von Kerstin Stamer und Anika Barton. In ihren Blogs geben die beiden Mütter aus Lüneburg Tipps für Aktivitäten mit Kindern und schreiben über die schönen und anstrengenden Seiten des Mutter-Daseins. Wie sie dazu gekommen sind, was sie anders machen als übliche Elternratgeber und was ihre Familien dazu sagen, verraten sie im Gespräch mit der LZ.

LZ: In Ihren Blogs berichten Sie als „mamAhoi“ und „Lavendelmama“. Wer steckt hinter diesen Namen?
Stamer: Ich bin „mamAhoi“. Und ich habe auch nie versucht, im Blog jemand anderes zu sein, denn dafür schreibe ich. Es gibt auf den sozialen Netzwerken so viel Fotos von der heilen Familienwelt. Ich wollte auch mal sagen können: „Ist gerade alles totaler Mist!“ Das wird dankbar angenommen. mamAhoi, so haben mich früher oft Freunde genannt, weil ich von der Ostseeküste komme. Derzeit bin ich noch in Elternzeit und schreibe den Blog nebenbei.
Barton: Der Name „Lavendelblog“ ist ganz spontan durch meine Liebe zu Südfrankreich entstanden. „Lavendelmama“, das bin ich, aber ich selektiere natürlich, was ich im Blog von mir preisgebe. Zum Beispiel zeige ich meine Kinder nicht im Profil.

Die perfekten Mutter?

Anika Barton
Anika Barton schreibt gleich zwei Blogs rund um das Thema Familie: Im „Lavendelblog“ berichtet sie über das Leben mit Kindern allgemein, auf der Seite „Familienreisezeit“ berichtet sie über ihre Reise-Erfahrungen als Familie. Foto: t&w

Wann und wie ist bei Ihnen die Idee entstanden zu bloggen?
Stamer: Nach der Geburt meiner ersten Tochter habe ich festgestellt, dass mir Elternratgeber oft nicht weiterhelfen. Dort werden sachliche Themen behandelt, aber was ich tun soll, wenn ich mit den Nerven am Ende bin, steht da nicht drin. Ich habe dann angefangen, Blogs zu lesen. Dadurch habe ich gemerkt, dass es normal ist, dass ich als Mutter auch mal genervt bin. Irgendwann ist der Wunsch entstanden, selbst über meine Erfahrungen zu schreiben.
Barton: Ich habe schon in der Schwangerschaft begonnen zu bloggen. Damals habe ich an meiner Promotion gesessen und das Aufschreiben meiner Gedanken war ein guter Gegenpol zum wissenschaftlichen Arbeiten. Der Blog hat dann im Laufe der Jahre einen immer größeren Stellenwert eingenommen, bis ich vor drei Jahren schließlich meinen Job an der Universität gekündigt und begonnen habe, hauptberuflich zu bloggen – auch aus Gründen der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Jetzt mache ich das, wofür ich wirklich brenne, aber ich habe zuvor viele Jahre mit mir gehadert, ob ich meinen ursprünglichen Beruf für einen Blog aufgeben kann.

Warum?
Barton: Es gibt nun mal das gesellschaftliche Bild von der perfekten Mutter, die erfolgreich im Job ist, Vollzeit arbeitet und trotzdem immer für Mann und Kinder da ist. Und „Universitäts-Dozentin“ klang deutlich renommierter als „Bloggerin“, das galt lange Zeit nicht als richtiger Beruf.
Stamer: Der Begriff „Blogger“ ist mit vielen Klischees behaftet. Da dachten die Leute an Klamotten und Schminke, an Amateure und Möchtegern-Journalisten. Inzwischen lesen aber immer mehr Menschen Blogs und wissen, dass viele davon professionell betrieben werden.
Barton: Genau, ich kann gut davon leben. Aber es hat seine Zeit gebraucht, bis ich mich getraut habe, einfach das zu machen, wofür mein Herz schlägt. Dann habe ich den Schritt gewagt und glaube, ich bin angekommen.

Was sagen denn Ihre Familien dazu, dass Sie über sie schreiben?
Stamer: Am Anfang musste sich mein Mann etwas daran gewöhnen. Da wusste ich selbst noch nicht so richtig, wo es hingehen soll, und dachte, ich muss bei jedem Trend mitziehen und unbedingt noch schnell das Essen fotografieren, wenn die Kinder schon nörgeln. Da war er manchmal genervt. Inzwischen weiß ich besser, was ich will, nämlich lieber einen kleinen, feinen Blog statt vieler Klicks. Jetzt brennt er auch dafür und unterstützt mich, wir sind ein gutes Team! Er macht immer Witze, er sei der „Instagram Husband“, das ist ja so ein fester Begriff im Netz für Ehemänner, die für ihre Frauen das Mädchen für alles spielen und die Fotos für Instagram schießen müssen. Meine Kinder kriegen das noch nicht so richtig mit. Außer am Wochenende, da haben wir gebacken und meine Tochter erinnerte mich: „Mama, du musst noch meine Pfannkuchen fotografieren!“
Barton: Das ist bei uns anders. Meine Kinder wissen schon, dass das Mamas Beruf ist, und wollen auch gerne Bestandteil dessen sein. Sie möchten beispielsweise immer mit auf die Fotos und dann machen wir oft ein paar mehr neben denen, die dann veröffentlicht werden. Grundsätzlich ist die Kunst, da entspannt ranzugehen und auch mal zu sagen: Wenn es heute nicht klappt, dann eben morgen. Mein Mann ist im Software-Bereich tätig und arbeitet auch von zu Hause, dadurch funktioniert das unheimlich gut zusammen.

Meine Tochter erinnerte mich: „Mama, du musst noch meine Pfannkuchen fotografieren!“ – Kerstin Stamer

Familienleben und Blog schreiben, das geht also gut zusammen?
Stamer: Klar, das ist eine sehr dankbare Tätigkeit neben dem Familienleben, weil es im Homeoffice passiert und ich schreiben kann, wenn es gerade passt.
Barton: Ich habe schon meine festen Zeiten, genauso wie andere morgens ins Büro fahren, dann setze ich mich an den Schreibtisch. Nachmittags ist Familienzeit, dafür arbeiten wir beide regelmäßig auch noch abends, wenn die Kinder im Bett sind. Und jetzt mit dem zweiten Blog, den ich mit meinem Mann seit 2016 zusammen über das Reisen als Familie schreibe, merken wir schon, dass die Zeit manchmal eng wird.

Richten Sie denn die Gestaltung der Familienzeit auch danach, was gerade noch für den Blog gebraucht wird?
Stamer: Nein. Am Anfang habe ich das probiert und habe schöne Ideen gesucht, um sie in unseren Alltag einzubauen. Aber das war nicht authentisch. Dann hat man da eine Bastelanleitung und die schönste Weihnachts-Deko, bei denen klar ist: das hat nicht die Zweijährige, sondern Mama gemacht. Bei Ausflügen habe ich aber natürlich schon manchmal im Hinterkopf, dass ich noch ein paar schöne Fotos machen will.
Barton: Das ist bei uns ähnlich. In der Familienzeit spielt der Blog oft gar keine Rolle.

Über 80 Prozent der Leser sind Frauen

Würden Sie sich selbst als Influencer bezeichnen?
Barton: Durch die Themen, die ich aufgreife, gebe ich natürlich eine Richtung vor. Und ich möchte mit meiner Meinung überzeugen. Aber eigentlich nicht, um Leute zu beeinflussen.
Stamer: Ich würde mich selbst auch nicht so bezeichnen, indirekt bin ich es aber vielleicht manchmal schon. Auf unseren Fotos ist beispielsweise oft unser Wohnzimmer zu sehen und wich werde ständig gefragt, wo wir unseren Wohnzimmerteppich gekauft haben.

Wer sind Ihre Leser? Gehören da auch Männer dazu?
Stamer: Also laut Statistiken sind es bei mir zu 85 Prozent Frauen. Und mit vielen habe ich einen regen Austausch. Die Community ist das wichtigste beim Bloggen.
Barton: Bei mir sind es 87 Prozent Frauen, das sind schon überwiegend die Mütter.
Stamer: Und für die Papas gibt es ja auch Papa-Blogs!

Was muss denn jemand mitbringen, der einen Blog starten will?
Barton: Ich höre Leute oft sagen: „Ach, das kann ich ja auch machen.“ Aber man muss schon dran bleiben. Es braucht Ausdauer.
Stamer: Wenn ich heute nochmal einen Blog beginnen würde, würde ich mir von Anfang an genauer meine Nische suchen und gucken, was kann ich dem Leser bieten. Es gibt über 2000 Eltern-Blogs in Deutschland und wenn man das mit einem Kinosaal vergleicht, könnte man auch sagen: irgendwann ist der Kinosaal einfach voll. Das heißt, es muss Themen geben, die einfach anders sind als bei anderen Blogs.

Blog-Themen entwickeln sich mit den Autorinnen

Und worüber schreiben Sie, wenn die Kinder irgendwann aus dem Haus sind?
Stamer: Die Kinder von den Lesern werden ja auch größer, also vielleicht wird es dann irgendwann eher ein Frauen-Blog. Gerade berichte ich zum Beispiel viel über die Rückkehr in den Berufsalltag, da stehen die Kinder auch eher im Hintergrund.
Barton: Der Blog entwickelt sich mit uns. Vielleicht starte ich dann aber auch noch einen neuen Blog.

Was war denn das schönste Feedback, das Sie von Lesern bekommen haben?
Barton: Mich freut besonders, wenn ich merke, dass Leser sich mit meinen Themen auseinandersetzen, mir schreiben und vielleicht noch Tipps geben, wie sie dies oder jenes machen würden. Das ist eine tolle Gemeinschaft.
Stamer: Ich schreibe ja oft darüber, dass meine Kinder sich auch mal dreckig machen und solche Dinge. Und da hat mir mal eine Leserin geschrieben, meine Beiträge würden Lust darauf machen, Kinder zu bekommen. Weil meine Kinder Kinder seien dürfen und nicht immer schick zurechtgemacht am Tisch sitzen wie bei vielen anderen Fotos auf Instagram und Co. Das hat mich unheimlich gefreut.

Familienblogs aus dem Landkreis Lüneburg

Lavendelblog
Auf ihrem Blog nimmt Anika Barton (35) aus Lüneburg ihre Leser mit ins Familienleben und zeigt Eltern, was sie mit ihren Kindern unternehmen können. Die Auswahl reicht von Rezepten über Bastel- und Ausflugstipps bis hin zu Büchervorschlägen und Elternthemen. Mit rund 200.000 Lesern pro Monat ist sie weit über Lüneburg hinaus bekannt in der Szene. Mit ihrem Mann zusammen betreibt sie außerdem den Blog Familienreisezeit.de mit Urlaubstipps für Eltern und Kinder. URL: www.lavendelblog.de

MamAhoi
Unter den drei Stichpunkten „Do-It-Yourself“, „Family“ und “Lifestyle” schreibt Kerstin Stamer (36) über ihre persönlichen Erfahrungen als Mutter von zwei Kindern. Was als Mami-Tagebuch begann, ist inzwischen eine umfassende Sammlung aus praktischen Tipps, ehrlichen Gefühlen und Geschichten aus dem Alltag. Zukünftig möchte sich Stamer mehr auf Lüneburger Lokal-Themen konzentrieren und überlegt, ihrem Blog einen neuen Namen zu geben. Gelesen wird sie von circa 20.000 Lesern im Monat. URL: www.mamAhoi.de

Die Dabrowskis
Der Austausch mit Gleichgesinnten auf den sozialen Netzwerken brachte Anika Dabrowski (23) aus Nahrendorf in ihrer ersten Schwangerschaft 2016 zum Schreiben. Seitdem berichtet sie über die schönen und die anstrengenden Seiten des Alltags als junge Frau, die sehr früh Mutter geworden ist. Inzwischen hat Dabrowski zwei Kinder und konzentriert sich aus Zeitgründen auf ihren Instagram-Kanal mit rund 1900 Abonnenten. URL: www.diedabrowskis.com

Mama Punk
Ihre Gedanken rund um die Themen Unabhängigkeit und Emanzipation spielen auf dem Blog der zweifachen Mutter Franziska Nitsche (34) aus Holzen ebenso eine Rolle wie Reisen, Werkstatt-Tipps und ihr Leben als Bauwagen-Bewohnerin. Mal nachdenklich und lyrisch, mal ganz konkret mit Bauanleitungen in Text und Bild nimmt sie die Leser mit auf ihrem Weg in ein selbstbestimmtes Familienleben. URL: www.mama-punk.com

Lybstes
Als Ausgleich zu ihrer Tätigkeit als selbstständige Grafikdesignerin startete Ronja Wiedeking (33) aus Lüneburg 2013 einen kreativen Blog mit Do-It-Yourself-Tipps, der sich mit der Zeit immer mehr dem Nähen verschrieb. Mit Kindern wurde es für Wiedeking zunehmend schwieriger, Job und Familie zu vereinbaren, und so wagte sie 2014 und machte ihren Blog zum Beruf. Rund 200.000 Nutzer lesen inzwischen jeden Monat ihre Beiträge übers Nähen, Dekorieren, Einrichten und kreativ sein. URL: www.lybstes.de

von Katja Grundmann