Mittwoch , 30. September 2020
Gar nicht so leicht: Leuphana-Studentin Theresa Brand versucht, die von Rimbert Westerkamp ihr zugeworfenen Bälle mit dem Schläger zu treffen. Die 28-Jährige ist als Sehende zum Workshop gekommen und trägt deshalb die Augenbinde. (Foto: phs)

Immer dem Klingeln nach

Lüneburg. „Das sieht ja aus wie ganz normales Tennis“, sagt ein junger Mann am Spielfeldrand. Und tatsächlich: Wer die drahtigen Sportler in weißen Klamotten bei ihren Ballwechseln beobachtet, merkt im ersten Moment nicht, dass die meisten von ihnen Ball, Netz und Spielfeld nicht sehen können. Denn die Spieler sind Teilnehmer am ersten Blinden-Tennis-Workshop in Lüneburg, der am Sonnabend im Sportpark Kreideberg stattfand. Organisiert hat ihn die Lüneburgerin Kirstin Linck in Zusammenarbeit mit dem Tennisverband Niedersachsen-Bremen und dem THC Lüneburg.

Ronald Hinz hat im vergangenen Jahr die erste Blinden-Tennis-Betriebssportgruppe Deutschlands gegründet. Kirstin Linck möchte auch in Lüneburg den Sport populärer machen. (Foto: phs)
Wer Blinden-Tennis spielt, orientiert sich mithilfe von Geräuschen und dem Tastsinn. Die Bälle sind etwas größer als beim Tennis für Sehende und mit Metallstiften gefüllt, die bei jedem Schlag und jeder Bodenberührung klingeln. Die Linien auf dem Boden sind mit dickem Tape beklebt, sodass die Spieler spüren können, wo sie sich im Feld befinden. „Ich konnte mir zuerst gar nicht vorstellen, wie das funktionieren soll“, sagt Lisa Heinbostel. Die 60-jährige Lüneburgerin hat die Sportart an diesem Tag zum ersten Mal ausprobiert. Aber dafür lief es schon ganz gut. „Ich habe den Ball sogar ab und zu getroffen!“ Ihre Mitspielerin Ruth Kaldel steht an diesem Tag das erste Mal seit langer Zeit wieder auf dem Tennisplatz. „Ich habe bis vor 15 Jahren Tennis gespielt.“ Dann ließ die nachlassende Sehkraft es nicht mehr zu. „Der Workshop heute hat viel Spaß gemacht.“ So viel, dass Kaldel auch beim nächsten Training dabei sein wird. Das findet am 9. Februar von 10 bis 11 Uhr im Sportpark Kreideberg statt.

Ein Sport für Sehende und Blinde

Aus Hamburg angereist ist auch Ronald Hinz. Er hat in der Hansestadt im vergangenen Jahr die erste Betriebssportgruppe für Blinden-Tennis ins Leben gerufen, aufgrund einer Erbkrankheit ist der Richter am Zivilgericht fast vollständig blind. Zusammen mit einigen Spielern aus seinem Verein ist er nach Lüneburg gekommen, um mit den Interessierten ein paar Ballwechsel zu spielen und sie ebenfalls von dem Sport zu begeistern. „Das Tolle an dem Sport ist, dass ihn Sehende und Blinde problemlos gemeinsam ausüben können.“

Lisa Heinbockel hat beim Workshop das erste Mal Blinden-Tennis ausprobiert. (Foto: phs)
Voll sehend und trotzdem zu Gast ist die Lüneburger Studentin Theresa Brand. „Ich fand, Tennis für Blinde klingt interessant, ich wollte mir das gerne mal ansehen.“ Schon als Zuschauerin ist die 28-Jährige schwer beeindruckt von den Ballwechseln der blinden Spieler. Später wagt sie sich selbst mit verbundenen Augen aufs Spielfeld. Ihr Fazit: „Ich bin sogar noch beeindruckter als vorher. Überhaupt den Ball zu treffen ist ein Erfolgserlebnis!“ Man müsse sich ganz anders konzentrieren, deutlich mehr auf alle Geräusche achten. „Eine völlig neue Erfahrung. Aber auch cool.“ Sollte in Lüneburg tatsächlich eine Blinden-Tennis-Gruppe entstehen, würde sie gerne mitspielen.

Bald Blinden-Tennis-Gruppe in Lüneburg?

Eben eine solche Gruppe zu gründen ist das erklärte Ziel von Kirstin Linck. Sie hat Blinden-Tennis im September vergangenen Jahres für sich entdeckt und möchte die Sportart an der Ilmenau etablieren. „Ich bin sehr zufrieden mit der Resonanz auf den heutigen Workshop“, der über den Nachmittag verteilt 10 Interessierte angezogen hat. Als nächstes will Linck mit den Verantwortlichen beim THC Lüneburg und MTV Treubund klären, ob es Chancen gibt, eine Blinden-Tennis-Gruppe aufzubauen und wie sich diese am geschicktesten anbinden ließe, damit regelmäßig an festen Örtlichkeiten Trainings stattfinden können.

Rimbert Westerkamp vom THC könnte sich das durchaus vorstellen. „Ich glaube, das spricht sich herum, wir wollen uns dem auf keinen Fall verschließen.“ Natürlich hänge es auch davon ab, wie viele im Endeffekt regelmäßig an den Trainings interessiert wären. „Dafür bräuchten wir Platz.“

Kirstin Linck wird bei der nächsten Vorstandssitzung ihr Anliegen vorbringen können – und hofft sehr, dass Deutschlands zweite Blinden-Tennis-Gruppe an der Ilmenau gegründet wird.

Von Robin Williamson

https://www.landeszeitung.de/a/30045-blindentennis-lueneburg