Sonntag , 27. September 2020
Der Angeklagte im Gespräch mit Anwältin Louisa Krämer. Foto: A/be

„Überall im Haus war Blut“

Lüneburg. Aus dem russischen Kaliningrad, wo er zu seiner urlaubenden Familie abgetaucht war, rief der junge Mann am 22. März 2018 um 4 Uhr morgens die Polizei in Bergen im Kreis Celle an: „Ich möchte einen Mord melden.“ Am Abend des 20. März hatte der Anrufer seine 18 Jahre alte Freundin im Haus seiner Familie in Bergen auf grausame Weise umgebracht. Seit Donnerstag muss er sich vor dem Landgericht Lüneburg verantworten.

Die Staatsanwaltschaft wirft ihm allerdings keinen Mord, sondern Vollrausch in Tateinheit mit Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz vor. Für den Tod sei er nicht zu bestrafen, da nicht auszuschließen sei, dass er zur Tatzeit schuldunfähig war. Dem Mann wird der Vorwurf gemacht, sich vorsätzlich in einen LSD-Rausch begeben zu haben – aus früheren Erfahrungen mit Drogen habe er die Folgen absehen können. Es ist der zweite Prozessanlauf: der erste scheiterte durch die längere Erkrankung eines Richters.

Beim Einwerfen der Drogen ein Selfie gemacht

Was die Polizisten am 21. März am Tatort sahen, schockierte selbst hartgesottene Gemüter: Überall im Haus war Blut, die Leiche lag in der Badewanne. Im Obduktionsbericht war später zu lesen, dass Wirbelsäule und Hals fast vollständig durchtrennt waren, von mehreren Messerstichen überall am Körper und von einem Schlag mit einem stumpfen Gegenstand ins Gesicht.

Der Angeklagte beruft sich auf einen mehrere Stunden dauernden „Filmriss“: „Ich kann mich an das Geschehen beim besten Willen nicht erinnern.“ Zu Beginn der Verhandlung bat er zunächst die Familie der jungen Frau um Entschuldigung und sagte: „Ich weiß, dass ich ihren Tod nicht rückgängig machen kann. Ich selbst kann mit den Folgen kaum leben. Ich habe sie geliebt.“ Zwei Jahre lang seien sie „sehr verliebt“ zusammen gewesen: „Im Februar 2018 hatten wir eine kleine Funkstille, suchten aber nach zwei oder drei Tagen wieder Kontakt zueinander – wir konnten nicht ohne einander.“ Die Versöhnung habe es kurz vor der Tat gegeben.

„LSD hatte ich vorher nur drei Mal genommen“

Der Angeklagte lebte mit seinen Eltern und Geschwistern in dem Haus in Bergen und las seine Schilderung des Geschehens, an das er sich erinnere, schluchzend und unter Tränen vom Papier ab. Seine Darstellung: Der Rest der Familie fuhr an dem Tag zu Verwandten nach Russland, er habe mit seiner Freundin mitfahren wollen. „Aber das Auto war voll, und sie hatte kein Visum. Wir wollten am 26. März nachkommen.“ Er habe sie in Russland mit einer Verlobung überraschen wollen, den Ring schon Monate vorher fertigen lassen. Seiner Freundin, deren Vater sie im Auto gegen 17.30 Uhr zu ihm brachte, wollte er mit LSD eine Freude machen, das habe sie sich gewünscht. Er selbst hatte reichlich Erfahrungen mit Drogen, konsumierte täglich Cannabis und hin und wieder Ecstasy und Pilze. „LSD hatte ich vorher nur drei Mal genommen.“ Er habe sich für den Abend bei einem neuen Dealer, dessen Namen er nicht verriet, drei LSD-Plättchen besorgt.

Der 22-Jährige kann sich nach seiner eigenen Aussage nur noch an etwa 30 Minuten des Abends erinnern, beide hätten auf der Couch gesessen und mit seinem Handy ein Selfie gemacht, als sie sich die LSD-Plättchen auf die Zungen legten. Dann sei es zum „Filmriss“ gekommen: „Als ich im Sessel aufwachte, stellte ich eine Menge Blut an mir fest, mein Pullover war mit Blut durchtränkt. Überall im Haus war Blut.“ Seine Freundin habe er im Bad gefunden: „Sie lag in der Badewanne, eingewickelt in eine Decke, sie war ganz kalt. Ich habe Wasser eingelassen, um sie zu wärmen.“ Dass sie tot war, habe er erst später realisiert. Er habe selbst stark geblutet, sei verletzt gewesen, habe sich verbunden.

Onkel fuhr ihn zum Flughafen nach Hamburg

Seine weitere Darstellung: Er rief seine Eltern in Kaliningrad an, wenig später kam ein Onkel, der ihn mit einem Auto zum Hamburger Flughafen fuhr, wo er am Schalter ein Ticket nach Danzig buchte. Dort holte ihn sein Vater ab. In Kaliningrad angekommen, rief er direkt die Polizei in Bergen an, ließ seine Stichverletzungen dann in einem Krankenhaus behandeln und ging zur dortigen Polizei – die ihn allerdings wieder zu seiner Familie schickte. Dann erfolgte doch noch seine Festnahme und am 2. Mai seine Auslieferung nach Deutschland.

In dem Prozess könnte ein Urteil am 27. Februar gesprochen werden.

Von Rainer Schubert

Hintergrund

Vollrausch

Im Strafgesetzbuch heißt es in § 323a unter anderem: „Wer sich vorsätzlich oder fahrlässig durch alkoholische Getränke oder andere berauschende Mittel in einen Rausch versetzt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft, wenn er in diesem Zustand eine rechtswidrige Tat begeht und ihretwegen nicht bestraft werden kann, weil er infolge des Rausches schuldunfähig war oder weil dies nicht auszuschließen ist.“