Mittwoch , 30. September 2020
Dr. Alexander Krüger, Chefvolkswirt des Bankhauses Lampe. Foto: privat

„Wir erwarten einen geordneten Austritt“

Klimawandel, geopolitische Krisen, weltwirtschaftliche Spannungen und Datenkriminalität – der Risikobericht des Weltwirtschaftsforums fiel in diesem Jahr sehr d üster aus. Sehen Sie die Lage auch so pessimistisch?
Dr. Alexander Krüger: Ich sehe die Lage nicht ganz so pessimistisch. Richtig ist, dass der Klimawandel eine gewaltige Herausforderung bleibt. Richtig ist auch, dass die Gefahr geopolitischer Krisen unverändert hoch ist. Die Spannungen der vergangenen 18 Monate haben aber nicht zu markanten Finanzmarkt-Turbulenzen geführt. Klar ist jedoch, dass die Zeiten des Super-Wachstums vorbei sind. Dieser Abwärtstrend darf aber nicht gleich als Krise bezeichnet werden, sondern als Rückfall auf ein Normalmaß. Anders ausgedrückt: Die Weltwirtschaft hebt das nicht gleich aus den Angeln.

Welche Rolle spielen Handelskonflikte?
Handelskonflikte zählen zu den Hauptrisiken für das weltweite Wachstum. Sie haben die Stimmung im vierten Quartal 2018 getrübt und Aktienmärkte belastet. Käme es demnächst zu einer Eskalation im Handelsstreit zwischen China und den USA, kann dies das gesamte weltwirtschaftliche Wachstum allein in diesem Jahr um 0,3 Prozentpunkte schmälern.

Hätte eine Lösung im Handelskonflikt zwischen den USA und China eine positive Signalwirkung?
Ja, absolut. Wir erwarten auch eine Lösung für diesen Konflikt. Denn beide Seiten wissen, dass Handelskriege in einer globalisierten Welt nicht zu gewinnen sind. Außerdem wird dem eigenen Land Schaden zugefügt, den die Amerikaner beispielsweise durch höhere Inflationsraten erleiden würden. Über die jüngsten Signale, die die Wahrscheinlichkeit einer Einigung erhöhen, haben wir uns deshalb sehr gefreut. Dies gilt für den Moment. Unterschrieben ist bisher noch nichts.

Wie optimistisch oder pessimistisch sind Sie beim Thema Brexit?
Wir erwarten weiterhin einen geordneten Austritt. Das Hochschaukeln der gegensätzlichen Positionen in den vergangenen Wochen hat die Gefahr eines harten Brexits zwar deutlich erhöht. Allerdings gibt es trotz aller Emotionalität im britischen Parlament durchaus eine Mehrheit dafür, die Europäische Union nicht ohne Sicherheitsnetz zu verlassen. Gestritten wird über den richtigen Weg zu diesem Ziel, dabei stößt die vorliegende Austrittsvereinbarung derzeit nicht auf Gegenliebe. Trotzdem bleibt es dabei, dass beide Seiten um die Gefahren eines harten Brexit wissen. Vor allem Großbritannien würde darunter stark leiden: kurzfristig mit einer Rezession und einer massiv abwertenden Währung, langfristig mit höheren Wachstumsverlusten als die Europäische Union. Ein geregelter Brexit bleibt damit unser Hauptszenario. Völlig offen ist dabei, wie schnell es dazu kommen wird.

Was halten Sie von der Lockerung der US-Vorschriften für die Wall Street, also der „Volcker Rule“?
Es handelt sich dabei um aufsichtsrechtliche Bestimmungen, die potenzielle, vom Bankensystem ausgehende Risiken eindämmen sollen. Mit der nun eingeleiteten Deregulierung wird das Rad zurückgedreht. Ordnungspolitisch kann dies durchaus kritisch gesehen werden. Deshalb steht aber nicht gleich die nächste Finanzkrise vor der Tür. Insbesondere die vergangenen zehn Jahre haben gezeigt, dass typische Wenn-dann-Muster oftmals nicht mehr bestehen. So hat beispielsweise das Gelddrucken vieler Notenbanken bisher nicht zu einem deutlichen Inflationsanstieg geführt.

Die Schuldenlast weltweit beträgt rund 225 Prozent des globalen Bruttoinlandsproduktes – und damit mehr als bei der jüngsten Finanzkrise 2007/2008. Wie groß ist die Gefahr einer neuen Finanzkrise?
Die Verschuldung ist eines der gravierendsten Probleme unserer Zeit. Sie ist seit Ausbruch der Finanzkrise nicht eingedämmt worden, sondern weltweit auf ein noch höheres Niveau gestiegen. Dies betrifft nicht nur Staaten, sondern auch private Haushalte und Unternehmen. Insbesondere China hat eine rote Linie dermaßen überschritten, dass einem angst und bange werden kann. Besonders hier bleibt zu hoffen, dass Regierung und Notenbank die Zügel weiter in der Hand behalten werden. Neu ist dieser Sachverhalt nicht, Finanzmärkte interessieren sich bisher auch nur wenig dafür. Da Wachstumsraten rund um den Globus seit Mitte 2018 meist niedriger ausfallen und dieser Trend noch nicht beendet ist, muss es bei Desinteresse nicht bleiben. Dies bedeutet auch: Geldpolitische Normalität, die insbesondere mit höheren Leitzinsen einhergeht, ist insbesondere für den Euroraum auf Jahre nicht in Sicht. Sollte das Verschuldungsthema von Finanzmärkten zudem ins Visier genommen werden, könnten viele wichtige Notenbanken angesichts meist leerer Munitionsdepots kaum reagieren. Die Situation unterscheidet sich damit diamentral zum Jahr 2008, was Sorge bereitet.

Glauben Sie an einen Wandel oder an eine Läuterung an den internationalen Finanzmärkten nach dem Motto „Nein zu progressivem, aggressivem Agieren, hin zu nachhaltigem Handeln und nachhaltigen Strategien“?
Ich glaube grundsätzlich, dass alle Wirtschaftssubjekte von Begierden betroffen sind, mal mehr, mal weniger. Und das ist auch gut so, ist es doch etwas, was jeden täglich antreibt. Solange dies im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen erfolgt, ist das nicht verwerflich. Zu beobachten ist allerdings, dass viele Investoren inzwischen verstärkt auf die Nachhaltigkeit ihrer Anlagen setzen. Dieser Prozess dürfte noch Potenzial haben.

Die Großbanken in den USA haben Milliardengewinne eingefahren, einige auch Rekordgewinne im letzten Quartal 2018. Dennoch sanken die Aktienkurse, weil Anleger mit noch mehr Gewinn und Rendite gerechnet hatten. Ist das ein Beleg für diese Gier?
Erwartungen von Marktakteuren sind rational nicht immer nachvollziehbar. Daran habe ich mich mittlerweile gewöhnt. Ob das nun Gier ist oder nicht, hilft bei eigenen Anlageentscheidungen nicht weiter.

Interview der Woche

Wann erhöht die EZB die Leitzinsen?
Stand heute steht die Tür hierfür noch für das vierte Quartal 2019 offen. Die sich momentan eintrübenden Wachstumserwartungen fallen der EZB aber immer mehr auf die Füße, es droht eine Verschiebung. Diese schwappte aber wohl gleich ins Jahr 2021 über. Es rächt sich nun, dass die wirtschaftlich gute Zeit nicht für Zinsanstiege genutzt worden ist. Das extreme Krisenleitzinsniveau ist schon länger nicht gerechtfertigt.

Wie hoch ist der Druck von Anlegern?
Das ist pauschal nicht zu beantworten. Generell macht es das tiefe Zinsniveau für alle nicht einfach. Ich denke da beispielsweise an Versicherer, die ihre Renditeversprechen einlösen müssen. Der Druck ist da, aber überall anders gelagert.

Was empfehlen Sie Kleinanlegern?
Da gibt es keine allgemeine Formel. Im Bankhaus Lampe setzen wir uns mit unseren Kunden zusammen, erfragen ihre Wünsche und erarbeiten auf dieser Basis gemeinsame Lösungen – dies mit dem Ziel, Besonderes zu leisten!

Welche Rolle spielt das Zinsniveau dabei?
Aus ökonomischer Sicht befinden wir uns nach wie vor in Zeiten finanzieller Repression. Diese ist durch ein Zinsniveau, das künstlich unterhalb der Inflationsrate gehalten wird, gekennzeichnet. Bei negativem Realzins werden Geldvermögen also schleichend entwertet. Im Anlagefokus stehen daher nach wie vor Sachwerte, somit auch Aktien. Letztlich ist es aber immer die Frage, was der Kunde wünscht.

Von Werner Kolbe

Zur Person

Promovierter Volkswirt

Seit 2008 ist Dr. Alexander Krüger Leiter des Bereichs Kapitalmarktanalyse und seit 2011 Chefvolkswirt der Bankhaus Lampe KG. Zuvor war er bei der WestLB AG als Volkswirt mit den Schwerpunkten Deutschland, Euroraum, Europäische Zentralbank und Rentenmärkte beschäftigt. Der promovierte Volkswirt war von 1995 bis 2000 als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bielefeld im Fachbereich Wirtschaftspolitik tätig.