Benjamin Piel, Jurymitglied und Chefredakteur des Mindener Tageblatts, übergibt LZ-Redakteurin Anna Petersen den Preis in der Kategorie "Bestes lokales Stück". (Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa)
Benjamin Piel, Jurymitglied und Chefredakteur des Mindener Tageblatts, übergibt LZ-Redakteurin Anna Petersen den Preis in der Kategorie "Bestes lokales Stück". (Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa)

LZ-Reporterin gewinnt „Oscar der Zeitungsbranche“

Es ist ein Preis, den man nur einmal im Journalisten-Leben gewinnen kann. LZ-Redakteurin Anna Petersen hat es geschafft und den Theodor-Wolff-Preis erhalten. Vor den Augen des Bundespräsidenten gab sie bei der Verleihung Einblicke in ihre Arbeit und berichtete, was sie antreibt.

Berlin. Es knistert. Jurymitglied Benjamin Piel zieht die Lasche des großen silbernen Umschlages auf und zieht den Zettel heraus. „Gewinnerin in der Kategorie ,Bestes lokales Stück‘ ist...“ Nach einer Kunstpause spricht er es aus: „Anna Petersen“. Beifall brandet auf im Kulturzentrum Radialsystem am Ufer der Spree unweit des Berliner Ostbahnhofes. Ein Tusch der Combo und die Redakteurin der Landeszeitung betritt am Mittwochabend die Bühne in der Bundeshauptstadt.

442 Beiträge von 484 Journalistinnen und Journalisten

Der Theodor-Wolff-Preis ist gewissermaßen der Oscar der Zeitungsbranche. Man kann ihn nur einmal im Journalisten-Leben gewinnen. Es sind „die besten journalistischen Leistungen, die unsere Branche hervorbringt“, die der Bundesverband der Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) in insgesamt fünf Kategorien auszeichnen will, wie der Vorsitzende des Preis-Kuratoriums, der Kölner Verleger Helmut Heinen, zur Begrüßung stolz betont. Seit 59 Jahren gibt es den Preis, dessen Namensgeber Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Laudatio als „begnadeten Redakteur und entschlossenen Republikaner und Demokraten“ der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts würdigt.

442 Beiträge von 484 Journalistinnen und Journalisten lagen in diesem Jahr vor. „Ein Rekordergebnis“, stellt Heinen beeindruckt fest.

Anna Petersen ist an diesem Abend die erste auf der Bühne. Diese Dramaturgie ist eine Referenz an den Lokaljournalismus. Kolleginnen und Kollegen von renommierten Titeln wie dem Berliner Tagesspiegel, der Süddeutschen Zeitung und der ZEIT folgen danach.

Ein Jahr unterwegs mit ihrer Protagonistin

„Chaos im Kopf“ lautete die Überschrift von Anna Petersen für ihre journalistische Langzeit-Begleitung von Julie. Ein bisschen davon löst die Sieges-Nachricht auch bei der 27-Jährigen aus, als sie sichtlich überrascht und auch überwältigt die Bühne betritt. Petersens „respektvolle, empathische Annäherung“ an die jungen Frau mit Fetalem Alkoholsyndrom, die ihr Leben in die eigenen Hände nehmen will, lobt die Jury in ihrer Preis-Begründung ebenso wie die „beharrliche und präzise Verfolgung der Geschichte über ein ganzes Jahr voller unvorhergesehener und dramaturgisch klug aufbereiteter Wendungen“.

„Wie kommt man an ein solches Thema?“, will Benjamin Piel wissen. „Es wurde mir praktisch in die Wiege gelegt“, berichtet Anna Petersen von der Begleitung ihrer Mutter seit Kindertagen bei deren Beruf, dem therapeutischen Reiten.

Nicht nur ein journalistisches Interesse

„Das waren Menschen, die zu meinem Leben gehören. Mich hat jetzt nicht nur als Journalistin interessiert, wie deren Biografien weitergegangen sind.“ Wie Julie ihr Leben mit allen Unwägbarkeiten meistere, dabei habe auch sie viel gelernt, verrät Petersen. Soziale Themen „erfüllen mich“, beantwortet sie Piel dessen Frage, was sie antreibe, und wichtig sei dabei, „dranbleiben zu können“. Dass dies auch bei einer in der deutschen Medienlandschaft vergleichsweise kleinen Zeitung wie der LZ möglich sei, erlebe sie „mit Dankbarkeit“. Und in die Erklärung, wie das eher ungewöhnliche und aufwendige Format möglich wurde, schließt Anna Petersen einen Dank an ihre Kolleginnen und Kollegen mit ein: „Weil wir alle Teamplayer sind.“

Die Rolle der lokalen Medien hebt zuvor auch der Bundespräsident hervor. „Das eher kleinteilige Puzzle in einem Stadtteil zusammenzubekommen, ist keine leichtere Aufgabe als der analytische Blick auf geopolitische Fragen“, meint Frank-Walter Steinmeier. Die Unmittelbarkeit führe vielmehr dazu, das Leserinnen und Leser leichter erkennen und unterscheiden können, wie genau oder ungenau ein Text ist. „Guter Journalismus schafft Orientierung. Meinungen bilden sich die Menschen dann selber. Die meisten wollen kritisch geprüfte und verständlich geschriebene Tatsachen lesen“, ist der Bundespräsident überzeugt.

Keine Heldengeschichte erzählen, sondern so, wie es ist

„Gut erzählte Geschichten finden ihr Publikum und werden geschätzt“, lautet beim Auftakt der Preisverleihung das Credo von Verleger Helmut Heinen über das Geheimnis des Qualitätsjournalismus.

Sie wolle „keine Heldengeschichte erzählen, sondern so, wie es ist“, sagt Anna Petersen, bevor sie sich mit Urkunde und schwerer Glas-Trophäe dem Blitzlichtgewitter stellt. Dazu gibt es einen kräftigen Applaus – nicht zuletzt vom Bundespräsidenten, dessen Mienenspiel bei der Auszeichnung großen Respekt für Anna Petersens und Julies Geschichte erkennen ließ.

Von Marc Rath

Die Ausgezeichneten

Kategorie Meinung: Hatice Akyün (Der Tagesspiegel, Berlin) – „Raus aus der Manege“.

Kategorie Reportage: Wolfgang Bauer (Zeit Magazin, Hamburg) – „Unter Taliban“

Kategorie Bestes lokales Stück: Anna Petersen (Landeszeitung für die Lüneburger Heide, Lüneburg) – „Chaos im Kopf“.

Bestes lokales Digitalprojekt: Jeanne Jacobs, Sophie Anfang, Emily Engels, Felix Müller, Paul Nöllke und Lukas Schauer (Abendzeitung, München) – „München hat die Wahl“.

Thema des Jahres „Corona – Leben im Ausnahmezustand“: Elisa Schwarz (Süddeutsche Zeitung, München) – „Der Riss“

Mehr zur Preiverleihung gibt es unter www.bdzv.de

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