Montag , 28. September 2020
Auch Strecken wie diese Route bei Vögelsen können ein Radwegenetz vervollständigen. Foto: t&w

Radeln ohne Grenzen

Lüneburg. „Es gibt in Deutschland keine Berge mehr“ – Heiner Monheim hat ein Gespür, wenn es darum geht, ein eher trockenes Thema mit plakativen Botschaften zu verbinden. Das zeigte sich jetzt, als der Geograph und Verkehrswissenschaftler im Museum Lüneburg über Chancen und Herausforderungen des Radverkehrs sprach und dabei auch das Reizthema Velorouten anpackte.

Für jedes Auto werden vier Stellplätze vorgehalten

Es sei den Pedelecs zu verdanken, dass Berge und Steigungen für Freizeitradler wie für Dauerradfahrer ihren Schrecken verloren hätten. So war die Botschaft von Monheim zu verstehen, der auf Einladung des Kreisverbands des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) gekommen war. Überhaupt müssten sich Städte wie Lüneburg deutlich mehr auf diese Form der Fortbewegung konzentrieren, da sie erlaube, innerhalb weniger Minuten selbst von den Randbereichen und Umlandgemeinden ins Zentrum zu gelangen, meinte der emeritierte Professor aus Trier. „Die Reichweiten sind durch Pedelecs in den letzten zehn Jahren um das Dreifache gestiegen.“

Wie wichtig die Abkehr vom Auto sei, machte Monheim mit einer anderen Botschaft deutlich: „Über Deutschlands Straßen fahren 160 Millionen leere Sitze“ – will heißen: meist sitzt nur eine Person im Auto, die üblichen Plätze sind unbesetzt, „eine miserable Effizienz“. Und: 160 Millionen Stellplätze werden in Deutschland vorgehalten, für jedes Auto vier. Und während Firmen ihren Mitarbeitern häufig kostenlos Parkplätze anbieten, für die selbst aber rund 6000 Euro Kosten an Unterhaltung anfielen, bekämen Radfahrer und Fußgänger oft nichts.

75 Millionen Radfahrer in Deutschland

„Aus diesen Routinen müssen wir ausbrechen“, forderte Monheim. Dazu aber sei ein lückenloses Radwegenetz mit ausreichend Fahrradstraßen erforderlich, „150 allein in Lüneburg“. Erst so könne den Sonntagsradlern – laut Monheim stellen sie den weitaus überwiegenden Teil der 75 Millionen Radfahrer in Deutschland – die Angst vor dem öffentlichen Straßenverkehr genommen werden. Und weiter: Auf diesen Strecken seien Autofahrer nur Gast, vierspurige Straßen sollten auf zwei reduziert werden, „das würde den Verkehrsfluss sogar erhöhen“.

Kontrovers wurde der Abend bei den Themen Veloroute an der Buchholzer Bahn und Radschnellwege für die Metropolregion. Während Lüneburgs Verkehrsdezernent Markus Moßmann für den vom Verkehrsausschuss der Stadt verabschiedeten Streckenverlauf zwischen Ochtmissen und Lüneburg plädierte, um Ochtmissen und Vögelsen miteinander zu verbinden, wurden aus dem Publikum erneut Stimmen für einen Verlauf auf der ehemaligen Bahntrasse laut. Hier wurde vor allem die bequemere Wegführung und touristische Bedeutung einer solchen Strecke ins Feld geführt.

Lüneburg braucht 150 Fahrradstraßen

Monheim zerschlug den Gordischen Knoten, indem er empfahl: „Man muss beides machen.“ Zurückhaltender äußerte er sich hingegen bei der Forderung, nicht erst auf die Ergebnisse der Studie für die geplanten Metropol-Radschnellwege zu warten. Dem war auch Jürgen Krumböhmer entgegengetreten. Der Erste Kreisrat des Landkreises Lüneburg empfahl eindringlich, den zweiten Schritt nicht vor dem ersten zu machen: „Wir müssen von oben nach unten planen.“ Dem konnte letztlich auch Monheim nur zustimmen, „an dieses Thema müssen Kommunen sich stückweise heranrobben“.

Von Ulf Stüwe

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