Mittwoch , 28. Oktober 2020

„Sie war eine glückliche und gute Mutter“

Lüneburg. „Haben Sie mal gedacht, dass sie krank im Kopf ist?“ Die Frage stellte Volker König, Richter der 1. großen Strafkammer am Landgericht, am Dienstag gleich mehreren Bekannten der 25-Jährigen, die ihre vier Monate alte Tochter Maya in ihrer Soltauer Wohnung mit einem Kissen erstickt und ihr später den Kopf abgeschnitten hatte. Die bei einer solch grausamen Tat überraschende Antwort: Nein. Eine Frau, mit der die aus Eritrea stammende Angeklagte gemeinsam einen Deutsch-Kursus besuchte und mit der sie sich gut verstand, äußerte sogar: „Sie war eine glückliche und gute Mutter. Sie ist sehr gut mit ihrem Kind umgegangen.“ Allerdings habe sie Maya nicht gestillt und ihr die Flasche auch nur zu Hause gegeben.

War die 25-Jährige bei der Tat schuldfähig?

Es ist der zweite Prozessanlauf. Bereits Anfang 2018 wurde die Angeklagte vom Landgericht wegen Mordes zu lebenslänglich verurteilt. Der Bundesgerichtshof kippte das Urteil in Teilen, sah die „objektiven Tatumstände“ als gegeben an, die neue Kammer müsse nun aber die Fragen nach Motiv und Schuldfähigkeit der 25-Jährigen klären. Im ersten Urteil gingen die Richter davon aus, dass sich die Frau mit dem Tod ihres gemeinsamen Kindes an ihrem Lebensgefährten rächen und ein freieres Leben leben wollte.

Am Dienstag sagte ein 36-jähriger Sudanese, Ehemann der besten Freundin der 25-Jährigen, dass es bei den Eltern von Maya Probleme gegeben habe: „Es ging meistens ums Geld. Sie warf ihm vor, dass er das Geld für Drogen verprassen würde. Und er wollte weg aus Soltau, sie wollte bleiben.“ Es seien aber verbale, nie körperliche Auseinandersetzungen gewesen.

Schweigen in der Neuauflage gebrochen

Im ersten Prozess kamen die Richter zu der Überzeugung, dass das Baby am 30./31. Dezember 2016 noch lebte. Die Angeklagte hatte damals geschwiegen, in der Neuauflage nun aber geschildert, dass sie mit der toten Maya mit Körper und dem abgeschnittenen Kopf im Kinderwagen am 30. oder 31. Dezember per Zug nach Hannover gefahren sei, sich dort länger im Bahnhofsumfeld aufgehalten habe. Dass zu diesem Zeitpunkt mit ihr etwas nicht stimmte, bemerkte der 36-Jährige, der an dem Tag mit seiner Frau und seinen Kindern ebenfalls in Hannover war und die Angeklagte auf dem Bahnsteig traf, von wo aus sie nach Soltau zurückfahren wollte: „Ihre Verfassung hatte mir nicht gefallen, sie war aufgeregt, ihre Haare waren nicht frisiert, sie war nicht geschminkt – so geht sie normalerweise nicht aus dem Haus.“

Er habe sie gegrüßt und auch dem Baby „Hallo“ sagen wollen, habe sich dem Kinderwagen bis auf etwa 50 Zentimeter genähert. Da habe sie mit den Händen eine Abwehrhaltung eingenommen und gesagt: „Nein, das Kind schläft.“ Von dem Baby habe er lediglich einen Teil der Stirn gesehen: „Der Rest des Gesichts und der Körper waren mit einer Decke bedeckt, es trug eine weiße Mütze.“ Auf die Frage, ob er der 25-Jährigen zutraue, ihr Kind getötet zu haben, antwortete der Zeuge: „Es ist unvorstellbar, dass eine Person ihr eigenes Kind umbringt.“

Psychiater erstatten ihre Gutachten

Die Frage, ob die Frau „krank im Kopf ist“, wird das Gericht auch zwei Psychiatern stellen. Sie erstatten ihre Gutachten wohl am Mittwoch, 6. Februar.

Von Rainer Schubert

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