Sonntag , 27. September 2020
Lilafarbene Westen oder Jacken, wie Koordinator Henry Schwier sie trägt, machen die Seelsorger sichtbar. Foto: privat

„Das Leben kann so schnell vorbei sein“

Lüneburg. Die Notfallseelsorge ist Teil der psychosozialen Krisenintervention im Auftrag der Kirchen. Sie soll Opfer, Angehörige, Beteiligte und Helfern in Notfällen unterstützen.

„Ein plötzlicher Tod ist der Hauptalarmierungsgrund für die Notfallseelsorge“, sagt Henry Schwier, leitender Notfallseelsorger im Landkreis Lüneburg. Ein Team von 26 Mitarbeitern im Ev.-luth. Kirchenkreis Lüneburg ist das Jahr über rund um die Uhr in Bereitschaft und wird von den Rettungskräften hinzu gerufen, wenn zum Beispiel Todesnachrichten überbracht werden oder Angehörige im Falle eines gerade erst bekannt gewordenen Selbstmordes Beistand benötigen.

43 Einsätzen im Jahr 2018

„Plötzliche Todesfälle von Kindern und jungen Menschen gehen einem natürlich besonders nahe. Überhaupt: Dass das Leben so plötzlich vorbei sein kann, ist oft schwer zu begreifen – das gilt für die Angehörigen, aber auch immer wieder für Rettungskräfte“, so Henry Schwier.

Im Jahr 2018 wurde die Notfallseelsorge im Landkreis Lüneburg zu 43 Einsätzen gerufen. Damit liegen die Einsatzzahlen auf Vorjahresniveau. 29 Einsätze davon ereigneten sich überwiegend im Haus der Betroffenen, 14 fanden auf der Straße, in Firmen oder in Institutionen statt. Ein Drittel wurde dabei von den örtlichen Pfarrämtern übernommen, der Rest von Kolleginnen und Kollegen aus dem gesamten Kirchenkreis. „Ein gut funktionierendes, übergreifendes Netzwerk ist entscheidend, um schnell zu reagieren und vor Ort sein zu können“, so Schwier. Denn oft sei es ein Wettlauf gegen die Zeit: „Eine der größten Herausforderungen ist es, schneller zu sein als die Infos, die über WhatsApp, Facebook und Co. verbreitet werden – nichts ist doch schlimmer, als eine Todesnachricht über eine SMS zu bekommen.“

Angehörigen stabilisieren und unterstützen

Dass kein Einsatz gleich ist, kann der Seelsorger trotz der 19 Jahre sagen, in denen er bereits dabei ist. „Es ist gut, sich schnell auf Situationen einstellen zu können. Für uns geht es vor allem darum, die betroffenen Angehörigen zu stabilisieren und zu unterstützen. Da zu sein für die Menschen, die sich im ersten Schock oder im Gefühlssturm befinden“, sagt Henry Schwier. In Fortbildungen werden die Notfallseelsorgenden auf verschiedenste Situationen vorbereitet. Auch Gesprächsangebote für Rettungskräfte gehörten dazu, „denn menschliches Leid und schlimme Bilder gehen natürlich auch den Mitarbeitenden der Hilfsdienste, oft engagierte Ehrenamtliche, unter die Haut. Manchmal hilft es schon, gemeinsam Worte für das Erlebte zu finden. Es freut uns sehr, dass die Zusammenarbeit mit Polizei, Feuerwehr, Rettung und anderen Hilfsdiensten so gut ist“. lz