Sonntag , 27. September 2020
Die Leitende Superintendentin Christine Schmid (vorne v.r.) und Superintendent Christian Cordes konnten Landesbischof Ralf Meister zum zweiten Mal hintereinander beim Epiphanias-Empfang begrüßen. Foto: be

Kirche nimmt sich Freiraum mit Beatles vor dem Altar

Lüneburg. Es waren ungewohnte Klänge in einer Kirche. Drei Beatles-Klassiker hört man in St. Johannis doch eher selten. Michaelis-Kantor Henning Voss hatte mit seinem Kammerchor für einen vertrauten Termin eher Ungewöhnliches einstudiert: „Yesterday“, „Can‘t buy me love“ und „I‘ll follow the sun“ umrahmten beim traditionellen Epiphanias-Empfang am Dienstagabend den Impulsvortrag von Landesbischof Ralf Meister.

Der Gast aus Hannover genoss diese Begleitung und er spielte über sein Smartphone zusätzlich noch „Fool on the Hill“ von den Pilzköpfen an. Das Publikum im vollbesetzten Mittelschiff von Lüneburgs größter Kirche gefiel diese Form der Ansprache, so dass bei diesem größten Neujahrsrempfang im Landkreis nicht nur dem Chor begeistert applaudiert wurde, sondern auch dem Gastredner.

„Mut haben und gewöhnliche Wege verlassen“, einmal „neue Blickrichtungen wagen“ und „etwas tun, was Sie noch nie getan haben“, gab der Bischof gleich zu Beginn als Richtung für das Jahresmotto „Zeit für Freiräume“ vor. Es gehe darum, dem Rhythmus der Zeit auch einmal zu entkommen.

„Abwehrhaltung in unübersichtlichen Zeiten“

Wege abseits eingetretener Pfade dürften indes nicht verwechselt werden mit Abwegen. „Früher war nicht alles besser“, betonte das Oberhaupt der Evangelisch-lutherischen Landeskirche. Zwar sei es früher einfacher gewesen, nach vorne zu schauen, „da es leichter war, sich eine Zukunft vorzustellen“, dies dürfe aber nicht zu falsch verstandener Nostalgie führen. Er warnte gleichermaßen vor einer „Abwehrhaltung in unübersichtlichen Zeiten“ und davor, Modellen zu folgen, „die für die Welt, in der wir leben, nicht mehr taugen“.

In den Mittelpunkt stellte der Landesbischof, dass Freiraum auch bedeute, eine „dankbare Sicht“ auf das eigene Leben zu haben. „Wo bleibt die Zeit für das Wesentliche – für uns selbst?“, riet er dazu, Arbeitsroutinen zu hinterfragen und sich auch nutz- und sinnlose Zeiten zu erlauben. Diese Frage müsse auch die Kirche und ihre Einrichtungen erreichen: „Es ist viel einfacher, ein Gebot oder ein bestimmtes Tun zu akzeptieren, als das Seinlassen zuzulassen.“

Jahresaktion „Freiräume“ war innerkirchlkich durchaus umstritten

Fünf Gemeindemitglieder hatten zum Auftakt zu sphärischen Klängen von Kantor Daniel Stickan auf die Frage von Superintendent Christian Cordes ihre Freiräume geschildert: Etwa der Pfarrer, der die Freiheit beim Fliegen erlebt, die Klinik-Seelsorgerin, die beim guten Gespräch auftankt, der Landwirt, der durch die Zeit mit der Familie zu sich selbst findet, der Jugendgruppenleiter, der die Eigenverantwortlichkeit seiner Arbeit schätzt und die Diakonin, deren Herz aufgeht, wenn sie Flüchtlingskindern bei der Kindertafel mit Angeboten Freiräume erschließen kann.

Die Jahresaktion „Freiräume“ sei innerkirchlkich durchaus umstritten gewesen, merkte Gastgeberin Christine Schmid an. Das passe doch nicht zum eigenen Anspruch angesichts der vielen Probleme in der Welt. Dem widersprach die Leitende Superintendentin jedoch entschieden: „Gerade Menschen, die vielleicht noch viel bewegen wollen, können dies nur aus einem Freiraum heraus tun.“

Die Evangelische Landeskirche hat für die Aktion „Zeit für Freiräume 2019“ ein eigenes Internetportal eingerichtet: www.freiraeume2019.de

Von Marc Rath