Sonntag , 27. September 2020
Schützenpräsident Backeberg hofft, dass es mit dem Verein doch noch weitergeht. Allein 2018 haben die Schützen rund ein Viertel ihrer Mitglieder verloren, zählen jetzt nur noch rund 90 Mitstreiter. (Foto: t&w)

Wittorfer Schützenverein droht das Aus

Wittorf. Dem Schützenverein Wittorf droht endgültig das Aus. Kurz vor Weihnachten flatterte Wittorfs Schützenpräsident Wilfried Backeberg eine Räumungsklage ins Haus. Der Grundstückseigentümer und Verpächter Marco Rybarczyk fordert den Verein auf, den Schießstand zu räumen und zu übergeben. Backeberg hingegen ist der Auffassung, dass der Verein immer noch einen gültigen Pachtvertrag hat. Anwälte sind auf beiden Seiten damit beschäftigt. Der Streit dauert schon seit Jahren, hat jetzt einen neuen Höhepunkt erreicht. Dann die nächste Hiobsbotschaft: Parallel hat sich der Kreis Lüneburg eingeschaltet und den Verein aufgefordert, das Gelände von Bleiverunreinigungen zu befreien. Wegen der drohenden hohen Kosten hat Backeberg beim Amtsgericht Lüneburg einen Insolvenzantrag für den Schützenverein eingereicht.

„Ich hoffe, dass der Verein daran nicht zugrunde geht, sondern die Mitglieder bei der Stange bleiben.“
Wilfried Backeberg, Schützenpräsident

Neben Teilen des Festplatzes und der Schützenhalle befindet sich auch die Schießbahn des Schützenvereins auf dem Grundstück des Wittorfers Rybarczyk. Er befürchtet, dass der Kugelfang, das ist der Erdwall am Ende der Schießbahn, mit Blei verunreinigt ist. „Er hat daher den Landkreis Lüneburg als zuständige Bodenschutzbehörde eingeschaltet“, bestätigt Kreissprecherin Katrin Holzmann auf LZ-Nachfrage. Rybarczyk sagt gegenüber der LZ: „Ich wollte nur sicher gehen, dass ich als Eigentümer später nicht auf den Entsorgungskosten sitzen bleibe, sondern dass es geregelt wird, dass der Verein die Verantwortung dafür trägt.“

Erde mit hohem Bleigehalt

Der Landkreis Lüneburg hat eine Bodenuntersuchung eingeleitet, bei der zunächst die geschosshaltige Erde abgetragen und auf Blei untersucht wurde. Holzmann über das Ergebnis des Gutachtens: „Die gesamte entnommene Erde hat einen hohen Bleigehalt. Daher wurde angeordnet, dass der gesamte Wall bis auf den Untergrund untersucht wird. Auf Grundlage dieser Untersuchung folgen weitere Schritte. Der belastete Boden muss vom Verursacher, in diesem Fall ist das der Verein, ordnungsgemäß entsorgt werden.“ In der Vergangenheit haben die Schützen auf der Schießbahn neben dem Luftgewehrstand mit Kleinkaliber geübt. Doch laut Backeberg befänden sich dort angeblich auch noch Altlasten aus Zeiten der Wehrmacht.

Wie dem auch sei. Zunächst war Backeberg davon ausgegangen, mit einer kleineren Sanierungsmaßnahme die Belastungen entfernen zu können. Doch der Bleigehalt scheint weitreichender als erwartet. Backeberg schätzt die Kosten für Abtragen, Entsorgen und Neuaufbau auf rund 15 000 Euro. Rechtsanwalt Torsten Rödenbeck, der den Verein berät, gab Backeberg daraufhin die Empfehlung, wegen drohender Zahlungsunfähigkeit für den Verein Insolvenz anzumelden. Rödenbeck: „Laut Paragraph 42, Absatz 2, BGB, wäre sonst der Vereinsvorstand gesamtschuldnerisch haftbar.“

Schützenfest 2019 wird wohl ausfallen

Nach eigenen Angaben habe Backeberg den Insolvenzantrag am 28. Dezember beim Amtsgericht in den Briefkasten geworfen. Backeberg: „Ganz ehrlich. Das ist mir sehr, sehr schwer gefallen. Ich hoffe, dass der Verein daran nicht zugrunde geht, sondern die Mitglieder bei der Stange bleiben. Das wird für uns ein sehr schweres Jahr.“ Weil der Verein dann kein Geld mehr für Veranstaltungen ausgeben darf, wird das Schützenfest 2019 wahrscheinlich ausfallen. Auch die Ausrichtung des anstehenden Königsballs mit den Bardowicker Schützen werden die Wittorfer laut Backeberg schon nicht mehr leisten können.

Rödenbeck sagt: „Der Insolvenzantrag muss nicht das Ende des Vereins bedeuten. Es kann auch ein Rettungsanker sein.“ Doch selbst, wenn die finanzielle Misere geklärt wäre, bliebe da noch der zivilrechtliche Streit um den Pachtvertrag.

10 000 Euro für die energetische Sanierung der Schützenhalle

Bereits im Frühjahr 2015 hatte der Wittorfer Maurermeister Marco Rybarczyk das ehemalige Gasthaus Fehlhaber gekauft, um darin Wohnungen einzurichten. Damit wechselte auch das angegliederte Grundstück des Schützenhauses den Eigentümer. Der Pachtvertrag war mittelfristig zu Ende 2017 gekündigt worden. Rybarczyk verlangte vom Verein eine höhere Pacht für das Schützenhaus. Die alte Summe, 600 Euro im Jahr, hätte nicht einmal gereicht, um die Nebenkosten zu tragen (LZ berichtete). Zunächst blieb der Verein 2015 die Zahlungen zeitweise schuldig. Im Pachtstreit vermittelte schließlich 2016 Gemeindebürgermeister Michael Herbst. Schließlich habe die Gemeinde die Schützenhalle seit Anfang 2017 gemietet und stellt sie allen Vereinen, allen voran den Schützen, zur Verfügung. Die Schützen wiederum beteiligten sich mit einer monatlichen Zahlung von 175 Euro.

Um die Nebenkosten zu drücken, hatte die Gemeinde zudem 10 000 Euro in die energetische Sanierung der Schützenhalle investiert, davon stammten 7500 Euro aus dem Fonds der Bardowicker Mitgliedsgemeinden. Das Geld floss für neue Fenster und Türen sowie anteilig in die Heizungssanierung. Im Gegenzug baute Rybarczyk auf seine Kosten etwa neue Toiletten ein.
Der Frieden hielt nicht lange. Denn Schützenverein und Verpächter liegen weiterhin im Clinch über die Pacht für den Grundstücksteil der Schießbahn mit Wall.

Nach Rybarczyks Auffassung ist dieser Teil seit Ende 2017 nicht mehr verpachtet. Er sprach ein Nutzungsverbot gegenüber dem Verein aus. Nachdem zuletzt eine Übergabeaufforderung scheiterte, folgte jüngst die Räumungsklage.

Bürgermeister übt Kritik

„Ich finde keine Worte. Das tut mir in der Seele weh, dass dieser Verein offensichtlich stirbt“, sagt Wittorfs Bürgermeister Michael Herbst. Er war seit 1972 Mitglied des Schützenvereins Wittorf und trat vergangenen September aus. Grund seien persönliche Anfeindungen ihm gegenüber seitens anderer Schützen gewesen, verbunden mit dem Vorwurf, die Gemeinde würde sich nicht um den Verein kümmern. Laut Herbst habe der Verein in den vergangenen fünf Jahren mehrere 10 000 Euro an Kosten verursacht, die die Gemeinde mitgetragen habe. Herbst hat hingegen den Glauben an die Vereinsführung verloren, „die nicht in der Lage war, eine Verhandlungsbasis zu finden, gegenüber den Mitgliedern nicht besonders mitteilsam war und auch keine Ratschläge annehmen mochte“.

Von Dennis Thomas