Donnerstag , 1. Oktober 2020
1991 hat Birgit Breitenfeld zum ersten Mal eine LZ ausgetragen. Heute beliefert sie vier Bezirke. (Foto: Heidelberg-Stein)

Lüneburgs Königin der Nacht

Lüneburg. Schweigen liegt über der Stadt, als Birgit Breitenfeld die ersten Landeszeitungen in Briefkästen steckt. Es ist kurz nach Mitternacht. Die Austrägerin leuchtet mit der Taschenlampe auf den Weg. War da im Lichtkegel gerade eine – Hand? Als sie sich umdreht, schreit sie auf: Am Wegesrand liegt ein Mann. Von Nahem sieht sie: In seinem Rücken steckt ein Messer.
„Ein Schock“, erinnert sich die 56-Jährige an die Nacht vor rund 20 Jahren. Sie zieht heftig an ihrer Zigarette. In diesem Moment war das Verbrechen ganz nah dran an Birgit Breitenfeld; das, was sonst nur in den Zeitungen stand, die sie austrug. Betrunkene, Spanner, Wildschweine. Nichts hält sie davon ab, ihre Ware pünktlich zu „stecken“, wenig verhagelt ihr die Lust daran. Aber dieses eine Mal, neben dem Mann mit dem Messer im Rücken, da konnte sie nicht mehr.

Vier Stammbezirke plus Extra-Touren

Breitenfeld bläst den Rauch einer selbstgedrehten Zigarette in den schwarzen Himmel. Sie hat eine raue Stimme, freundliche Augen, trägt das dunkelbraune Haar offen. Ihre zierliche Gestalt hüllen ein Rollkragenpulli, eine zu große Fleece-Jacke und eine Weste ein. So zieht sie los, sechs Mal die Woche, von Mitternacht bis mindestens vier Uhr früh. Vier Stammbezirke beliefert sie täglich, sie braucht dafür jeweils eine Stunde. Wenn Breitenfeld Glück hat, sind zusätzlich Extratouren drin. Sonst reicht das Gehalt nur knapp für Miete und Essen.

Trotzdem leuchtet ihr Gesicht, wenn sie von ihrem Job erzählt. Als eine Nachbarin sie 1991 bat, für sie die Urlaubsvertretung zu übernehmen, sagte sie spontan zu. Vorher war sie nach abgebrochener Lehre und Jobs als Altenpflegerin putzen gegangen, „aber das war nie meine Welt“. Im Gegensatz zum Zeitungsaustragen: Das nächtliche Lüneburg ist ihr Reich, in dem sie die Königin mit Fleece-Schleppe ist. Welche Route sie nimmt, ob sie singt oder schweigt, radelt oder läuft. Sie macht den Job so, wie sie es will. Das hat die dreifache Mutter stark gemacht: „Ich schaffe alles!“, sagt sie heute. Ihr Selbstbewusstsein ist hart erarbeitet.

Schrebergarten als Stressausgleich

Zwar schätzt Breitenfeld beim Austragen die Ruhe in den Straßen. Der Atem fließt, die Beine laufen wie von selbst. Einen Haken hat das Ganze trotzdem: Die Freiheit der Nachtarbeit macht das Leben am Tag beschwerlich. Und das mit drei Kindern. Mittlerweile sind zwei Töchter Anfang 30, das Nesthäkchen, 17, hat gerade eine Ausbildung begonnen. Aber die ersten Lebensjahre der dritten Tochter waren für Birgit Breitenfeld die Hölle. Ihr Mann hatte sie in der Schwangerschaft nach 28 Jahren Ehe verlassen. Die Kleine schrie alle eineinhalb Stunden nach Mama. Die aber musste jetzt das Geld für die Familie verdienen, ging kurz nach der Geburt wieder „stecken“.

Birgit Breitenfeld sieht noch heute müde aus, wenn sie von dieser Zeit erzählt. „Es gibt Türrahmen, an denen man schlafen kann“, sagt sie. Sie hat die Zeit gewuppt, ihre Scheidung überstanden, die Kinder und sich über Wasser gehalten. Welche Wahl hatte sie auch?

Die Gelenke tun weh. Manchmal ist sie tagsüber so kaputt, dass sie das Telefon nicht hört. Kein Wunder: Jahrelang hat die 56-Jährige Bezirke bis nach Rettmer mit dem Fahrrad beliefert. Anhänger, Korb und Satteltaschen prall gefüllt mit Hunderten Zeitungen, von der LZ bis zur ZEIT. Tagsüber kutschierte sie auf dieselbe Weise drei Kinder, Hund und Kaninchen durch Lüneburg. Ausgleich für den Stress bot nur der Schrebergarten, in dem sie Blumen hegt und pflegt wie Schätze.

Vor einigen Jahren kam ein Juwel dazu: ein Firmenauto der LZ, zum Austragen. Eigentlich fahren das nur Festangestellte, aber Breitenfeld übernimmt auf Steuerkarte mehr Touren als die meisten anderen. Den Smart, wild bedruckt mit Zeitungsseiten, hat sie sich verdient. Sorgsam stapelt sie zu Beginn jeder Schicht aktuelle Ausgaben in seinen klitzekleinen Kofferraum. Auf Fußboden, Beifahrersitz. Bis unter die Decke ist das Auto oft beladen. Danach rollt die Austrägerin langsam vom Hof. Hellwach, damit der Kleine bloß keine Schramme abbekommt.

Der „tote Punkt“ kommt gegen 5 Uhr

Wenn sie doch mal müde wird, fängt sie laut an zu singen. Was im Radio läuft, kommt bei ihr gut an. Sie trotzt Problemen, ist vorbereitet auf Starkregen und
29 Blitzeis. „Dann packe ich meine Spikes aus“, sagt sie. Zusammen mit einer Winterjacke für den „toten Punkt um fünf Uhr früh“ liegen sie griffbereit im Auto. Das Laufen auf den Dingern ist anstrengend, aber verletzt hat sie sich im Winter noch nie.

Dafür diesen Sommer. Sie übersah einen Tannenzapfen, stürzte. Schon waren beide Fußgelenke angebrochen, drei Monate Ruhe verordneten die Ärzte. „Eine schreckliche Zeit“, stöhnt Birgit Breitenfeld auf. Sie hasst Nichtstun. Kaum genesen, will sie das Jahr schnell hinter sich lassen.

Denn 2019 winkt ein Traum: Schon lange sparen ihre Töchter und sie für ein eigenes, gebrauchtes Auto. „Wir wollen einfach mal spontan in den Urlaub fahren“, sagt Breitenfeld. Allein der Gedanke daran macht sie mädchenhaft glücklich. Hauptsache weg, in ein Heu-Hotel oder an die See. Irgendwann möchte sie es bis nach Norwegen schaffen, im Wohnmobil. Die Töchter belächeln das. „Aber wenn ich meine Träume nicht hätte, könnte ich mir gleich einen Strick nehmen!“, sagt Breitenfeld trotzig.

Für Urlaub in Norwegen würde sie auch mal eine Pause beim Austragen einlegen. Das macht sie sonst nie. Seit damals, als sie den Mann mit dem Messer im Rücken fand. Er lebte noch. Gleich nach der Polizei klingelte Breitenfeld mit zittriger Stimme ihren damaligen Gatten aus dem Bett. „Kannst du mir helfen?“, fragte sie. „Irgendwer muss jetzt die restlichen Zeitungen austragen.“

Der Weg in den Job

Rund 700 Zusteller tragen regelmäßig Landeszeitung und Lünepost aus. Das Verbreitungsgebiet erstreckt sich von Tespe über Neu Darchau bis nach Amelinghausen. LZ-Zustellungsleiter Philipp Langer empfiehlt neuen Kollegen, anfangs bei „alten Hasen“ mitzugehen, um auch versteckte Briefkästen finden zu können. Die Landeszeitung sei immer auf der Suche nach Austrägern, sowohl in Vertretung als auch fest angestellt. Interessenten können sich melden unter (04131) 740241.

Tipps im Dunkeln

Angst im Dunkeln kennt Birgit Breitenfeld nicht, aber sie ist immer wachsam. Sie empfiehlt, nachts vor allem aufrecht zu gehen und Stärke zu demonstrieren. Das schrecke am besten ab. „Mit Angst im Nacken macht es keinen Sinn, diesen Job zu erledigen“, sagt sie. Von Pfefferspray hält die Lüneburgern nichts, weil man es bei Gegenwind selbst in die Augen bekäme. Dafür hat sie immer Taschenlampe und Handy dabei.

Von Anna Heidelberg-Stein