Dienstag , 20. Oktober 2020
Frank Müller, Geschäftsführer der Lebenshilfe, geht in den Ruhestand. (Foto: t&w)

Selbstbestimmung bleibt eine Aufgabe

Lüneburg. Es hatte Modellcharakter, als die Lebenshilfe 1982 an der Von-Dassel-Straße am Kreideberg ihr erstes eigenes Wohnheim baute. Dabei ging es darum, Menschen mit geistiger Behinderung Wohnraum zu bieten, der ihnen ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht. Frank Müller, der 1979 zur Lebenshilfe gekommen war, hat das Projekt damals mit aufgebaut. Und es entstanden im Laufe der Jahre viele Angebote, um für Menschen mit Behinderung gesellschaftliche Teilhabe zu realisieren. „Ich bin stolz, dass ich ein Teil der Lebenshilfe bin“, sagt Müller. Fast 40 Jahre war der Diplom-Pädagoge ihr verbunden, seit 1989 als Bereichsleiter Wohnen und seit 2000 in der Geschäftsführung tätig. Nun geht der 64-Jährige in den Ruhestand. Ein emotionaler Moment, wie er sagt. Denn es war für ihn eben nicht nur Beruf, sondern die Lebenshilfe war für ihn Herzenssache. Die LZ traf Müller an der Von-Dassel-Straße.

Herr Müller, was hat sie bewogen, vor knapp 40 Jahren bei der Lebenshilfe zu ankern?

Frank Müller: Wie wohl häufig haben Zufälle und Kontakte eine Rolle gespielt. Nach meinem Studium in Marburg habe ich in der Behinderteneinrichtung einer Organisation in Eitzen gearbeitet. Dort habe ich schnell einen Zugang zu den Menschen mit Behinderung gefunden, weil sie die emotionale Seite sehr direkt und nicht von Konventionen geprägt leben. Das hat mich immer fasziniert, wie auch ihr Humor und ihre Zugewandtheit. Man bekommt im Kontakt einfach unglaublich viel zurück. Ich habe aber bald festgestellt, dass ich dort nicht bleiben wollte. Durch mir bekannte Mitarbeiter der Lebenshilfe bin ich dann dorthin gewechselt. Angefangen habe ich als Leiter in einer kleinen Wohnstätte in Reppenstedt, wechselte 1982 an die Von-Dassel-Straße.

Wie war das in den Anfangsjahren, als es darum ging, Angebote für Menschen mit Behinderung zu schaffen?

1964 gründete sich der Verein Lebenshilfe in Lüneburg. Eltern schlossen sich damals mit Fachleuten wie zum Beispiel der Lehrerin Emmy Sprengel zusammen, um die Frage der Beschulung und weiterer Förderung zu klären. Damals galten vor allem mehrfach Behinderte als bildungsunfähig. Die Schule am Knieberg ermöglichte schließlich die Beschulung aller Kinder. Es ging außerdem um die Einrichtung von Kitas und zusätzlichen Angeboten. Die Lebenshilfe war sozusagen die erste BI im Nachkriegsdeutschland, die die Stellung von Menschen mit Behinderungen auf die Tagesordnung gesetzt hat. Für mich war immer bewegend, wie Angehörige sich für ihre Kinder stark gemacht haben. Ab den 1970er-Jahren war dann ein Schwerpunkt die Schaffung von Arbeitsplätzen in Werkstätten. Ab den 1980er-Jahre ging es verstärkt um die Einrichtung von unterschiedlichen Wohnangeboten.

Das Projekt an der Von-Dassel-Straße kam anfänglich nicht bei allen Menschen gut an.

Ja, es gab im Vorfeld Widerstände seitens einiger Anwohner, weil dort Menschen mit Behinderung einziehen und dort eine offene Wohnform entstehen sollte. Es gab Fragen wie: Sind die gefährlich und laut? Werden die Immobilienpreise der umliegenden Häuser womöglich dadurch gemindert? Denn Jahre zuvor waren Menschen mit Behinderung noch in sehr großer Zahl im Landeskrankenhaus untergebracht. In großen Schlafsälen ohne Privatsphäre. Die Bedenken von Bürgern, die es auch bei anderen Wohnprojekten gab, konnten aber ausgeräumt werden. Seit langem ist das Miteinander hier und andernorts gut.

Aus dem Verein Lebenshilfe wurde 1974 die Lebenshilfe Lüneburg-Harburg gGmbH. Was waren die Gründe dafür?

Wir sind vom Ursprung her eine Angehörigen-Organisation, und das ist auch gut so. Aber der Verein stellte fest, dass die Aufgaben enorm zunahmen. Deshalb haben bundesweit viele Lebenshilfen diese Konstruktion der Rechtsform gewählt. Dadurch konnte der Katalog der Dienstleistungen stark erweitert werden. Es gibt heute Wohnstätten und -gruppen an vielen Standorten, ambulante Betreuung, den Familienentlastenden Dienst, Mobile Assistenzdienste für Kinder und Erwachsene, Tagesstruktur für Senioren und auch in den Werkstätten gingen neue Arbeitsbereiche an den Start. Wir sind inzwischen ein Unternehmen, dessen Einrichtungen und Dienste mehr als 2000 Menschen mit Behinderung nutzen. Das bedarf entsprechender Strukturen, und wir stellen uns den Herausforderungen.

Wie sehen die in Zukunft aus?

In allen Geschäftsfeldern haben wir in den nächsten Jahren gesetzliche Veränderungen umzusetzen. Das Bundesteilhabegesetz fordert, dass die Hilfe stärker an der Person und dem Raum, in dem sie lebt, orientiert wird. Sprich: Es geht darum, die Angebote noch stärker zu individualisieren. Ich glaube, wir sind schon gut, aber wir können uns natürlich noch verbessern. Und ich hoffe, dass der Gesetzgeber nicht nur Vorgaben macht, sondern auch die entsprechenden Mittel bereitstellt. Von der Politik erwarte ich zudem, dass bei Gesetzesänderungen etwas beim Menschen ankommt und nicht so viel Zeit und Mittel in der Bürokratie versenkt werden wie beim Bundesteilhabegesetz.

Hat sich die gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderung aus Ihrer Sicht verbessert?

Das können nur Behinderte beantworten. Ich meine aber: Es gibt mehr Auswahlmöglichkeiten, also mehr Selbstbestimmung, wenn es um Wohnen, Arbeit, Bildung und Freizeit geht. Aber diese Entwicklung ist längst nicht abgeschlossen. Wir müssen die Menschen künftig noch stärker einbinden bei der Art, wie sie leben und unterstützt werden wollen. Denn Menschen mit geistiger Behinderung erleben es noch, dass sie nicht gefragt werden: Wie möchtest Du leben, was sind Deine Träume? Vor allen Dingen bei der Teilhabe von Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf wird sich aber zeigen, wie ernst es der Gesetzgeber mit den verkündeten Zielen wirklich meint.

Inklusion wird viel diskutiert. Ziel ist es, dass alle Menschen, behindert oder nicht-behindert, die gleichen Möglichkeiten in Schule, am Arbeitsplatz und beim Wohnen haben. Wie stehen Sie dazu?

Eine gute Idee, ein gutes Ziel, das auf der UN-Behindertenrechtskonvention basiert. Aber es wird ein hartes Ringen werden, dieses Rechtsdokument umzusetzen. Denn die Wirklichkeit orientiert sich an den Prinzipien unserer Gesellschaft: Leistung, Effizienz, Rendite. Schwierig für Menschen mit Behinderung. Deshalb wird sich unsere Gesellschaft der Frage stellen müssen, ob diese Prinzipien künftig Maßstab sein können, wenn Inklusion wirklich gelebt werden soll.

Was wird Ihnen am meisten fehlen, wenn Sie die Lebenshilfe verlassen?

All die tollen Menschen, denen ich in der Lebenshilfe begegnet bin, die Gespräche mit ihnen und die gemeinsame, manchmal sogar humorvolle Arbeit an Lösungen, die ich oft erlebt habe.

Zwei rücken nach

Wenn Frank Müller nun in den Ruhestand geht, weiß er die Geschäftsleitung in guten Händen. Jan-Göran Heyden, mit dem er seit Juni diesen Jahres als Doppelspitze gearbeitet hatte, wird nun zunächst alleiniger Geschäftsführer werden. Den großen Bereich Wohnen und Assistenz, den Müller außerdem verantwortete, wird Inge Seiler-Päpper übernehmen. Die 50-Jährige war zuvor in leitender Fuktion bei einem sozialen Träger im Landkreis Harburg zuständig.

Von Antje Schäfer