Dienstag , 29. September 2020
Die Angeklagten zum Prozessauftakt am 19. September 2017 mit ihren damaligen Verteidigern (v.l.): Dr. Hans-Joachim Gerst mit dem 43-jährigen Hamburger und dessen zweitem Verteidiger Moritz Klay, Dr. Jonas Hennig mit der 41-jährigen Angeklagten sowie Dr. Sascha Böttner mit dem 34-jährigen Angeklagten. (Foto: A/be)

Mit Anabolika in Mengen gedealt

Lüneburg. 19. September 2017: Gegen einen 43-jährigen Hamburger und ein Ehepaar startet das Anabolika-Mammutverfahren vor der 1. großen Strafkammer am Landgericht Lüneburg. Zwei Staatsanwälte benötigen vier Prozesstage, um die 148-seitige Anklageschrift vorzutragen, in der dem mutmaßlichen Haupttäter 712 Verstöße gegen das Arzneimittelgesetz vorgeworfen werden.

Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt: Der Mann hat Dopingmittel hergestellt und im Internet verkauft. Doch er schweigt. Das Ehepaar zeigt sich redseliger, das Verfahren wird abgetrennt, das Paar nach kurzem Prozess im Oktober 2017 zu Geldstrafen verurteilt. Das Verfahren gegen den 43-Jährigen zieht sich über Monate hin, nun wurde das Urteil gesprochen – der Schlussstrich ist es allerdings noch nicht, sein Verteidiger ist in die Revision vor den Bundesgerichtshof (BGH) gezogen.

Gefängnis- und Geldstrafe

Die Ermittler hatten mehrere Jahre lang akribisch Beweismittel zusammengetragen für die Taten, die sich im Zeitraum von Juli 2011 bis Dezember 2012 abspielten, und Empfänger der Substanzen ausfindig gemacht. Letztlich sprach die 1. große Strafkammer eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und drei Monaten aus, von der aber sieben Monate abgezogen werden – sie gelten wegen der Verfahrenslänge als bereits vollstreckt. Verurteilt wurde der Hamburger wegen des Inverkehrbringens von bedenklichen Arzneimitteln und Arzneimitteln für Dopingzwecke im Sport, wegen des vorsätzlichen Herstellens und Inverkehrbringens von minderwertigen Arzneimitteln und Wirkstoffen sowie des Handeltreibens mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln außerhalb von Apotheken. Das Geschehen wurde im Urteil juristisch als eine Tat gewertet.

Bestätigen die Karlsruher BGH-Richter das Lüneburger Urteil, kommt der Mann nicht nur hinter Gitter, der Staat greift ihm auch tief in die Tasche. Die Strafkammer ordnete die Einziehung von 133 300 Euro an – auf die Höhe bezifferte sie den Gewinn, den der Angeklagte mit seinen illegalen Geschäften gemacht haben soll. Zudem wurden bei Durchsuchungen 8700 Euro sichergestellt, auch die sind eingezogen worden.

Untergrundlabor in Salzhausen

Die Anklage ging von folgendem Geschehen aus: Der 43-Jährige hatte sich die Produktionsgrundstoffe in China oder Malaysia bestellt. Mit diesen Stoffen stellte er zunächst in einem eigens eingerichteten Untergrundlabor in Salzhausen und dann ab Ende 2011 in Hamburg verbrauchsfertige Anabolika beziehungsweise Potenzmittel her – sowohl als Injektion wie auch in Kapselform. Dabei verfügte der Angeklagte weder über eine pharmazeutische noch über eine chemische Fachausbildung. Und gesetzlich vorgeschriebene Hygiene-/Qualitäts- und Herstellungsregeln hielt er nicht ein. Bei seinen Mitteln handelte es sich um solche, die zu einem schnellen und gesteigerten Muskel- und Kraftaufbau und damit zu Dopingzwecken im Sport geeignet waren. Und um solche, die zur Verringerung der unerwünschten Nebenwirkungen – vor allem Potenzstörungen – dienen sollten. Der deutschlandweite, auch über die Grenzen hinausgehende Verkauf lief über einen eigenen Webshop, verschiedene Internetforen und den Internetauftritt eines Untergrundlabels.

Anabolika gelten als Muskel-Macher und sind künstlich hergestellte Wirkstoffe, die dem männlichen Sexualhormon Testosteron ähneln. Sie wurden bereits im Zweiten Weltkrieg entwickelt, um entkräfteten Kriegsgefangenen bei der Genesung zu helfen. Weil sie die Leistung steigern können, wurden sie im Sport eingesetzt. Wegen der vielen Nebenwirkungen wurden sie 1976 bei den Olympischen Spielen auf die Dopingliste gesetzt.

Von Rainer Schubert