Montag , 28. September 2020
Prof. Dr. Jürgen Deller: Die meisten Senioren arbeiten nicht, weil sie müssen. (Foto: t&w)

Der demografische Wandel wurde „völlig verpennt“

Lüneburg. Fast jeder vierte Erwerbstätige in Deutschland ist über 55 Jahre alt. Waren 2006 noch fünf Millionen Menschen in dieser Altersgruppe, hatte sich deren Zahl zehn Jahre später bereits nahezu verdoppelt. 1999 war der demografische Wandel noch kein Thema, die Belegschaft in den Unternehmen viel jünger. Inzwischen steht die Arbeitswelt vor zwei Herausforderungen: Nie zuvor haben Menschen in Deutschland so lange gesund gelebt. Sie möchten deshalb auch über das Rentenalter hinaus arbeiten, manche müssen es aus finanziellen Gründen. Doch gleichzeitig fehlt den Unternehmen der Nachwuchs, um langfristige personelle Strategien umzusetzen. 

Experte auf dem Gebiet ist Prof. Dr. Jürgen Deller, er beforscht alternde Belegschaften und die Möglichkeiten, auch nach der Rente noch weiterzuarbeiten. Mit großem Erfolg: Er hat einen Index entwickelt, der die Struktur für eine Norm geben soll, die zurzeit weltweit erarbeitet wird. 17 Länder beteiligen sich.

Lange Jahre als Personaler

Deller war nicht immer an der Leuphana tätig, er hat lange Zeit als Personalchef in der IT-Branche gearbeitet. „Als ich Ende 1999 ausgeschieden bin, war der demografische Wandel noch überhaupt kein Thema“, sagt er. Schon damals habe er sich darüber gewundert, „schließlich weiß jeder, wie es im eigenen Unternehmen in zehn Jahren um den Altersdurchschnitt steht“. Statt sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen, hätten die großen Firmen auf Jugendarbeit gesetzt und „völlig verpennt“, dass die Belegschaft älter wird.

Den Ausschlag dafür, sich näher mit der Erwerbstätigkeit im Alter zu beschäftigen, gab eine Unterhaltung bei der Bertelsmann-Stiftung vor 15 Jahren. „Jemand kam auf mich zu und sagte mir, dass es mit der Rente später mal schwer wird, Arbeiten in der Zeit bei der Finanzierung helfen könnte“, sagt Deller. Er habe damals vor vielen Fragen gestanden: Können Rentner überhaupt noch arbeiten? Dürfen und wollen sie das?

Deller prägte den Begriff „Silver Worker“

Um das herauszufinden, machte sich der Wissenschaftler auf die Suche nach Leuten, die keine Lust auf Ruhestand haben. Deller etablierte den Begriff „Silver Worker“, er findet heute vielfach Verwendung.

Anfangs rannte Deller nicht gerade offene Türen ein. So wurden zu der Zeit in den amtlichen Statistiken nicht einmal Personen ausgewiesen, die mit 65 Jahren oder älter noch arbeiten. „Das Statistische Bundesamt teilte mir mit, dass danach bislang auch niemand gefragt hatte. Es ging nur darum, die Leute möglichst frühzeitig in den Ruhestand zu schicken.“

Heute kann der Sprecher des Instituts für Management & Organisation sagen: „Ich habe viel gelernt.“ Zum Beispiel, dass viele auch im Alter noch dazulernen möchten, die Struktur und die sozialen Kontakte schätzen, die ihnen der Job bietet. Problematisch sei jedoch nach wie vor die Suche nach einem Arbeitsplatz im Rentenalter. „Selbst Teilzeitjobs sind kaum zu finden.“

Bessere Ausbildung, bessere Gesundheit

Herausgefunden hat das Team auch, dass der überwiegende Teil der Senioren nicht aus finanziellen Gründen weiterarbeitet. „Die höchste Erwerbsneigung gibt es bei denen, die am besten ausgebildet sind.“ Der Arbeitsmarkt für Ältere sei gewissermaßen zweigeteilt, mit einer starken Bevorteilung einer Gruppe. „Diejenigen, die gut ausgebildet sind, wollen nicht nur weiterhin arbeiten, sie sind häufig auch gesünder und verdienen mehr Geld.“

Deshalb sei es wichtig, einen Beitrag zu leisten für die Personen, die aufgrund einer mageren Rente eigentlich weiterhin einem Job nachgehen müssten, es aber körperlich nicht mehr können. Eine Lösung sieht Deller in Solidarbeiträgen, problematisch sei da nur, dass viele Rentner einem 450-Euro-Job nachgehen und deshalb gar keine Sozialversicherungsbeiträge zahlen. Sein Appell: „Da ist auch die Politik gefragt.“

Er ist aber auch überzeugt, dass es an den Arbeitgebern ist, Rahmenbedingungen zu schaffen, die es 70- oder sogar 80-Jährigen einfacher machen. Dabei seien verschiedene Faktoren ausschlaggebend: Sind flexible Arbeitszeiten möglich? Kann jemand auch mal von zu Hause arbeiten? Bietet eine Firma projektgebundene Tätigkeiten an?

Wege, um die Motivation zu erhalten

Dass sich die allermeisten Arbeitgeber kurz vor dem Übergang in die Rente nicht mit ihren Angestellten hinsetzen, um deren Vorstellungen zu besprechen, bedauert Deller. Er nennt einige Ausnahmen: „Im Handwerk und bei kleineren Firmen ist das ein großes Thema.“ In der Pharmaindustrie sei gar im Manteltarif festgelegt, dass jährlich 300 Euro für Demografiethemen zurückgestellt werden. „Das Geld wird dann beispielsweise genutzt, um Arbeitsbedingungen zu verändern.“

Um genau das zu tun, hat Deller mit dem Demografie-Netzwerk und der Personalergruppe Goinger Kreis den „Later Life Work Index“ entwickelt. Er soll Unternehmen aufzeigen, wie Arbeitsleistung, Gesundheit und Motivation älterer Beschäftigter erhalten werden können. Im November hat er das Messinstrument einem internationalen Komitee der ISO vorgestellt, die Normgruppe setzt die Rahmenbedingungen für alternde Gesellschaften.

Der Katalog, den in größeren Firmen bis zu zehn Personen beantworten müssen, umfasst 100 Fragen. 50 Unternehmen aus ganz Deutschland arbeiten derzeit mit der Forschergruppe zusammen, im Januar geht eine Einladung an weitere 28 000 raus. Beide Seiten profitieren: „Wir geben den Firmen nach der Auswertung eine Rückmeldung, wo sie stehen.“
Dass Erhebungen auch in den USA, China und Israel durchgeführt werden und damit ein weltweiter Transfer von Forschungsergebnissen ermöglicht wird, liegt daran, dass verschiedene Partner an Bord sind. In Amerika verbreitet etwa das Boston College den Index. „Hinter all dem steht das Ziel, die Arbeit von Menschen im Alter besser zu machen und die Bedingungen weiterzuentwickeln.“

Von Anna Paarmann