Dienstag , 22. September 2020
Jeanette Silberborth (l.) im Gespräch mit Carmen Freytag. Foto: t&w

Die Einsamkeit weglachen

Adendorf. Heiligabend: Die wohl meisten Menschen freuen sich auf diesen festlichen Abend bei Kerzenschein, weihnachtlicher Musik und Geschenken im Kreise der Familie. Es sind aber auch die Stunden, vor denen sich viele fürchten. Weil sie Heiligabend alleine in ihrer Wohnung sind. Weil die Einsamkeit in diesen Stunden besonders quälend ist. Oder die Erinnerung an glückliche, aber längst vergangene Zeiten. Vor neun Jahren hat die Emmaus-Kirchengemeinde in Adendorf deshalb mit Hilfe von vielen Freiwilligen eine ganz besondere Veranstaltung ins Leben gerufen. Unter dem Motto „Niemand soll alleine sein an Heiligabend“ laden Pastorin Renate Weseloh-Klages und ihr Helferteam zu einem besinnlich-fröhlichen Abend in das Gemeindehaus ein. Gemeinsam feiern statt einsam Trübsal blasen – ein Angebot, das von Jahr zu Jahr immer mehr Menschen anspricht und auch dieses Mal wieder für ein volles Haus sorgte.

Gäste kommen nicht nur aus Adendorf

Dabei kommen die Gäste längst nicht mehr nur aus Adendorf oder der näheren Umgebung: „Wir haben mittlerweile auch Besucher aus Amelinghausen, Scharnebeck, Rullstorf und selbst aus Bienenbüttel“, listet Andrea Arnemann-Seeckt, eine der vielen Helferinnen, auf.

Bereits um 17 Uhr ist der Gemeindesaal voll besetzt. Es sind Männer und Frauen im Alter von 21 bis über 80 Jahre. Manche sind mit ihren Familienangehörigen, viele aber auch alleine gekommen. Andere haben ihre Freunde, Nachbarn oder Bekannte mitgebracht. „Insgesamt hatten wir 74 offizielle Buchungen“, berichtet Andrea Arnemann-Seeckt schmunzelnd – gekommen sind dann aber doch wieder mehr: „Wir haben 81 Gäste gezählt“, berichtet Tanja Wolf, die ebenfalls dem Helferteam angehört, bereits am frühen Abend – Tendenz steigend.

Viele haben sich erst wenige Tage vor Heiligabend getraut, sich zu melden – quasi auf den letzten Drücker. Im Pfarrbüro hat man Verständnis dafür: „Viele kostet das ganz viel Kraft, bei uns anzurufen und sich für die Veranstaltung anzumelden“, weiß Tanja Wolf – bedeute dieser Anruf doch auch das bittere Eingeständnis vor einem selbst, dass man alleine ist.

Doch spätestens beim Eintreffen im festlich eingedeckten Gemeindesaal ist von solch trübsinnigen Gedanken nichts mehr zu spüren: Es wird gelacht, gescherzt, mit den Tischnachbarn geredet. Viele kennen sich von früheren Veranstaltungen: „70 Prozent unserer Gäste sind bereits mindestens das zweite Mal bei uns“, schätzt Tanja Wolf, die später am Abend die Gäste auch noch mit ihrer Gitarre unterhalten und eine Geschichte vorlesen wird.

Fest wurde erst durch Spenden ermöglicht

Bereits zum sechsten Mal dabei sind Hans-Ulrich Linke und sein Sohn Andreas. Die beiden Männer haben sich schick gemacht für den Abend – mit Anzug, Weste und Krawatte. „An Heiligabend zu Hause sitzen und alleine feiern ist nicht schön“, sagt Hans-Ulrich Linke, der deshalb froh ist, dass die Emmaus-Kirchengemeinde diese Veranstaltung anbietet.

Jeanette Silberborth begleitet ihre Mutter Petra zur Weihnachtsfeier – und ist ebenfalls begeistert. „Das ist doch wirklich nett hier“, sagt die 25-jährige gelernte Altenpflegerin und unterhält sich angeregt mit ihrer Tischnachbarin Carmen Freytag, die zum zweiten Mal dabei ist. „Das hatte mir schon beim letzten Mal gut gefallen“, sagt die Adendorferin, die mit ihrer Bekannten Margot Hansen erschienen ist. Auf der Bühne im Gemeindesaal richtet derweil Adendorfs Bürgermeister Thomas Maack (SPD) einige Grußworte an die vielen Gäste. „Eine wirklich tolle Veranstaltung“, lobt der Rathauschef.

„Viele kostet das ganz viel Kraft, bei uns anzurufen und sich für die Veranstaltung anzumelden“ – Tanja Wolf, Helferteam

Das finden auch die vielen Helfer, ohne deren Engagement diese Feier gar nicht vorstellbar wäre: In der Küche wirken Koch Peter Becker und sein Team. Sie sorgen dafür, dass das leckere Weihnachtsessen – Gulasch mit Rotkohl und Kartoffeln und als Nachtisch Zimteis mit Pflaumenkompott – rechtzeitig auf den Tischen steht.

Die Tisch-Deko, die Zutaten zum Festessen, die Geschenke, die an alle Gäste verteilt werden – alles das wurde erst möglich durch Spenden, die das Team um Pastorin Renate Weseloh-Klages schon lange vorher eingeworben hat. Und während die Gäste noch gemütlich beisammen sitzen, gemütlich miteinander essen und feiern, denkt der eine oder andere Helfer schon an Heiligabend im nächsten Jahr. Getreu der Devise: Nach dem Fest ist vor dem Fest.

von Klaus Reschke