Mittwoch , 28. Oktober 2020
LZ-Leser Martin Geitel schickte dieses Foto von der Rotenburger Staße zum Jahresanfang 1979. Foto: geitel

Schneekatastrophe 1978/79: LZ-Leser erinnern sich

Lüneburg. Meterhohe Schneeverwehungen, Chaos auf den Straßen, tagelang schulfrei und Schneeschaufeln bis zum Umfallen. Viele Lüneburger erinnern sich noch eindrücklich an den Jahreswechsel 1978/79. Auf LZonline erzählen sie ihre Geschichten von diesem ganz besonderen Winter.

 

Marc Beyer als Fünfjähriger im Schnee.
Marc Beyer war 1978 erst fünf Jahre alt, doch eines weiß er noch ganz gewiss: Für ihn als Kind waren die Schneemassen ein Heidenspaß! Beyer lebte damals mit seiner Familie im Triftweg in Hohnstorf, wo auch das Foto von ihm mit seiner selbst gebauten Schneehöhle entstand. Rodeln auf dem Elbdeich gehörte damals zum Tagesprogramm. „Und ich weiß noch, dass meine Mutter und ich querfeldein nach Buchhorst bei Lauenburg/Elbe zu ihrer Freundin gelaufen sind, weil die Straßen unbenutzbar waren“, so Beyer.

Als Leiter der Straßenmeister Lüneburg war Herwig Munderloh im Winter 1978/79 Herr über die Räumfahrzeuge auf Bundes- und Landesstraßen. Mit 28 Männern, vier Streu-und Räumfahrzeugen, einem Unmog und drei geliehenen Schneepflügen kämpfte er zum Jahreswechsel gegen die weißen Massen. „Wir mussten im 24-Stunden-Dienst arbeiten, um gegen die Schneeverwehungen anzukommen“, erzählt Munderloh. Deshalb hätten sich seine Leute im Zwei-Schicht-System abgewechselt. „Besonders schlimm war es auf der B209 Richtung Oerzen, und die L233 zwischen Melbeck und Ebstorf mussten wir sogar sperren, weil sie komplett zugeschneit war.“ Fahrzeuge wurden vor dem Einsatz in der Halle angewärmt, weil bei den niedrigen Temperaturen draußen der Diesel in den Tanks flockig wurde. Munderloh selbst saß in der Straßenmeisterei an der Artlenburger Landstraße am Funkgerät und koordinierte die Einsätze. „Natürlich konnten wir Neujahr nicht richtig feiern“, erinnert sich Munderloh. „Da ich als Leiter aber in der Straßenmeisterei wohnte, konnte meine Familie mich um Mitternacht im Büro besuchen und wir haben zusammen angestoßen.“

Kolllegium des Gymnasium Odeme beim Schneeschaufeln vor der Schule.
Auch Gerhard Scharf erinnert sich noch gut an den schneereichen Winter, denn „diese Schneeferien und der gemeinsame Einsatz für die Schule haben mehr zum Gemeinschaftsgefühl beigetragen, als manche Gesamt- oder Konzeptkonferenz“, so der ehemalige Leiter des 1971 gegründeten Gymnasiums Oedeme. Ab Mitte Februar musste die Schule geschlossen bleiben, da die Straßen in und um Lüneburg aufgrund starker Schneeverwehungen unpassierbar waren. Trotzdem hätten sich viele Lehrer, Schüler und Eltern dick vermummt und mit Schaufeln und Schneeschippen bewaffnet auf den Weg zum Gymnasium gemacht, um beim Freischaufeln der Zuwege ins Schulgebäude zu helfen. „Es wurde viel gelacht und gescherzt und mancher Kaffee und Grog getrunken“, erinnert sich Scharf.

Kurz vor dem Weihnachtsfest 1978 zog die damals 15-jährige Kathrin Wenzel mit ihrer Familie von Duisburg nach Bad Bevensen. Kaum waren sie angekommen, begann es zu schneien. „Wir mussten uns förmlich aus dem Haus rausschaufeln“, berichtet Wenzel, die inzwischen in Deutsch Evern lebt. Nach Neujahr hätte sie die Wilhelm-Raabe-Schule in Lüneburg besuchen sollen, doch der Unterricht fiel noch eine gute Woche aus. „Die Fenster der Schule hatten noch Einfachverglasung“, erzählt sie. „Es war völlig unmöglich, nach den Ferien die Klassenräume warm zu bekommen.“ Am Gymnasium Marienau, an dem ihr Bruder angemeldet war, fand der Unterricht hingegen statt. „Mit dem VW-Bus haben meine Mutter und ich ihn jeden Morgen hingefahren und mittags wieder abgeholt“, erinnert sich Wenzel noch an die abenteuerlichen Fahrten. „Es war nur eine Spur der Straße freigeschaufelt und in regelmäßigen Abständen gab es Haltebuchten in den drei Meter hohen Schneewänden, um entgegenkommende Fahrzeugen vorbei zu lassen.“

Hans-Christian Gutknecht vor der Garage der Familie am Kreideberg 1978/79 und 2009/10.
„Mir wird immer etwas wehmütig ums Herz, wenn ich die beiden Fotos sehe“, gesteht Ulrike Gutknecht. Im Winter 1978/79 fotografierte sie ihren Vater beim Schneeschippen vor ihrer Garage auf dem Kreideberg, und noch einmal genau 30 Jahre später. „Wir hatten eine tolle Kindheit in der Erfurter Straße“, berichtet Gutknecht. „Im Winter wurde dort nicht einmal geräumt oder gestreut, so dass wir in der Straße mit unseren Gleitschuhen bis zum Dunkelwerden laufen konnten.“ 40 Jahre später kennt in Norddeutschland kaum noch ein Kind die Überschuhe aus Stahl, mit denen es sich herrlich über verfestigten Schnee und Eisoberflächen rutschen lässt.

Für Landwirt Hans Röhr aus Barförde erinnert sich an einen schönen Winter 1978/79. „Im Ort hat jeder beim Schneeschieben geholfen, das schweißte zusammen“, erzählt er. Gegenüber den Bauern im Norden, beispielsweise auf Fehmarn oder Rügen, seien sie an der Elbe wirtschaftlich gut weggekommen. „Bei uns liegen die Ortschaften etwas dichter beieinander, so waren wir zum Glück nicht von der Umwelt abgeschnitten“, berichtet Röhr. Der Milchwagen konnte den Rindvieh-Betrieb jeden Tag ansteuern, wenn auch nur mit Vollgas über die einseitig geräumte Schneepiste aus Echem-Bullendorf kommend. „Da hat der Schnee gestaubt, das war sagenhaft“, lacht Röhr. Jeden Morgen dieses kalten Winters taute er mit heißem Wasser die eingefrorenen Leitungen im Kuhstall auf und umwickelte sie mit Tüchern, um sie warm zu halten, so dass die Tiere trinken konnten. Und auch Rüben und andere Futtervorräte mussten regelmäßig vor der Fütterung freigeschaufelt werden. Dazu Röhr: „Na, das war eben so.“

Gerald Wolter mit seinem Bruder Dennis vor den Schneebergen am Deich von Alt Garge.
Das Foto zeigt Gerald Wolter zusammen mit seinem Bruder Dennis im Winter 1978/79 am Elbdeich von Alt Garge. „Meine Familie und ich waren in unserem Haus im alten Dorf von Alt Garge von der Umwelt abgeschnitten“, erinnert sich Wolter, der damals 16 Jahre alt war. Bis zu zwei Meter hohe Schneeverwehungen blockierten Straßen und Wege, „die Bundeswehr musste kommen und räumen.“ Zum Glück hatte die Familie ausreichend Vorräte im Haus. So erlebten die Kinder den Schnee als großes Abenteuer.

von Katja Grundmann

Themenschwerpunkt Schneekatastrophe:

https://www.landeszeitung.de/a/30374-die-weisse-katastrophe

https://www.landeszeitung.de/a/30370-schneekatastrophe-1978-79-wie-gut-waeren-wir-heute-geruestet

https://www.landeszeitung.de/m/6946