Donnerstag , 29. Oktober 2020
Der Platz in der Altstadt wird eng. Ein Bagger lädt Am Sande Schnee auf einen LKW, der aus den Straßen der Innenstadt auf die Sülzwiesen oder in die Ilmenau abtransportiert wird. Foto: mac

Die weiße Katastrophe

Lüneburg. Noch vier Tage vor Silvester kündigen die Wetterstationen ein Wintermärchen für den Jahreswechsel 1978/79 an. Doch als es einen Tag später zu schneien beginnt, wird schnell klar: Solch einen Wintereinbruch hat Norddeutschland selten erlebt. Mit zehn Kilometern in der Stunde nähert sich der Eissturm von Norden Lüneburg und deckt die Stadt in eine tiefe Schnee- und Eisdecke. Statt mit Sekt und Raketen verbringen Hunderte von Lüneburgern die Silvesternacht mit der Schneeschaufel in der Hand – oder tief schlummernd im Bett, nachdem sie zuvor Tag und Nacht bis zur völligen Erschöpfung bei der Räumung von Schienen- und Straßenwegen geholfen haben. Ein in jeder Hinsicht unvergesslicher Jahreswechsel.

Räumfahrzeuge im Kampf gegen den Schnee am Sande im Februar 1979.
Ein Räumfahrzeug bemüht sich, zumindest die Fahrbahn am Sande freizuschaufeln. Die Parkplätze in der Mitte des Platzes sind längst nicht mehr benutzbar. Foto: mac

Keine Pause für Straßenarbeiter

Am Samstag, den 29. Dezember, sacken die Temperaturen von plus 2,5 auf minus 8 Grad ab. Es fallen 55 Zentimeter Schnee, die der eiskalte Ostwind mancherorts zu zwei bis drei Meter hohen Schneeverwehungen auftürmt. Bei bis zu minus 21,6 Grad schafft das Streusalz auf den Straßen den Kampf gegen Eis und Schnee nicht mehr. Da hilft nur noch Räumen. In 12-Stunden-Schichten arbeiten sich die Fahrer der Straßenmeistereien Tag und Nacht durch die Straßen. Ist ein Weg gerade geräumt, deckt ihn die nächste Schneewehe wieder zu. Zum Glück kommen Bauunternehmer und Landwirte mit Frontladern, Treckern und Unimogs zur Hilfe. Und auch in den Werkstätten wird rund um die Uhr gearbeitet: Überlastete Lichtanlagen, Motorschäden, eingefrorene Bremsanlagen.

Am Lüneburger Bahnhof schuften rund 200 Männer, um die Gleise vom Eis zu befreien. Die Warthalle im Bahnhof entwickelt sich zur Notunterkunft. Reisende, die nur einige Stunden auf ihre Verbindung warten müssen, gelten als Glückspilze, denn für viele fällt die Reise in diesen Tagen ganz aus. Anfangs steigen noch viele Lüneburger auf den Busverkehr um. Für PKW sind viele Straßen längst unpassierbar geworden. Am Mittag stellen dann auch die letzten Buslinien ihren Betrieb ein. „Wir haben uns auf drei schwere Tage eingestellt.“, kündigt Oberkreisdirektor Klaus Harries an diesem Tag bei einer Einsatzbesprechung in Embsen an. Doch der Katastrophenfall bleibt aus – diesmal.

Obwohl die Kältewelle anhält, Schulen in den ersten Tagen des neuen Jahres geschlossen bleiben und schließlich auch die Schifffahrt den Betrieb einstellt, entspannt sich die Lage im Landkreis Lüneburg, sobald es aufhört zu schneien. Am Silvesterabend gegen 20 Uhr vermeldet Bernd Heimann, Leiter der Kreisstraßemeisterei: „Alle Kreisstraßen bis auf wenige Ausnahmen geräumt und beidseitig befahrbar.“

LZ-Grafik vom 6. Januar 1979.

Prekäre Lage in Schleswig-Holstein

Anders sieht es zu diesem Zeitpunkt weiter nördlich in Schleswig-Holstein aus. Bis zur Silvesternacht sterben 12 Menschen in der Bundesrepublik den Erfrierungstod, allein fünf davon im nördlichsten Bundesland. Der Eissturm lässt Wasserleitungen einfrieren, Strommasten wie Streichhölzer einknicken und schneidet Dörfer und Gehöfte von der Umwelt ab.

Auch der Januar 1979 bleibt winterlich und kalt. Die Lüneburger Gastronomen beklagen Umsatzeinbrüche bis zu 50 Prozent, die Kaufleute hingegen freuen sich, weil die Kunden aufgrund der Straßenverhältnisse nicht nach Hamburg abwandern. Auch die Installateure haben alle Hände voll zu tun, denn der klirrende Frost knackt Wasserrohre und lässt Toiletten und Spülbecken einfrieren.

In der Altstadt wissen die Anwohner im Februar 1979 nicht mehr, wohin mit den Schneemassen.
Spaziergang über Schneewälle. Blick von der Apothekenstraße Richtung An der Münze. Foto: mac

Ein zweiter Schneesturm rollt über Lüneburg

Nach fast sieben Wochen Frost bricht am 14. Februar der nächste Schneesturm über Norddeutschland herein. Der Verkehr zu Luft, Land und Wasser kommt zum Erliegen, der Landkreis erlässt ein Fahrverbot für Privatfahrzeuge. Wieder rücken im Kampf gegen den Schnee die Räumfahrzeuge aus und die Menschen näher zusammen.

„Die Schneelast erdrückt Norddeutschland“, titelt die Landeszeitung am 16. Februar 1979. Am Tag zuvor hatten Bergepanzer der Bundeswehr auf der A7 zwischen Egestorf und Bispingen rund 500 Insassen nach bis zu 18 Stunden in der Kälte aus ihren eingeschneiten Autos gerettet. Andernorts fordert der Winter weitere Todesopfer, unter anderem in den Landkreisen Stade und Uelzen. Seit dem Vortrag gilt auch im Landkreis Lüneburg Katastrophenalarm, damit Soldaten helfen dürfen. Zusätzlich ruft der Landkreis die Bürger zur „Aktion Gemeinsinn“ auf, um gemeinsam wichtige Einrichtungen freizuschaufeln und meterhohe Schneewälle an den Straßenrändern auf Felder, die Sülzwiesen oder in die Ilmenau abzutransportieren. Gemeinsam packen es die Lüneburger an.

Zwei Tage später ist auch diesmal das Schlimmste überstanden. Zwar hält sich noch eine Weile die Angst vor weiteren Schneefällen einerseits und einer plötzlichen Schneeschmelze andererseits, die eine Überschwemmung der Kanalisation bedeutet hätte. Eine weitere Katastrophe bleibt aber diesmal zum Glück aus.

von Katja Grundmann

Themenschwerpunkt Schneekatastrophe:

https://www.landeszeitung.de/a/30372-schneekatastrophe-1978-79-lz-leser-erinnern-sich

https://www.landeszeitung.de/a/30370-schneekatastrophe-1978-79-wie-gut-waeren-wir-heute-geruestet

https://www.landeszeitung.de/m/6949