Montag , 28. September 2020
Auch im St. Marianus-Hospiz in Bardowick hängen Werke von Damaris Böhlig. Foto: t&w

Die Welt ein bisschen besser machen

Lüneburg/Odense. Die Telefonverbindung rauscht ein wenig. Als schicke der Odense Fjord eine leichte Brise durch das Funknetz bis nach Lüneburg. Dort oben, auf der dänischen Insel Fünen, spricht Damaris Böhlig in das Smartphone an ihrem Ohr und erzählt ihre Geschichte. Eine lange Geschichte. Eine Geschichte des Aufbruchs und des Freude-Schenkens. Und jedes Mal, wenn sie sich ganz besonders über diese Geschichte freut, sich erinnert, wird ihre Stimme höher, spricht sie schneller.

Damaris Böhlig ist Autorin und Fotografin. Mit ihrer Foto-Initiative „Lichtblicke“ möchte sie „Menschen, denen es nicht gut geht“, Freude schenken. Ihre Fotografien hängen zum Beispiel im Hospiz St. Marianus in Bardowick. Und an dieser Stelle hebt sich ihre Stimme.

Alles begann mit einer Kurzschlussreaktion

Ebenso, wenn sie von Lüneburg schwärmt. Denn hier war die 31-Jährige die letzten Jahre zu Hause. Nach Dänemark hat es sie erst vor Kurzem verschlagen, der Liebe wegen. Wenn ihr Herz etwas will, hat der Kopf still zu sein – zumindest inzwischen. Und hier beginnt ihre Geschichte.

Werbekauffrau – es war der Volltreffer, ein Traumjob für Damaris Böhlig. „Ich hab das mit Leidenschaft gemacht, es geliebt ohne Ende“, sagt sie, in Erinnerung an die knapp zehn Jahre, die sie im Büro arbeitete. Es sei ein Beruf, in dem es darum gehe, die Karriereleiter hochzuklettern. Auch Damaris Böhlig kletterte, übernahm mehr Verantwortung, Führungspositionen. Doch Kollegen gingen, die Arbeitsbelastung stieg. Atemnot, Übelkeit, Kopfschmerzen waren nur einige Symptome der Überbelastung, auf die ein Zusammenbruch folgte. Böhlig wurde krank geschrieben, doch das änderte nichts an den Problemen. Also kündigte sie und suchte nach neuen Perspektiven in einem anderen Unternehmen. „Ich glaube, alles, was falsch läuft, wiederholt sich im Leben so oft, bis du es begreifst und anders machst“, sagt sie. Kurze Pause. Es war irgendein ein Abend im Jahr 2017, an dem sie auf ihrem Sofa saß und beschloss, alles anders zu machen. Sie werde kündigen: Job, Wohnung, Versicherungen. Sie werde sich ins Auto setzen und wegfahren, irgendwo hin, ohne Ziel. Eine Kurzschlussreaktion, wie sie heute sagt. Aber ein Traum, den sie schon lange gehabt habe. Natürlich habe sie später auch Zweifel und Ängste gehabt, aber das Gefühl jenes Abends habe sie immer wieder in ihrem Vorhaben, neu anzufangen, bestärkt und ließ sie beratungsresistent gegenüber den Kritikern werden.

Drei Monate als Aussteigerin in Schweden

Zu denen gehörte auch ihre Schwester. Was passiert, wenn du dir ein Bein brichst – ohne Krankenversicherung? „Ich habe versucht, das nicht an mich ran zu lassen. Ich glaube viele Menschen machen Jobs, die sie eigentlich nicht machen wollen, trauen sich aber nicht auszubrechen“, sagt sie. Als sie sich ins Auto setzte und in Richtung Schweden aufbrach, war jede Angst und Sorge verflogen. Von diesem Tag an wollte sie erfahren, „was das Leben für einen übrig hat, wenn man nur noch das macht, was man möchte“. Drei Monate lebte sie ihr Aussteigerleben in Schweden, baute sie bei fremden Menschen Zäune, pflegte Hunde, hütete Ziegen. Die Stopps ihrer Reise machte sie mithilfe ihres Onlineblogs dingfest: Menschen meldeten sich bei ihr und luden sie ein.

Schließlich packte sie doch nochmal die Angst: Mit nicht zugelassenem Auto, ohne Versicherungen und Dokumente in Schweden erwischt zu werden. „Ich habe mir von anderen Angst einreden lassen und bin zurück nach Deutschland“. In Lüneburg machte sie sich selbstständig, berief sich auf Dinge, die sie schon als Kind gerne tat: Schreiben und Fotografieren. „Ein Freund sagte mir, meine Bilder machten ihn glücklich und ich müsse die Fotos mit anderen Menschen teilen“, sagt die 31-Jährige. Das tat sie. Mit großer Resonanz.

Ein bisschen Skandinavien in den Patientenzimmern

Die Fotos zeigen die Natur in ihren Details. Mal ist es ein Grasbüschel, mal ein Steg im Sonnenuntergang, den Damaris Böhlig ins rechte Licht rückt. „Die Bilder sollen einen für eine Weile woanders hinbringen“, sagt die Künstlerin und möchte ihre Bilder deshalb vor allem in Arztpraxen, Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen aufgehängt wissen. Dafür schraubt die Künstlerin auch mal den Preis der Bilder etwas nach unten.

Einige der Bilder hängen inzwischen in den Patientenzimmern des St. Marianus-Hospizes in Bardowick. „Wir fanden die Bilder ansprechend und wollten der jungen Künstlerin die Chance geben, sie bei uns aufzuhängen“, sagt Corina Klein, Mitgesellschafterin des Hospizes. Es sei gar nicht einfach, Bilder zu finden, die geeignet seien, so Klein. Die Bilder müssten schön anzuschauen sein und dürften beispielsweise keine Tiere zeigen, da manche der Patienten unter Halluzinationen leiden. „Unsere Patienten freuen sich über die Bilder, sie geben Interpretationsmöglichkeiten, laden zum Träumen und in die Ferne schweifen ein“, sagt Klein.

Und so kommt auch ein bisschen Skandinavien in die Patientenzimmer nach Bardowick.

Von Anke Dankers