Mittwoch , 28. Oktober 2020
Jens und Michaela machen kein Geheimnis daraus, dass sie keine Kinder bekommen werden – und weshalb. Foto: phs

„Ein großes Traum-Wirrwarr!“

Lüneburg. Diese Liebesgeschichte beginnt zu späterer Stunde auf dem Vinstedter Motorrad-treffen – vor sechs Jahren, glaubt man Michaela Schröder. Oder vor sieben, folgt man Jens Steudle. Egal. Jedenfalls gab Michaela damals Jens einen Drink aus. Auf der Bühne spielte „Feuerengel“, schwärmt sie. Nein, „Xtreme“, korrigiert er. Jedenfalls tanzten sie – Discofox. Darin besteht Einigkeit. Wochen darauf ein Treffen bei ihr und eins bei ihm. „Dann haben wir beschlossen, ein Paar zu sein“, erzählt Michaela. „Nein, später erst“, verbessert Jens. Sie seufzt. „Doch, so war es!“ Er winkt verzweifelt ab: „Egal.“

Wahrscheinlich ist es das tatsächlich. Denn viel wichtiger als der ganze Kennlernzirkus ist das, was dieses Paar verbindet: die glückliche Zweisamkeit – und der Zufall, dem die beiden das zu verdanken haben. Noch in besagter Nacht in Vinstedt, zwischen knatternden Reifen und dröhnenden Bässen, schrie Jens seiner neuen Bekanntschaft ins Ohr, dass er keine Kinder zeugen könne. Und Michaela ihm, dass sie nach einer Fehlgeburt keine mehr bekommen wolle. Das Thema Nachwuchs war danach nie wieder eins.

Den Mond und die Sterne durchs Teleskop betrachten

Beide reisen gerne, fahren nachts raus ins Feld und betrachten den Mond und die Sterne durch ihr Teleskop – Momente, in denen sie die Flexibilität der Zweisamkeit besonders zu schätzen wüssten, sagen sie, wohl wissend, dass ihre Einigkeit in diesem Punkt nicht selbstverständlich ist. Denn in Jens Leben ist bereits eine Ehe am unerfüllten Kinderwunsch zerbrochen.

Jens und Michaela machen kein Geheimnis daraus, dass sie keine Kinder bekommen werden – und weshalb. Das schütze auch vor nervigen Fragen, sagen sie, meistens zumindest. „Ist doch schön, wenn sich einer im Alter kümmert.“ Als diese Spitze neulich mal fiel, konnte Michaela nur mit dem Kopf schütteln. „In dem Pflegeheim, in dem ich arbeite, fragen Menschen manchmal täglich nach ihren Kindern. Oft aber kommen diese nur alle paar Monate mal zu Besuch.“

Es ist Mittwoch, 18 Uhr. Michaela liegt auf dem Sofa in ihrer Lüneburger Wohnung – die Haare streng zurückgesteckt, hautenge Lederhose, schwarzes Flattertop. Jens ist gerade von seiner Zwölf-Stunden-Schicht in einer Kakaofabrik nach Hause gekommen und direkt ins Bad verschwunden. Wenig später tritt ein Mann ins Wohnzimmer, für den Playboy-Gründer Hugh Hefner ganz sicher applaudiert hätte, mutmaßt Michaela: Jens in Hausschlappen, Pluderhose und Bademantel – sie lächelt bei seinem Anblick. Der Mann, den sie bis heute liebt, das ist der, der tagsüber optisch zwischen Metal und Mittelalter schwankt und sie auch abends im Bademantel noch überzeugt. Hauptsache gedeckte Farben, sagt Michaela. Hauptsache kein Rot.

Also hat sich Jens schon vor Jahren von jedem liebgewonnenen Farbklecks in seinem Kleiderschrank getrennt und Michaela sich im Gegenzug von der Idee, ihrem Partner jeden Wunsch von den Lippen abzulesen. Denn Jens findet das „langweilig, so ohne Ecken und Kanten“. Eine weitere Regel in dieser Beziehung lautet: Es wird nicht gestritten, aus Prinzip nicht. Das soll angeblich auch nur zweimal vorgekommen sein in den letzten sechs oder sieben Jahren. Stattdessen führen die beiden gern „intensive Gespräche“ – über sich, über die Zukunft und die Vergangenheit.

In ihrer Kindheit gibt es erstaunliche Parallelen

Und da gibt es viel zu erzählen. Nicht nur, dass dieses Paar sich einig ist in Sachen Kinderlosigkeit – auch in ihrer eigenen Kindheit gibt es erstaunliche Parallelen: Sowohl Jens als auch Michaela wurden wenige Tage nach ihrer Geburt an eine Adoptivfamilie übergeben. Als Michaela davon erfuhr, war sie gerade zwölf Jahre alt und stritt mit ihrer Mutter. „In Zorn und Wut habe ich gesagt: ,Du bist ja gar nicht meine echte Mutter.‘“ Das hätten zuvor Spielkameraden mal behauptet. In ihrer Heimat Natendorf, einer 700-Einwohner-Gemeinde im Landkreis Uelzen, muss sich diese Information irgendwie herumgesprochen haben, glaubt sie jedenfalls heute.

Ihre Mutter erzählte ihr daraufhin sofort die Wahrheit. Da sei sie schlagartig nicht mehr wütend gewesen, erinnert sich Michaela, auch nicht enttäuscht – bloß neugierig. Und so kam es, dass sie mit 18 das Grab ihrer leiblichen Mutter besuchte und zwei Jahre darauf den Kontakt zu ihrem biologischen Vater herstellte – oder zumindest zu dem, den sie dafür hielt. Der frühere Lebensgefährte ihrer Mutter nämlich erklärte ihr schon beim ersten Treffen, dass da wohl nur ein anderer infrage komme. Gemeldet habe der sich aber nicht, erzählt Michaela und zuckt mit den Schultern. Dafür hat sich zwischen ihr und dem früheren Partner ihrer Mutter inzwischen eine Freundschaft entwickelt.

Jens war acht, als seine Eltern ihm von der Adoption erzählten. Für ihn habe das aber überhaupt nichts verändert, sagt der 44-Jährige. „Meine Eltern blieben meine Eltern – so oder so.“ Erst mit 30 stellte er Nachforschungen an, sie endeten ernüchternd: Seine leibliche Mutter trank, konnte ihm in ihrem Rausch nicht mal mehr sagen, wer sein Vater war.

Geborgenheit und ein Gefühl des Ankommens

Familie – für das Paar aus Lüneburg hat das nichts mit Genetik zu tun. „Familie ist da, wo man sich zu Hause fühlt“, sagt Jens und Michaela ergänzt: „Geborgenheit und ein Gefühl des Ankommens.“ Ankommen wollen die beiden bald auch in Natendorf. Wenige hundert Meter entfernt von Michaelas Elternhaus bauen sie gerade eine Wohnung um.

Im nächsten Frühjahr steht der Umzug an, dann die Hochzeit, anschließend vielleicht ein eigenes Pferd… Michaela lacht. „Ein großes Traum-Wirrwarr!“ Dazu gehört auch das Reisen: Michaela will nach Finnland – und auf jeden Fall noch nach Amerika. Jens in die Tropen, aber, bei aller Liebe, bloß nicht nach Amerika. Dazu werden noch „intensive Gespräche“ folgen.

von Anna Petersen

Was heißt eigentlich Familie? Die LZ hat fünf von ihnen auf ihrer Familienseite vorgestellt:

https://www.landeszeitung.de/a/31141-was-heisst-eigentlich-familie