Freitag , 30. Oktober 2020
"Was passiert mit Frau und Kindern, wenn der Vater ins Gefängnis geht?", wollte LZ-Autorin Anna Petersen wissen. Foto: t&w

Warten und lügen

Uelzen. Die Welt draußen ruht noch unter dem nächtlichen Schleier der Dunkelheit, als Hanna aus dem Schlaf schreckt. 4.30 Uhr. Sie schiebt ihre Wolldecke beisei te, schüttelt die Sofakissen auf, schaltet die Kaffeemaschine ein und knipst das Licht im Schlafzimmer an. Aus dem Kleiderschrank angelt sie eine frische Herrenjeans und einen Pullover und breitet sie auf dem Bett aus, dann schreibt sie eine Zahl in den Wandkalender: 225, es ist der 225. Tag, an dem die Kleidung niemand mehr trägt, die Hanna morgens für ihren Mann zurechtlegt, sie auf dem Sofa schläft, weil sich das Bett allein zu groß anfühlt, und morgens Kaffee für zwei trinkt. Die Welt draußen ist dunkel an diesem Morgen und generell ein bisschen düsterer, seit Markus „drinnen“ ist.

Wer arbeitet, kann keine Minuten zählen

Das erste Geräusch, das Markus an Tag 225 hört, ist ein Schlüssel, der sich im Schloss seiner Zellentür dreht. Da ist es 6.30 Uhr und durch die vergitterten Fenster der Justizvollzugsanstalt (JVA) Uelzen fallen ein paar frühe Sonnenstrahlen nach „drinnen“. Markus liegt auf dem Bett und blickt auf die gegenüberliegende Schrankwand. Da hat er Hannas Lächeln festgeklebt, darunter das seiner Tochter Isa und Hündin Lola. Widerwillig löst er den Blick von den Fotos, schlüpft in Jeans und T-Shirt und schlendert in Richtung Anstaltsküche: Frühstück verteilen, den Hausdienst verrichten. Wer arbeitet, kann keine Minuten zählen, denkt Markus. „Wer arbeitet, halbiert seine Haftzeit.“

Ein schwerer Raubüberfall auf eine Spielhalle, elf Einbrüche in Dentalpraxen: Das macht zusammen fünf Jahre und neun Monate Gefängnis. Kurz nachdem der Richter sein Urteil verlesen hatte, an einem Sommertag im Jahr 2017, griff Markus zum Telefon und wählte Hannas Nummer. Wenn sie heute an diesen Anruf zurückdenkt, erstarrt sie, als zöge sich die Lähmung von damals noch einmal durch ihre Glieder. „Ich glaube, ich habe das gar nicht richtig realisiert. Ich habe zwar seine Worte wahrgenommen, das Urteil aber nicht verstanden. Er hatte doch ein stabiles Leben. Er hatte doch mich …“

An dem Tag, an dem Markus in Hannas Leben trat, regnete es in Strömen. Markus war es, der sie nach der Arbeit auf dem Weg zum Bus unter seinen Regenschirm schlüpfen ließ. „Er war das totale Gegenteil von dem, was ich vorher so kannte“, sagt Hanna: ein Gentleman, ruhig und zurückhaltend, aber auch einer, der Gelegenheitsjob gegen Gelegenheitsjob tauschte und manchmal den Abend mit dem Morgen verwechselte.

Die Entscheidung zwängte Hanna in ein eigenes Strafmaß

Sie trafen sich beinahe täglich – ein halbes Jahr lang, da sagte Hanna jenen Satz, der Markus heute durch die Haftzeit trägt: „Wenn ich mich für dich entscheide, dann für ein Leben lang.“ Hanna entschied sich für Markus, ohne zu ahnen, was genau dieses Leben zehn Jahre später mit sich bringen würde: eine gemeinsame Tochter, ja, aber auch eine Reihe von Verbrechen, die Markus verheimlichte und Hanna mit Ende 20 unverschuldet in ein eigenes Strafmaß zwängte: fünf Jahre und neun Monate warten und lügen.

Rund 4600 Männer saßen zum Stichtag 30. Oktober 2018 eine Strafe in einem niedersächsischen Gefängnis ab, fast 37 Prozent von ihnen sind Väter. In Uelzen und Lüneburg sind es sogar knapp die Hälfte. Vater sein heißt Verantwortung tragen, das weiß auch Markus. „Aber oft habe ich es ja nicht mal geschafft, für mich selbst Verantwortung zu übernehmen.“ Auf diesen Satz folgt peinliches Schweigen. Es ist Tag 255.

Markus sitzt im Gesprächsraum der JVA, sein Blick verliert sich im endlosen Weiß der Wände, während er an die dunklen Momente der Haftzeit denkt. Vor ein paar Wochen telefonierte er mit Hanna, sie klang nervös: Eine Nachzahlungsaufforderung lag im Briefkasten. Hanna fürchtete, dass man ihr bald den Strom abstellen würde, sollte sie das Geld nicht zeitig auftreiben. Markus suchte verzweifelt nach möglichen Sätzen, die er jetzt sagten könnte: „Ja, wird schon.“ Oder: „Du machst das schon“? Nichts als leere Phrasen. „Normalerweise, draußen, hätte ich versucht, alles in Bewegung zu setzen, damit sich das ändert. Aber mir sind die Hände gebunden. Ich bin gezwungen, das auszuhalten.“

Aushalten. Durchhalten. Festhalten an der Idee, das Gefängnis als verantwortungsbewusster Familienvater zu verlassen. Er und Hanna waren erst wenige Monate ein Paar, als Markus‘ Schuldenlast und vorübergehende Arbeitslosigkeit sie in eine „Notsituation“ manövrierten. So fühlte es sich für Markus zumindest an. Mit jeder unbezahlten Rechnung wuchs in ihm die Angst: Angst davor, aus der gemeinsamen Wohnung zu fliegen, Hanna nichts mehr bieten zu können – sie trotz aller Versprechen zu verlieren. „Ich dachte, ich muss das jetzt selbst in die Hand nehmen“, erinnert sich Markus. „Es ging für mich wirklich ums Überleben, darum, dass wir wieder ein bisschen Luft zum Atmen haben, dass es weitergehen kann …“ Er stockt. Das klingt nach Rechtfertigung, weiß Markus, doch das sei es nicht. Nichts könne rechtfertigen, was dann passierte.

Die finanziellen Sorgen blieben

In einer Sommernacht vor mehr als sieben Jahren – Hanna und er hatten gerade heftig gestritten – saß Markus allein im Wohnzimmer, trank eine „Mische“ oder zwei, um die letzten Zweifel wegzuspülen, dann machte er sich auf zur Spielhalle. „Ich habe gewartet, bis keiner mehr da war“, erzählt er. „Dann bin ich rein. Da war dieser Glaskasten mit ein wenig Platz unter der Decke. Ich bin mit einem Satz drüber gesprungen und stand da mit ihr, der Angestellten.“ Sie habe panisch geschrien. „Ich habe sie beruhigt, habe gesagt: ,Dir passiert nichts. Ich brauche nur das Geld.‘ Das habe ich dann gleich eingesammelt, bin an ihr vorbei, habe mich entschuldigt und bin schnell weg.“ Die Spielzeugpistole in seiner Jackentasche sei gar nicht erst zum Einsatz gekommen. Das ist Markus‘ Version der Geschichte.

Die andere ist die, die in der Zeitung stand: Er habe die Frau mit einer Waffe bedroht, heißt es da, sie in die angrenzende Küche gedrängt, die Pistole am Kopf. Auch von einem Drohbrief ist die Rede. Markus aber beteuert: „Die hat mir voll leid getan. Ich wollte ihr ja nichts Böses – nur das Geld und wieder weg.“

Der Fall blieb Jahre lang ungeklärt. Das erbeutete Geld reichte gerade, um ein paar Rechnungen zu tilgen, Hanna erfuhr von alldem nichts. Kurz darauf zogen sie in den Landkreis Lüneburg, wo Markus bald wieder einen Job fand. Doch so viel er auch arbeitete: Die finanziellen Sorgen blieben. Eines Tages erzählte ihm ein Freund, er werde gestohlenes Gold und Geräte aus Dentalpraxen zu Geld machen, und so kam es, dass auch Markus wieder die legalen Pfade verließ – einmal, zweimal … elfmal, dann wurden sie von der Polizei gestoppt. Hanna hatte er an diesem Wochenende glauben lassen, er wolle auf dem Kiez mit Kumpels feiern gehen.

„Wenn er mir nicht gesagt hätte, dass er das gewesen ist, würde ich bis heute nicht glauben, dass er das getan hat.“ – Hanna

Als Markus’ am Sonntagmittag noch immer nicht erreichbar war, telefonierte sie die umliegenden Krankenhäuser und Polizeistationen ab. Da klingelte es an der Tür. Draußen standen vier Beamte. „Und ich dachte im ersten Moment, ihm sei tatsächlich was passiert“, sagt Hanna. Stattdessen behaupteten die Polizisten, ihr Mann sei in eine Straftat verwickelt. Danach verblassen ihre Erinnerungen. Hanna meint noch zu wissen, dass sie hilflos zugesehen habe, wie die Polizei Keller und Wohnung auf den Kopf stellte, in Taschen und Schränken wühlte, um dann zwei Tage später mit Koffern voller Beweismaterial wieder zu verschwinden: darunter jede Menge Zahnarztgeräte – und eine Geld-banderole aus der Spielhalle.

„Wenn er mir nicht gesagt hätte, dass er das gewesen ist, würde ich bis heute nicht glauben, dass er das getan hat“, sagt Hanna. „Ich hätte meine Hand dafür ins Feuer gelegt. Einbruch, Raubüberfall, das ist so …“ Ihr fehlen noch immer die passenden Worte. Stattdessen lacht sie laut auf: „Todpeinlich!“ Hanna lacht oft, seit Markus weg ist – auch und vor allem dann, wenn die Einsamkeit schmerzt. „Überlachen“ nennt sie das. Weinen tut mehr weh. Weinen tut auch Isa weh.

Als Markus Einbrüche aufflogen, war an Isa, ihre Tochter, noch gar nicht zu denken. Zum Glück, sagt Hanna, denn die Zeit darauf, die war ein einziges Gefühlschaos. Nach der Hausdurchsuchung kramten die Beamten in Hannas Vorstellung noch Monate später in den Schubladen ihrer Wohnung, manchmal sogar in ihren Träumen. Nach einem halben Jahr hielt sie es nicht mehr aus: Hanna und Markus packten die Umzugskartons. Diese Wohnung fühlte sich dreckig an, irgendwie falsch. Es ist die Wohnung, die Hanna mit einem Mann teilte, der nicht ganz der war, für den sie ihn hielt.

„Du musst spätestens zur Einschulung wieder da sein“

Kurz darauf wurden die Einbrüche vor Gericht verhandelt, erst Jahre später, im Sommer 2017, auch der Raubüberfall. Als Markus aufgefordert wurde, seine Haftstrafe anzutreten, war ihre Tochter Isa zwei Jahre alt. Tag eins, das war der dunkelste in dieser Reihe. Markus saß weinend am Steuer, kämpfte auf jedem Kilometer gegen den Drang an, einfach wieder umzukehren. Neben ihm Hanna. Sie sagte: „Du musst bis spätestens zur Einschulung wieder da sein.“ Markus dachte: „Ich will da sein, bevor sich meine Tochter von mir entfremdet.“

Familie zwischen „drinnen“ und „draußen“, getrennt durch Mauern: Wie kann das funktionieren? Lange Zeit habe das Justizwesen seine Verantwortung vor allem bei den Inhaftierten gesehen, weiß Linda Hofweber, Vorsitzende des Gefangenenfürsorgevereins Uelzen. Die Interessen der Familien würden erst seit der Novellierung des niedersächsischen Justizvollzugsgesetzes im vergangenen Jahr stärker berücksichtigt. Ziel ist es heute, die Besuche für Kinder angenehmer zu gestalten, die Bediensteten für die belastende Situation der Familien und der Kinder zu sensibilisieren und besser über Hilfsangebote zu informieren, heißt es auf Nachfrage vom Ministerium.

Auch Hanna hätte Hilfe gebraucht. Was Isa sagen? Was den Nachbarn, dem Kindergarten, der Familie? Sie wandte sich ans Jugendamt, die Caritas, die Lüneburger Straffälligen und Bewährungshilfe – bekam Antworten auf ihre praktischen und finanziellen Fragen, die emotionalen behielt sie für sich. Weil ja doch niemand wisse, wie sich das anfühlt, sagt sie, was eine Mutter fühlt in ihrer Lage. Es gibt Selbsthilfegruppen für Angehörige von Alkoholikern, von Demenzkranken, von Menschen mit Depressionen – nicht aber für Frauen wie Hanna. Zumindest nicht in der Lüneburger Heide. „Eine Lücke im System“, sagt Linda Hofweber. In der Justizvollzugsanstalt Uelzen organisiert sie Treffen für Strafgefangene und ihre Familien, spricht mit den Männern in ihrer Gruppe „Vater sein trotz Inhaftierung“ und immer wieder auch mit den Partnerinnen. Doch oft fehlen auch Hofweber Antworten auf all ihre Fragen. Seit einigen Wochen berät nun ein professioneller Coach des Gefangenenfürsorgevereins Uelzen gezielt Frauen und Kinder – ehrenamtlich. Weil der Bedarf so groß ist.

Die Fragen werden immer konkreter

Hanna hat sich allein entschieden: Sie wird warten und lügen – fünf Jahre und neun Monate, wenn es sein muss. Papa arbeitet in Uelzen, denkt Isa. Im Ausland, glauben die Nachbarn. Hanna nennt das ihren „Lügenmantel“: „Es ist, als würde sich dieser Mantel mit der Zeit stetig enger knüpfen.“ Die Fragen werden immer konkreter. „Sag mal, wann seht ihr euch denn wieder“, fragen Freunde. „Hat er gar kein Interesse an seinem Kind?“ Hanna seufzt. „Man ist permanent am Überlegen: Was genau habe ich denen jetzt noch mal erzählt? Manchmal denke ich: Vielleicht wäre es einfacher gewesen, zu behaupten, wir hätten uns getrennt.“

Tag 242. Papas „Arbeitsplatz“ ist ein Ort, den nur ausgewählte Leute betreten dürfen, Isa kennt das. Erst ein Gang durch den Sicherheitsdetektor, Jacke, Schuhe und Puppe scannen, dann mit Mama an der Linken und ihrer Puppe in der Rechten raus auf den Flur. Isa starrt durch eine Glastür hinaus auf den Innenhof. Ein Tor auf der anderen Seite öffnet sich: Markus tritt nach draußen. Isa kreischt vor Freude, lässt Hannas Hand los und rennt in die Arme ihres Vaters. Er gibt ihr einen Kuss und trägt sie in Richtung Turnhalle. Dreimal im Jahr bietet die JVA Uelzen solche Treffen an: vier Stunden Zeit, die die Väter ungestört mit ihren Kindern verbringen dürfen – sofern sie ihnen gegenüber nicht gewalttätig geworden sind.

Markus schiebt ein Teelicht in Form eines Pinguins mit großen, runden Pappaugen über einen Partyklapptisch. „Das hat Papa für dich gebastelt“, erklärt er Isa. „Und das ist für Mama“: ein rotes Lämpchen in Herzform. Isa inspiziert ihr Geschenk und lächelt zufrieden. Zum letzten Vater-Kind-Treffen vor einem Vierteljahr hatte Markus ihr ein Armband gebastelt. Ohne das geht Isa seitdem nicht mehr aus dem Haus. Um sie herum sitzen Väter auf kleinen rosafarbenen Plastikhockern, malen Burgen oder Prinzessinnen, andere schieben ihre Kinder auf dem Dreirad quer durch die Halle oder packen ihnen Teller voll mit bunt verzierten Muffins aus der Anstaltsküche. Das Treffen gleicht einem großen Kindergeburtstag.

Doch die Wahrheit ist: Das ist kein Kindergeburtstag, auch nicht Papas Arbeitsplatz, sondern ein Knast. Aber wie viel Wahrheit verträgt ein Kind? Isa ist jetzt drei Jahre alt. Wenn Hanna ihrem engsten Freund oder der Zeitung von Markus Situation erzählt, dann buchstabiert sie Worte wie Haft oder Gefängnis. Isa soll sie nicht hören, sich nicht eines Tages daran erinnern, dass diese Begriffe in ihrer Kindheit öfter mal fielen. Denn am liebsten wäre es Hanna, wenn Isa nie erfahren müsste, was ihr Vater getan hat. „Doch je älter das Kind wird, desto eindringlicher wird es fragen“, warnt Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Petra Andreas-Siller. Das Märchen vom arbeitenden Vater sei spätestens mit der Einschulung nicht mehr vertretbar. Der Schritt zur Wahrheit, das ist kein leichter: „Ein abwesendes Elternteil wird von Kindern oft idealisiert“, weiß Andreas-Siller. Wenn aus dem vermeintlichen Helden ein Inhaftierter wird, sei es daher wichtig, dass der Vater aus den Konsequenzen für seine Fehler gelernt, sich verändert habe. „Ein solcher Vater ist dann wieder ein richtiges Vorbild.“

Hannas Lügenmantel, er bekommt Löcher. Sie spürt das, stopft sie aber mit Perfektionismus. Lächeln, gut aussehen, den Haushalt schmeißen, das Studium beenden. Nachts lernen, tagsüber für Isa da sein – und zwischendurch: Immer wieder putzen. In Hannas Küche steht kein dreckiges Geschirr in der Spüle, es liegt auch kein Hundehaar auf dem Fußboden oder Staub auf der Fensterbank. Mit Sauger und Besen beseitigt sie jedes Indiz, das auf ihre Lage schließen ließe. „Ich will ja auch Isa ein gutes Vorbild sein“, erklärt sie. Wo ein Vorbild fehlt, muss das andere perfekt sein. So sieht Hanna das. Sie hat abgenommen, seit Markus fort ist – drei oder vier Kilogramm. Seit Kurzem kontrolliert sie ihre Nahrungsaufnahme per Handy-App, auch die Schritte, die sie geht. Sie wirft einen Blick auf ihr Smartphone. „Gestern waren es 17 000.“ Das sind rund 12 000 Schritte mehr als der Durchschnittsdeutsche angeblich pro Tag zurücklegt. Fragt man Hanna, sind das die 12 000 Schritte, die Markus früher für sie ging.

Isa versteckte sich hinter ihrer Mutter

Die verpassten Schritte, mit denen Markus besonders hadert, das sind die großen in Isas Leben. Tag neun: Isas dritter Geburtstag. Tag 150: ihr erster Laternenumzug. Tag 132: Urlaub am Meer. Tag 247: der erste Besuch im Kindergarten. Da wäre er gern dabei gewesen. Isa versteckte sich hinter ihrer Mutter und brachte kein Wort über die Lippen. „Vielleicht hat sie Verlustangst“, überlegt Markus. „Vielleicht denkt sie: Papa ist ja schon weg, jetzt geht Mama auch noch.“ Und überhaupt: Hanna, hat sie nicht auch Bedürfnisse? Manchmal liegt Markus nachts in seiner Zelle und quält sich mit Fragen und Vorwürfen, schaltet den Fernseher an und gleich wieder aus, sobald Kinder auf dem Bildschirm erscheinen. Das mache alles nur noch schlimmer, sagt er. „Dann kommen mir wirklich die Tränen.“

Hanna weint selten. Nie vor 18 Uhr, wenn Isa wach ist, und nie, wenn andere zuschauen. Doch am Ende des Tages, wenn sie sich auf dem Sofa in ihre Decke kuschelt, dann sehnt sie sich nach Markus‘ Stimme, nach seinen Armen und einem Menschen, den sie nicht belügen muss. Dann denkt sie an Tag X – jenen Tag, an dem Markus wieder in ihre Wohnung treten wird.

*Namen der Familienmitglieder von der Redaktion geändert.

„Mama, du lügst!“

Evin (27): Die ersten Monate ohne Sven waren die schlimmsten: Meine Jüngste hat nichts mehr gegessen, kaum geschlafen, nur noch geweint: „Papa, Papa, Papa!“ Irgendwann war sie so schwach, dass sie die Klospülung nicht mehr drücken konnte. Dann fing ihre große Schwester an: Sie wurde aggressiv, ließ niemanden mehr an sich ran – nicht mal mich. Jetzt gewöhnen sie sich langsam an die Situation – und das ist gut so, denn Svens Strafe ist erst 2022 abgesessen. Dunja, die Ältere, weiß das leider. Wir standen vor der JVA, da sagte sie plötzlich: „Mama, du lügst! Das ist keine Arbeit, das ist ein Gefängnis.“ Seitdem ist es noch komplizierter. Nicht nur, weil ihre kleine Schwester davon noch nichts wissen soll. Auch, weil Dunja vor einigenWochen ihrer Erzieherin im Kindergarten davon erzählt hat. Ein paar Jungs haben das mitbekommen. „Da sitzen nur böse Leute“, haben sie zu ihr gesagt. „Dein Papa kommt nicht wieder nach Hause.“ Später, im Auto, haben wir zusammen geweint – bis zur Haustür. Da war ich so sauer auf meinen Mann. Aber was bringt das? Ich bin Kurdin. Als ich beschloss, Sven zu heiraten, sagte mein Vater: „Ob es gut oder schlecht läuft: Da musst du durch.“ Aber wo liegt die Grenze? Als die ersten Briefe vom Gericht kamen, begann die Lügerei: Betrug, Überfall? „Da ist nichts“, meinte er.„Andere sind Schuld.“ Und ich habe die rosarote Brille aufgehabt – bis ihn die Polizei abholte. Unter seiner Strafe leiden wir hier draußen wahrscheinlich mehr als er. Ich kann nur hoffen, dass er zur Vernunft kommt – für meine Kinder und für mich. Klappt das nicht, habe ich vier Jahre umsonst gewartet.

Von allem zu wenig

Katrin (37): Als Dieter und ich uns das erste Mal trafen, packte er sofort seinen Koffer voller Probleme vor mir aus: vorbestraft, ein Betrugsdelikt – eine Welt, die so ganz anders war als meine. Er hatte eben keine sicheren Familienverhältnisse und Frauen mit unerfüllbaren Ansprüchen. Bei mir gibt es so etwas nicht, das habe ich ihm klipp und klar gesagt. Aber nun, wir haben uns eben leider ineinander verliebt. Manchmal sage ich das so: leider! Denn das hatte zur Folge, dass meine Tochter und ich alles für ihn aufgaben und zu ihm zogen: neue Freunde, neue Schule, neues Leben – dann holte ihn die Vergangenheit ein. Dieter musste ins Gefängnis. Ohne ihn hätte ich mir die neue Wohnung nicht leisten können, also zogen wir ein zweites Mal um. Meiner Tochter erzählten wir, Dieter hätte ein tolles Jobangebot im Ausland. Doch am Tag vor seinem Haftantritt weinte sie ununterbrochen: „Bitte, lass uns nicht im Stich!“ Da haben wir ihr die Wahrheit gesagt. Klar, sie war geschockt, aber letztlich kam sie besser damit klar, dass er nicht gehen wollte, sondern musste. Am Anfang schrieb sie ihm jeden Tag. Seit ein paar Wochen tut sie das nicht mehr. Sie ist wütend, weil ich traurig bin und sie an ihrer neuen Schule gemobbt wird. „Dieter ist schuld“, sagt sie. Das ist er tatsächlich. Wir hatten mal ein gutes Leben. Jetzt haben wir von allem zu wenig: einen Verdiener, einen Vater und einen Partner zu wenig. Meine Familie versteht nicht, dass ich trotzdem bei ihm bleibe. Ständig lassen sie sich neue Sticheleien einfallen – und ich mir neue Lügen: Meine Freunde denken, ich sei wieder Single, schleppen Männer an, die ich nicht will. Neulich sagte Dieter zu mir: „Mensch, du kriegst ja fast schon kriminelle Züge!“ Da musste ich schlucken. So bin ich eigentlich gar nicht. Die Liebe macht aus mir eine Lügnerin.

Eine Chance

Lea (35): Es klingt hart, ich weiß, aber Josephs Haftstrafe war das Beste, was ihm und mir passieren konnte. Er hatte Probleme mit Alkohol und anderen Drogen – genau das hat ihn letztlich ja ins Gefängnis gebracht. Er hätte weitergemacht. Er hätte sich selbst irgendwann in den Tod getrieben. Dieser Gedanke hilft mir, das durchzustehen, drei Jahre lang. Dort kann er nicht konsumieren. Dort kann er wieder der Mann werden, in den ich mich verliebt habe. Aber bis zu dieser Erkenntnis hat es lange gedauert. Zuerst war da nur Wut. Denn als Joseph ins Gefängnis ging, war unser Sohn gerade erst zur Welt gekommen. Joseph hat ihn praktisch kaum kennengelernt. Die ersten Monate nach der Geburt habe ich fast nur geweint. Ein Loch, das immer schwärzer wurde. Ich konnte nicht mehr für meine Kinder kochen, nur noch wie ferngesteuert durch die Wälder laufen. Eines Tages fragten mich meine Töchter: „Verlieren wir dich jetzt auch noch?“ Das hat gesessen. Da habe ich angefangen, wieder zu arbeiten: andere Themen, andere Menschen, funktionieren – na ja, und lügen. Immer wieder lügen. Mal ist er auf Geschäftsreise, mal zur Kur. Nur meiner Familie habe ich die Wahrheit erzählt. Aber das bereue ich inzwischen, denn für die kommt er nie wieder ins Haus. ,Wer einmal so etwas gemacht hat, macht es immer wieder’, sagt meine Schwester. Aber Joseph meint es ernst: Er schreibt mir täglich Briefe, schreibt, wie sehr er alles bereut, dass er mich auf Händen tragen wird, wenn er wieder kann. Ich suche eine Wohnung für uns, wenn es so weit ist, und einen neuen Job für ihn. Allerdings kann ich nicht alle beschützen. Meine Älteste musste die Schule wechseln, weil sich ihre Lehrerin verquatscht hat. Sie wurde gemobbt. Für ihre Mitschüler waren wir von da an nur noch die „asoziale Familie“.

Hintergrund

Zahlen & Fakten

▶ Zum Stichtag 30. Oktober 2018 saßen insgesamt 4865 Jugendliche und Erwachsene eine Strafe in einem niedersächsischen Gefängnis ab: 266 Frauen und 4599 Männer.
▶ Darunter sind 1682 Väter, das entspricht fast 37 Prozent der männlichen Inhaftierten.*
▶ Die JVA Uelzen ist derzeit mit knapp 300 Gefangenen belegt, davon befinden sich 220 am Standort Uelzen.
* Diese Zahlen basieren auf freiwilligen Angaben der Gefangenen.

Zur Reportage

Geschichten über Gefangene liest man immer wieder. Auch ich habe solche Geschichten geschrieben – doch immer blieb eine Frage offen: Was ist mit denen, die „draußen“ zurückbleiben?

Drei Jahre lang ruhte die Frage im Geschichten-Ordner auf dem Desktop meines Computers. Bis ich vor ein paar Monaten eine Mail an die JVA Uelzen geschrieben habe – mit der Bitte, an einem Vater-Kind-Tag teilnehmen zu dürfen. Als ich die Hoffnung fast aufgegeben hatte, kam die Zusage.

Ende Oktober verbrachte ich vier Stunden mit den Vätern und ihren Kindern in der JVA. Dabei traf ich auch auf die Mütter. Sie hatten Fragen an mich – viele Fragen: Wie ich auf das Thema gekommen sei, wollten sie wissen, und wie das konkret aussehen werde. Vier erklärten sich anschließend bereit, mir ihre Geschichte zu erzählen. In den Wochen darauf folgten vier emotionale Gespräche – mit vier mutigen Frauen.

von Anna Petersen