Samstag , 8. August 2020
Ihr Fuß steht an der Startlinie, von da aus gilt es, den Stift in größtmöglicher Entfernung abzulegen. Abgesichert wird Merle durch ihre Mitschüler. Foto: t&w

Vertrauen als Unterrichtsfach

Lüneburg. Zainah drückt mit ihrem ganzen Körpergewicht auf den Fuß von Merle, Thomas hat das Handgelenk seiner Mitschülerin fest umschlossen. Um selbst nicht au s dem Gleichgewicht zu kommen, stützt er sich auf dem Rücken von Zainah ab. Drei weitere Schüler helfen dabei, Merle zu stabilisieren. Es sieht nach Turnunterricht aus: In einer Standwaage stehend versucht die 13-Jährige, den Stift so weit entfernt von ihrem Fuß abzulegen wie nur irgendwie möglich. Als kurz darauf fest steht, dass die Gruppe den Rekord von 1,70 Meter geknackt hat, jubeln die Achtklässler. Sie haben die Teamübung, in der es vor allem um Vertrauen geht, erfolgreich gemeistert.

Teamübung stärkt das Miteinander

Von der ersten bis zur sechsten Stunde arbeitet Workshop-Leiter Maik Peyko mit der 8 b. „Ich sensibilisiere sie für Toleranz, Demokratie und Zivilcourage“, sagt er. „Bei diesen Themen herrscht ganz viel Unwissenheit.“ In der Klasse diskutiert er angesichts der Tatsache, dass die Eltern und Großeltern der Schüler insgesamt aus acht verschiedenen Ländern stammen, auch den Begriff der Religionsfreiheit und wie dieser im Grundgesetz verankert ist.

Engagiert wurde der Trainer von Constanze Redeleit, sie arbeitet bei dem Sozialraumträger Awosoziale Dienste, der zurzeit gemeinsam mit der Hanseschule Oedeme das Projekt „Respekt Coaches“ umsetzt. Es ist die erste Schule in der Region, die eine solche Kooperation eingegangen ist. Weitere sollen folgen, so steht etwa die Georg-Sonnin-Schule als nächster Partner fest.

In Oedeme werden die Jahrgänge 7 bis 9, also insgesamt 350 Schüler angesprochen. Die Jüngeren werden im Januar von einer Medientrainerin besucht, sie wird die Schüler in Sachen Cybermobbing und Toleranz im Netz schulen. Die Neuntklässler setzen sich mit dem Schauspielkollektiv und „Jihad Baby!“ auseinander, das Theaterstück thematisiert die islamistische Radikalisierung.

Toleranz als gefährdete Tugend

Dass ausgewählte Schulen die Möglichkeit erhalten, sich Experten in die Klassenzimmer zu holen, begrüßt Peyko vor allem deshalb, weil seiner Ansicht nach vieles unter Jugendlichen schon zur Gewohnheit geworden ist. So seien Beleidigungen zum Beispiel längst der Alltag. „Ich versuche den Schülern klarzumachen, dass sie nicht jeden mögen müssen, zumindest aber tolerant sein sollten. Es geht hier um das Miteinander.“ Solche Themen zu vertiefen, dafür sei im Mathe- und Deutschunterricht kein Platz. Auch würden sich Schüler Externen gegenüber eher anvertrauen als ihren Lehrern.

Thomas (14) teilt seine Erfahrungen mit seiner Klasse: „Ich werde oft auf mein Aussehen, meine Hautfarbe und meine Augen angesprochen“, sagt er. „Ich ignoriere das dann einfach, meistens sind die dann auch ruhig.“ Blöd fühle er sich dabei trotzdem. Zum Thema Respekt haben Merle und Zainah etwas zu sagen. So käme es regelmäßig vor, dass Fünftklässler sich ihnen gegenüber „echt frech“ verhalten. „Da erwartet man schon mehr, schließlich wollen die ja auch, dass wir mit ihnen vernünftig umgehen.“

Silja Mielau, Sozialarbeiterin an der Schule, macht ähnliche Beobachtungen. „Schüler suchen nach Gründen, jemanden anzugehen. Das kann die Hautfarbe, eine andere sexuelle Orientierung oder die Tatsache sein, dass jemand nicht so leistungsstark ist“, sagt sie. „Wir gehen da deutlich gegen an.“ Das sei vor allem auch deshalb wichtig, um die Jungen und Mädchen „mit tollen Kompetenzen und Einstellungen“ zu stärken und sie zu ermuntern, in bestimmten Situationen auch einzugreifen und ihre Mitschüler zu stärken. „Sie sollen nicht das Gefühl haben, allein dazustehen.“

Von Anna Paarmann

Hintergrund

Projekt zur Prävention

Mit dem Ziel, Jugendliche zu stärken, hat das Bundesfamilienministerium in diesem Jahr das Präventionsprogramm „Respekt Coaches“ gestartet. Deutschlandweit sind 168 Stellen geschaffen und 20 Millionen Euro bereitgestellt worden. Gemeinsam mit den Trägern der politischen Bildungsarbeit werden Gruppenangebote in den Schulen durchgeführt, langfristig soll ein Präventionskonzept entstehen. Die Maßnahme läuft bis Ende 2019, eventuell wird sie verlängert.