Montag , 26. Oktober 2020
Die Grafik zeigt die Strecken des Ausbauprojektes „optimiertes Alpha-E + Bremen“. (Grafik: bvwp)

Der Kreis spricht für sich alleine

Lüneburg. Mehrheitlich hat der Lüneburger Kreistag eine Resolution zum umstrittenen Schienenausbauprojekt „optimiertes Alpha-E + Bremen“ beschlossen. Dennoch sind die Kreistagspolitiker teilweise meilenweit voneinander entfernt, in der Sache mit einer Stimme zu sprechen. Bei der Diskussion über den von der Kreisverwaltung vorgelegten Antrag beschuldigten sich Kreistagsabgeordneter Detlev Schulz-Hendel (Grüne) sowie Landrat Manfred Nahrstedt (SPD) gegenseitig, mit Halbwahrheiten zu arbeiten.

Bestandteile von Alpha-E

Das Projekt „Optimiertes Alpha-E mit Bremen“ im Bundesverkehrswegeplan besteht laut einer Zusammenfassung des Verkehrsministeriums in Hannover aus folgenden Teilmaßnahmen (ABS = Ausbaustrecke, NBS = Neubaustrecke):

▶ ABS/NBS Hamburg – Hannover: 3. Gleis Lüneburg–Uelzen, Ausbau Ashausen–Hannover-Vinnhorst für höhere Streckengeschwindigkeit (ggf. mit zusätzlichen fahrplanbasierten Maßnahmen zur Kapazitätserhöhung und Ortsumfahrungen)

▶ ABS Langwedel–Uelzen: Elektrifizierung, Ertüchtigung und Kreuzungsbahnhöfe,

▶ ABS Rotenburg–Verden–Minden/Wunstorf: 2. Gleis Rotenburg–Verden, Maßnahmen in Nienburg und Verden, Blockverdichtung, Kreuzungsbahnhöfe Nienburg–Minden.

▶ ABS Bremerhaven–Bremen–Langwedel: 3. Gleis Langwedel–Bremen-Sebaldsbrück u. Bremen Rangierbahnhof–Bremen-Burg, Blockverdichtung Stubben –Bremerhaven-Speckenbüttel.
Die Streckenabschnitte befinden sich teilweise bereits im Bau oder in der Planung. Nur für den Raum Lüneburg-Uelzen ist noch keine Lösung definiert.

Am Ende steht eine Resolution, in der der Lüneburger Kreistag sich unter anderem erstmals der Forderung nach einem „übergesetzlichen Lärmschutz“ an Ausbaustrecken anschließt, wie er auch Ende 2015 im umstrittenen „Dialogforum Schiene Nord“ formuliert wurde. Gleichzeitig distanziert sich der Kreistag vom regionalen Projektbeirat „Alpha-E“, der sich um die Umsetzung der Beschlüsse aus dem Dialogforum kümmert. Der Kreis will für sich alleine sprechen, wenn es bei Bahn und Bund um die Prüfung möglicher Bahntrassen für den Güterverkehr aus den norddeutschen Seehäfen geht. Gesucht wird nach möglichen Alternativen zum dreigleisigen Ausbau der Bestandsstrecke Lüneburg-Uelzen beziehungsweise zu möglichen Ortsumfahrungen durch den Landkreis Lüneburg.

Landrat fordert Streckenprüfung

Bei der Kreistagssitzung am Montag hatte Landrat Nahrstedt nicht nur die Forderung nach der Trassenprüfung entlang der A7 erneuert. Er betonte, dass auch die alte Strecke der Osthannoverschen Eisenbahnen (OHE) von Winsen über Hützel und Soltau bis nach Celle überprüft werden müsse. Dabei verwies Nahrstedt rückblickend auf eine Studie des Umweltbundesamtes aus dem Jahr 2010. Er habe schon damals für diese Lösung geworben, weil er geahnt habe, dass die damaligen Gegner der sogenannten Y-Trasse sich durchsetzen könnten.

Die Y-Trasse ist eine bereits festgelegte Variante gewesen, um den Güterverkehr auf der Schiene durch die Lüneburger Heide zu führen. Doch nach jahrzehntelangem Protest wurden die Ausbaupläne für die Y-Trasse fallen gelassen. Und der Blick wurde bei der Suche nach einer Lösung in den folgenden Jahren auf die Region bis Lüneburg ausgeweitet. Unter dem Eindruck der Proteste von „Stuttgart 21“ hatte sich die niedersächsische Landesregierung entschlossen, das „Dialogforum Schiene Nord“ ins Leben zu rufen: In Celle tauschten sich 2015 über Monate Kommunen, Verbände, Bürgerinitiativen sowie Bahn und Bund über mögliche neue Schienenwege durch die Region aus. Das mehrheitliche Ergebnis: „optimiertes Alpha-E + Bremen“ (siehe Infokasten). Ein Teil davon ist der dreigleisige Ausbau zwischen Lüneburg und Uelzen. Alternativ sollen Ortsumfahrungen geprüft werden.

Mittlerweile wurde der Untersuchungsraum von der Bahn, wie aus Lüneburg gefordert, bis zur A7 ausgeweitet. Doch wozu nun die Resolution? Dazu Nahrstedt: „Die Voraussetzungen dessen, was die da in Celle beschlossen haben, haben sich grundlegend geändert.“ Er bezog sich etwa auf den „Ostkorridor“, der durch Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern Güter aus Hamburg abführen sollte, aber am Widerstand der Länder gescheitert sei. Nahrstedt: „Das lässt der Projektbeirat einfach unter den Tisch fallen.“ Doch tatsächlich plant die Bahn weiter am Ausbau des Ostkorridors, allerdings nun über Uelzen nach Stendal. Als Verlängerung der Amerika-Linie Langwedel-Uelzen. Davon könnte neben Bremen auch Wilhelmshaven profitieren.

Landtagsabgeordnete schlagen andere Töne an

Kreistags- und Landtagsabgeordnete Andrea Schröder-Ehlers (SPD) schlug eine andere Tonlage an. Angesichts der jüngsten UN-Klimakonferenz sei es an der Zeit, den Personennah-, Fern- und Güterverkehr auf der Schiene auszubauen, wenn man es mit dem Klimaschutz ernst meine. Sie lobte das Dialogforum, dessen Ergebnis vom Bundestag in den Bundesverkehrswegeplan aufgenommen wurde. „In allen anderen Regionen sei Klarheit entstanden, nur bei uns ist diese Wurst im Untersuchungsraum herausgekommen.“ Es gebiete nun die Fairness, alle vernünftigen Varianten gegeneinander abzuwägen.

Der Grüne Schulz-Hendel zeichnete ein Bild, wonach Lüneburg zum Provinzbahnhof verkommen könnte, sollte nicht nur Güter-, sondern auch der Fernverkehr auf eine Trasse entlang der A7 verlegt werden. Und: „Auch mit einer Verhinderung des dritten Gleises zwischen Lüneburg und Uelzen würde eine Optimierung für den Nahverkehr verhindert.“

Von Dennis Thomas