Samstag , 31. Oktober 2020
Timo Dettmering. (Foto: t&w)

„Keine Angst, wir rauben Dich nicht aus“

Villahermosa/Lüneburg. Südlich der USA und nördlich von Belize und Guatemala liegt Mexiko. Ein Land bestehend aus 32 Staaten, 124 Millionen Einwohnern, vier Zeitzonen und sieben Klimaregionen. Auf der Homepage des Auswärtigen Amtes ist zu lesen: „Gewaltdelikte, als Folge der hohen, zunehmenden und weit verbreiteten Allgemeinkriminalität, sind an der Tagesordnung, aber auch Raubüberfälle, Entführungen, Tötungsdelikte und Racheakte im Zusammenhang mit der Organisierten Kriminalität finden zunehmend an zentralen Orten und am helllichten Tag statt.“

Ich wollte mir von der Lage selbst ein Bild machen und entschloss mich deshalb, ein Praktikum in Villahermosa im Bundesstaat Tabasco zu machen.

Mexiko ist stark durch den Drogenhandel und die damit verbundenen Drogenkriege geprägt. Das blutigste Jahr war 2017 mit über 25 000 Morden im Land. In Villahermosa sind zum Beispiel das Golf-Kartell und die Zetas aktiv. Dabei sind oftmals die Straflosigkeit und Korruption ein großes Problem. Wer ein Verbrechen begeht, zahlt einfach den richtigen Betrag an die richtigen Leute und kommt davon.

Gefährlich war nur derchaotische Verkehr

Doch wie wirkt sich das auf den Alltag der Mexikaner aus? Ich lebte mit einer siebenköpfigen Familie in einem Haus ein bisschen außerhalb der Stadt. Abgesehen vom chaotischen Verkehr wurde es dort für mich nie gefährlich. Die Nachbarn kennen sich, wer sein Geld vergisst, notiert beim Kioskbesitzer kurz seinen Namen auf einem Stück Papier und zahlt beim nächsten Einkauf.

Üblicher Abschiedgruß: „Pass auf Dich auf“

Eigentlich ist mir erst durch Kommentare von Freunden und Familie klar geworden, wie vorsichtig man dennoch sein sollte. Als ich mich nach der Sicherheit in bestimmten Regionen erkundigte, hörte ich Sätze wie „Ja, da kannst Du langgehen. Hol‘ aber Dein Handy nicht raus“ oder „Auf den Markt können wir gerne mal gehen, aber besser nicht um diese Zeit“. Es war nachmittags.

Wenn ich ausgehen wollte, musste ich meiner Gastmutter immer sagen, wo und mit wem ich unterwegs bin, wann ich wieder da bin. Teilweise sollte ich sogar meinen Live-Standort teilen – das ist eine Funktion bei WhatsApp, die anderen Personen zeigt, wo ich mich gerade aufhalte. Auch im Alltag stachen mir ähnliche Kleinigkeiten ins Auge: „Cuidate“, übersetzt „Pass auf Dich auf“, ist ein üblicher Abschiedsgruß. Ebenso ist es üblich, sich zu erkundigen, ob der jeweils andere sicher nach Hause gekommen ist. Mein Gastbruder Ovidio sagt, das sei ein Zeichen von Höflichkeit.

Warnungen von allen Seiten

Gewarnt wurde ich auch vor der Nutzung des öffentlichen Verkehrs. Meinen Laptop habe ich deshalb immer bei der Arbeit gelassen, ihn nur mitgenommen, wenn mich jemand abholen konnte. Freunde und Kollegen berichteten mir, dass viele ihrer Bekannten schon ausgeraubt wurden. Einer erzählte von einem olympiareifen Sprint, der ihm einmal Schlimmeres ersparte, während ein anderer Kollege nicht so viel Glück hatte. Ihm hatten sie bereits dreimal das Handy geklaut. Einer wurde mal von einem Mann gefragt, ob er ihm Kleingeld für den Bus leihen könne, weil er ausgeraubt worden sei. Kurz darauf hatte mein Kollege ein Messer an der Hüfte.

„Sie boten mir ein Bier an. Für einen lächerlich niedrigen Preis fuhren wir durch die Stadt, unterhielten uns gut.“ – Timo Dettmering

Diese Art von Überfällen hat allerdings weniger mit den Drogenkriegen, sondern eher mit der generellen Armut zu tun. Sie betrifft mehr als 40 Prozent der Bevölkerung. Bei einem Mindestlohn von weniger als einem Euro pro Stunde ist das auch kein Wunder. Vorsicht ist vor allem im September am mexikanischen Unabhängigkeitstag und an Weihnachten geboten. Das hat einen einfachen Grund: Die Leute brauchen Geld für Geschenke. Eine Freundin von mir hat ihren Vater verloren, weil er bei einem Raubüberfall kein Geld dabei hatte. Er wurde aus Wut erschossen.

Selten so angespannt

Eine abendliche Taxifahrt in die Stadt hat sich in meinen Kopf eingebrannt. Fahrer und Beifahrer waren zwei junge Männer, als ich einstieg, war den beiden aufgrund meines blonden Haars sofort klar, dass ich Deutscher bin. Die logische Konsequenz: Sie boten mir ein Bier an. Für einen lächerlich niedrigen Preis fuhren wir durch die Stadt, unterhielten uns gut.

Ich schrieb meinem Gastbruder, weil ich doch ein bisschen unsicher wurde. Die Antwort kam prompt in Großbuchstaben: „Trink‘ das nicht! Schick mir Deine Taxinummer, Deinen Live-Standort und pack‘ Dein Geld in die Socken!“ Da wurde ich erst recht nervös. Dann steuerte der Fahrer das Taxi auch noch in eine dunkle Seitengasse, weil sich der Beifahrer erleichtern wollte. Ich war selten so angespannt. Das hat der Mann am Steuer wohl gemerkt, er drehte sich um und sagte: „Keine Angst, wir rauben Dich nicht aus.“

Unbeschreiblich offen und gastfreundlich

Und so war es tatsächlich auch. Sie fuhren mich für nicht mal einen Viertel des eigentlichen Preises bis zur Bar. Die Situation hat mir Eines gezeigt: Es ist schade, dass man eine Fast-Gratis-Taxifahrt mit Bier und netten Leuten wegen der Sicherheitslage im Land nicht genießen kann. Denn die Mexikaner sind ein unbeschreiblich offenes und gastfreundliches Volk und die Landschaft ist unglaublich. Oder wie man es in Mexiko sagen würde: „México es la verga!“

Von Timo Dettmering