Dienstag , 29. September 2020
Hinter der Bardowicker Mauer: Die alten Ziegel sind von Wind und Wetter ausgelaugt, Mauerwerk löst sich. Das Rathaus will die gesamte alte Stadtbefestigung sanieren - eine Aufgabe, die sich über Jahre hinziehen wird. Foto: t&w

Die alte Mauer plagt das Reißen

Lüneburg. Als die Stadt wuchs, entledigte sie sich im 19. Jahrhundert ihrer Tore, Wälle und Mauern. Nur wenige Reste ließen die alten Lüneburger stehen, das mächtigste Stück am Liebesgrund. 340 Meter lang. Dort bröselt es mächtig. Im Park ist das für Laien mühelos zu erkennen. Dramatisch schaut es auf der anderen Seite ebenfalls aus: Hinter der Bardowicker Mauer hat sich Mauerwerk gelöst, die Verwaltung hat einen Teil mit Absperrungen gesichert. Es schreit nach Bauarbeiten. Doch es kommt keine Kleinigkeit auf die Stadt zu: Um das Denkmal der Lüneburger Geschichte zu erhalten, rechnet man im Bauamt mit einer „Millioneninvestition im einstelligen Bereich“, allerdings im oberen Level.

Innere und äußere Stadtmauer

Stephan Cohrs von der städtischen Gebäudewirtschaft zeigt ein Stück der inneren Mauer: Die verblendenden Ziegelsteine sind verschwunden. Auch dieser Bereich muss saniert werden. Foto: t&w
Stephan Cohrs von der städtischen Gebäudewirtschaft zeigt ein Stück der inneren Mauer: Die verblendenden Ziegelsteine sind verschwunden. Auch dieser Bereich muss saniert werden. Foto: t&w

Was vermutlich die wenigsten wissen: Der Wall mit seiner Allee zwischen „Capitol“ und Graalwall besteht aus zwei Mauern. „Wir haben hier die innere und die äußere Stadtmauer“, erklärt Stephan Cohrs. Der Ingenieur und technische Leiter des Bereichs der städtischen Gebäudewirtschaft berichtet, dass die Anlage in der Zeit des Barocks um 1740 ihr heutiges Gesicht bekam, damals entstand auch die Bastion, also das wuchtige Plateau in Richtung Frommestraße. Der Grund ist simpel: Die Angriffstechniken änderten sich, gegen Kanonen brauchte man einen anderen Verteidigungsring als gegen Schwert, Pfeil und Bogen.

So blicken Cohrs und sein Kollegen Frieder Küpker, der das Projekt leitet, im Prinzip auf zwei Mauern. Hinter deren Fronten verbirgt sich ein trutziges Innenleben – das an einigen Stellen zutage tritt. Hinter einer Schale aus gemauerten Ziegelsteinen liegen sogenannte Lesesteine, also Feldsteine, die von Äckern gelesen und dann mit Gipsmörtel verbunden wurden. Cohrs sagt: „Das macht eine Schicht von rund eineinhalb Metern aus.“ Die Stützen habe man später gegen die Mauer gestemmt, um ihr besseren Halt zu geben.

Materialien passen nicht zusammen

Bei einem Ortstermin im Liebesgrund zeigt Küpker auf den Boden. „Da können Sie noch den Sockel der äußeren Mauerschale erkennen“, sagt der 47-Jährige. Doch die Backsteine sind lange verschwunden. Wind und Wetter schlagen gegen Feldsteine und Mörtel. Dazu kommen Sanierungen aus den 1970er-Jahren, die man heute nicht mehr so machen würde. Einfach gesagt: Der damals eingesetzte Zementmörtel passt nicht mit den alten Materialien zusammen, das Ganze quillt auf. Sinnvoller wäre es gewesen, es wie die Alten zu machen, die verwendeten Gips vom Kalkberg.

Schaue man auf die gesamten Mauern, ergebe sich das, was der Fachmann „ein inhomogenes Schadensbild“ nenne, bilanziert Cohrs. Das macht es kompliziert. Der 42-Jährige und sein Kollege planen für das kommende Jahr daher Probesanierungen, um so zu sehen, wie sie wo welche Methode anwenden.

Der Spezialist Küpker nennt einige Beispiele: Man könnte Anker setzen, um so zu verhindern, dass Teile aus der Mauer brechen. Doch hält das auch? In welchen Mörtel werden die Ankerstangen eingebettet? Mit welchem Stoff verfüllt man Hohlräume zwischen Kern und Fassadenwand? Muss die Krone der Mauer abgedeckt werden, damit kein Regen einsickert und gleichzeitig ferngehalten wird, so wie ein Dachüberstand bei einem Haus? Ein wichtiger Faktor, denn Wasser verringert die Festigkeit, löst den Gips und schwemmt ihn bis zum Zehnfachen auf, wenn er mit zementhaltigen Baustoffen reagiert – quasi eine Wirkung wie Sprengstoff.

Sanierung dürfte Jahre dauern

Wenn diese Fragen geklärt sind, steht eine Sanierung an, die sich über Jahre hinziehen dürfte. Um das Projekt zu finanzieren, wollen die Fachleute unter anderem Fördertöpfe anzapfen, schließlich steht die alte Stadtbefestigung unter Denkmalschutz.

Eine Ansicht Lüneburgs findet sich auf dem Heiligenthaler Altar, der in der Nicolaikirche steht. Hans Bornemann schuf das Bild in der Mitte des 15. Jahrhunderts. Die Stadt zeigt sich wehrhaft mit Burg, Türmen und Mauern. Foto: A/t&w

Pläne aus dem 19. Jahrhundert

In einem zweiten Schritt gehe es darum, die Parkanlage nach alten Vorbildern zu gestalten, sagt Cohrs. Dafür nutze man Pläne vom Anfang des 19. Jahrhunderts. Zwei Punkte zum Schluss: Die Allee auf dem Wall bleibt erhalten. Gleiches gilt für den Rodelberg, der werde eventuell etwas anders gestaltet.

Von Carlo Eggeling

Eine kleine Zeitreise

Lüneburgs Schutzzonen

Um 1250 legt die Stadt Gräben und Wälle mit Holzzäunen an.

1397 erhält Lüneburg das Recht, eine Landwehr anzulegen.Um 1400 folgt ein Ring aus Steinmauern. Hinter der Bardowicker Mauer entstehen Türme an einer Mauergasse. Hier liegen der Wollenweberzwinger und der Goldschmiedezwinger.

Um 1550 wird der äußere Mauerzug, an dem Rundtürme stehen, mit einem gedeckten Gang mit der Stadt verbunden.

Um 1650 wird die Bastei zur mächtigeren Bastion ausgebaut, von dort aus kann man von nun an mit Kanonen auf Gegner schießen.

Im 18. Jahrhundert beginnt Lüneburg, die Befestigungen zu schleifen. Gegen die Bardowicker Mauer setzen Arbeiter Pfeiler als Stützen.

Im 19. Jahrhundert wird die Lindenallee auf dem Wall zum Promenieren angelegt.

Zwischen den 1960er und 70er Jahren werden Teile der Mauer verblendet. Quelle: Stadt