Dienstag , 22. September 2020
Im August hatte die Aktion Seebrücke am Markt mit einer Aktion auf das Sterben im Mittelmeer aufmerksam gemacht. Symbol der Bewegung sind die Rettungswesten. Foto: kg

Lüneburg als sicherer Hafen

Lüneburg. Hunderte Menschen ertrinken auf ihrer Flucht aus Afrika im Mittelmeer. Private Hilfsorganisationen fühlen sich, gelinde gesagt, behindert, wenn sie Flüchtlingen in Not beistehen wollen. Dagegen macht die „Seebrücke“ mobil, auch in Lüneburg. Städte sollen sich zu „sicheren Häfen“ erklären.

Pablo Rondi und Francis Mayer von der Lüneburger Gruppe erklären, was das meint: Über den sogenannten Königssteiner Schlüssel bekommen Kommunen je nach Größe eine Anzahl von Menschen zugewiesen. Lüneburg sollte darüber hinausgehen und sich bereiterklären, weitere Personen aufzunehmen. Derzeit werben die Aktivisten in den Ratsfraktionen für ihr Anliegen. Im Rathaus sieht man das Ganze kritisch.

„35 Städte haben sich bereits zu sicheren Häfen erklärt“, berichtet Rondi. Wie die Hilfe wirken kann, zeigt er an einem Beispiel: Malta lässt Schiffe mit Schiffbrüchigen dann anlanden, wenn klar ist, dass die Flüchtlinge die Insel wieder verlassen und in europäischen Ländern Aufnahme finden. Mayer sagt: „Es geht auch darum, ein Zeichen zu setzen, dass die Zivilgesellschaft hinter der Hilfe steht.“

Aufnahmequote bereits erfüllt

Oberbürgermeister Ulrich Mädge sagt: „Das Anliegen ist menschlich nachvollziehbar, obwohl andererseits natürlich überhaupt keine Gewähr besteht, dass durch das Engagement tatsächlich auch die auf dem Mittelmeer geretteten Menschen einen Platz in Lüneburg bekämen. Die Entscheidung, wer kommt, treffen Bund und Land und nicht die Kommunen.“ Zudem habe die Hansestadt die Aufnahmequote bereits seit längerem mehr als erfüllt: „Teilweise lagen wir mit 100 Personen über der Quote. Darin nicht eingerechnet sind nachgezogene Familienmitglieder und der Zuzug von anerkannten Flüchtlingen aus anderen Regionen.“

Auch gehe es darum, für Betroffene „bezahlbare Wohnungen sowie Plätze in Kitas und Schulen zu schaffen sowie sie auch auf dem Arbeitsmarkt und in den verschiedenen Bereichen der Stadtgesellschaft bestmöglich zu integrieren“.

Spenden sollen helfen, um Schiffe zu finanzieren

Rondi und Bayer erkennen an, dass die Stadt beispielsweise durch ihr Konzept der dezentralen Unterbringung viel geleistet habe. Doch die Herausforderung bleibe groß. Die beiden erzählen davon, was man aus den Nachrichten weiß, aber gern verdrängt: Staaten der europäischen Union haben ihre Seenotrettung stark reduziert, gegen Hilfsorganisationen wird vorgegangen mit der Begründung, dass ihr Handeln indirekt Schleuser unterstütze: Schiffe wurden an die Leine gelegt, gegen Crews laufen Gerichtsverfahren. Insgesamt sei die Zahl der Flüchtlinge gesunken, doch die Zahl der Ertrunkenen sei gestiegen.

Die Kampagne der Seebrücke will verschiedene Themen präsent machen: Spenden sollen helfen, um Schiffe zu finanzieren und den Helfern Beistand vor Gericht vermitteln. Zudem sollen Menschen sichere und legale Wege eröffnet werden. Aber es geht auch um das Selbstverständnis Europas. Mayer: „Es kann nicht sein, dass Steuerung von Zuwanderung über unterlassene Hilfeleistung und Tod funktioniert.“ Rondi ergänzt: „Es ist eine Frage der Menschlichkeit.“

Appell an den Rat

Dass die Stadt diese Hilfe Geld kostet, ist beiden bewusst. Ihr Ansatz: Unterkünfte stünden leer, Platz sei da. Zudem hätten Ehrenamtliche in der Vergangenheit geholfen, Ausgaben zu reduzieren, indem sie etwa Sprachunterricht anböten oder bei Behördengängen dolmetschten.

All ihre Argumente stellen sie Ratspolitikern vor. Das Ziel: Das Thema soll Ende Januar der Rat diskutieren. Sie hoffen auf eine Entscheidung in ihrem Sinne.

Am Freitag, 14. Dezember, stellen die rund 20 Aktiven der Lüneburger Seebrücke ihr Anliegen von 19 Uhr an im Café Klatsch am Springintgut vor. Dazu gibt es auch Musik der Band Soundyard.

Von Carlo Eggeling