Mittwoch , 30. September 2020
Der Ratsvorsitzende Wolf von Nordheim (Grüne, rechts) ist der Ansicht, dass die Streichung des Standortes für eine Grundschule im Hanseviertel von Oberbürgermeister Ulrich Mädge und dessen Verwaltung nicht hinreichend deutlich kommuniziert worden ist. (Foto: t&w)

Seltsames Verschwinden oder gepennt?

Lüneburg. Das Hanseviertel ist der am stärksten wachsende Stadtteil Lüneburgs. Mehr als 1500 Menschen wohnen schon im Quartier. Im dritten Bauabschnitt, der weiteren rund 1800 Menschen Wohnraum bieten soll, hatte die Stadt Lüneburg ursprünglich auch eine Fläche für eine Grundschule vorgesehen. Doch inzwischen ist diese Fläche gestrichen, die Verwaltung setzt auf den Ausbau benachbarter Grundschulen statt auf einen Neubau. Das stößt nicht nur bei Eltern auf Kritik (LZ berichtete), nun meldet sich auch der Ratsvorsitzende Wolf von Nordheim zu Wort: „Es liegt doch auf der Hand, dass das Hanseviertel eine eigene Grundschule braucht.“

Der Zeitpunkt der Kritik überrascht, denn das Aus der Schulbaupläne war bereits im August nahezu geräuschlos vom Rat mit dem entsprechenden Bebauungsplan beschlossen worden – eben dort, wo von Nordheim den Vorsitz innehat. 29 Ratsmitglieder stimmten dafür, nur vier dagegen – bei drei Enthaltungen. Der Grünen-Politiker will das übersehen haben, gibt zu, erst von Eltern auf die Thematik aufmerksam gemacht worden zu sein.

Zu viel Papier in zu kurzer Zeit

Ein Erklärungsversuch: Es war eine lange Sitzung an jenem Augusttag über mehr als viereinhalb Stunden mit 30 Tagesordnungspunkten. Allein der Punkt, in dem es um das besagte Areal im Hanseviertel ging, hatte zwölf Anhänge. Eine Menge Lesestoff, den die ehrenamtlichen Politiker binnen weniger Tage durchackern müssen, ehe sie entscheiden. Angesichts dieser schieren Masse sei es ihm nicht aufgefallen, dass der Beschluss eine redaktionelle Änderung beinhaltete, die Textfassung eben anders war als zuvor im Bauausschuss im April und auch im Verwaltungsausschuss, moniert von Nordheim. Die Schule war nun gestrichen, er habe das Gefühl, dass dem Rat diese Änderung quasi klammheimlich untergeschoben wurde. Er hat deshalb eine „Chronologie des seltsamen Verschwindens der Grundschule Hanseviertel“ verfasst.

„Man hätte schon sehr genau hingucken müssen, um das zu merken.“ – Wolf von Nordheim , Grünen-Ratsherr

Wolf von Nordheim, der selbst im Hanseviertel wohnt, wollte sich nach eigenen Angaben auch im jüngsten Verwaltungsausschuss zum Thema äußern. Der Oberbürgermeister aber habe ihm nicht das Wort erteilt, für ihn ein weiterer Beleg für seine Einschätzung: „Hier stimmt etwas nicht.“

Im Rathaus wird der Vorwurf mindestens mit Erstaunen zur Kenntnis genommen. Zum einen wird in der Vorlage zu jener Ratssitzung explizit auf diese Streichung des Schulstandortes inklusive Begründung hingewiesen. Zum anderen belegten Sitzungsprotokolle, dass die Schulfrage zuvor auch im Bauausschuss am 14. März Thema war, damals sei auch von Nordheim anwesend gewesen. Die Verwaltung habe darüber hi­naus im April einen Fragenkatalog der Grünen beantwortet, auch darin wird auf die Streichung des Schulstandortes hingewiesen. „Von klammheimlich kann also nicht die Rede sein“, macht Stadtpressesprecherin Suzanne Moenck deutlich.

Schulfrage war mehrmals in Ausschüssen Thema

Wolf von Nordheim aber beharrt darauf: Im Bauausschuss am 23. April habe es keinen Beschluss zur Schule gegeben, die Änderung sei nachträglich eingearbeitet worden, sodass „man schon sehr genau hätte hingucken müssen, um das zu merken“. Er will dafür kämpfen, dass noch eine Grundschule im Hanseviertel gebaut werde. Die Schülerzahlen würden das hergeben, auch wenn die Verwaltung anders wertet, der Aufwand sei nicht größer, als andere Schule auszubauen. „Wenn das neue Schulgebäude in zehn Jahren nicht mehr gebraucht wird, kann man es ja anders nutzen, für Senioren zum Beispiel“, schlägt er vor.

Wie er das Ziel erreichen möchte, ob er den Beschluss vom August womöglich anfechten will, sagt er noch nicht. Er wolle sich erst innerhalb der Jamaika-Gruppe darüber austauschen.

Info-Veranstaltung

Was plant die Verwaltung?

Die Bildungsangebote im Einzugsgebiet des Hanseviertels sind Thema einer Veranstaltung am Mittwoch, 5. Dezember: Welche Betreuungsangebote werden im Osten der Stadt ausgebaut und wie schreiten die einzelnen Vorhaben in den Bereichen Kita, Krippe und Schule voran? Darüber informiert die Verwaltung interessierte Eltern ab 19 Uhr im Saal des ehemaligen Casinos, Hans-Heinrich-Stelljes-Straße 57.

In der Ratssitzung am Donnerstag ist dann der Schulweg vom Hanseviertel zur Lüner Schule ein Thema. Die CDU-Fraktion bittet die Verwaltung darum, insbesondere die Beleuchtung und die sichere Querung zu prüfen.

Von Alexander Hempelmann