Sonntag , 1. November 2020
Der Lüneburger Thomas Rieckmann fühlt sich vom Scheinwerfer-Licht anderer Autos geblendet. (Foto: t&w)

Genug geblendet

Lüneburg. „Hiermit fordere ich Sie auf, alle Autos mit zu grellen Scheinwerfern aus dem Verkehr zu ziehen bis spätestens 31. Dezember 2018 und dann für immer. Sollten Sie das nicht tun, werde ich Sie anklagen.“ Thomas Rieckmann bezieht sich in seinem Schreiben auf Artikel 2 des Grundgesetzes, das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Der Brief, der am 17. November Lüneburg verlassen hat, ist inzwischen in Berlin angekommen. Er liegt auf dem Schreibtisch von An­dreas Scheuer. Der Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur ist der Adressat.

Brief ist keine Provokation

Vor ein paar Wochen hat der Lüneburger einen Anwalt für Gesundheitsfragen aufgesucht. „Er hat mir dazu geraten, die Klage erstmal anzukündigen und dem Minister Zeit zum Antworten zu geben.“ Dass er das auch persönlich tun wird, teilt die Pressestelle des Ministeriums auf LZ-Nachfrage mit. „Der Brief ist in Bearbeitung.“ Zum Inhalt könne man sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht äußern.

Die Frage, wie weit er bereit sei, zu gehen, beantwortet Rieckmann so: „Ich will‘s wissen.“ Der Brief sei nicht als Provokation aus Jux und Dollerei zu verstehen, sagt er. „Ich leide.“

„Mir tut das richtig weh in den Augen.“ – Thomas Rieckmann

Seit zwei Jahren sieht Rieckmann auf den Straßen zunehmend Autos mit grellen Scheinwerfern und weißem Licht. Das dürfte damit zusammenhängen, dass heute überwiegend Xenon- und LED-Technologie eingesetzt wird. Autohäuser sprechen vom „besseren Licht“, die Scheinwerfer müssten seltener gewartet werden, sollen doppelt so hell sein wie Halogenlampen.

Dementsprechend geblendet fühlt sich Rieckmann, wenn er in der Dunkelheit auf Straßen mit Gegenverkehr unterwegs ist. „Mir tut das richtig weh in den Augen.“ Dass er sich bis vor ein paar Monaten mehrmals täglich so gefühlt hat, liegt daran, dass er als Lehrer in Dahlenburg gearbeitet und die 30 Kilometer stets mit dem Auto zurückgelegt hat. Inzwischen ist Rieckmann im Vorruhestand, legt aber noch immer viele Wege mit dem Auto zurück. Und darauf möchte er auch nicht verzichten.

Regelmäßig zum Augenarzt

Um sich nicht vorwerfen lassen zu müssen, an einer Augenkrankheit oder einer Überempfindlichkeit zu leiden, hat sich Rieckmann sowohl 2017 als auch in diesem Jahr von einem Augenarzt untersuchen lassen. Ergebnis: „Meine Augen sind gesund.“

Als besonders unangenehm bezeichnet er Situationen, in denen entgegenkommende Fahrzeuge Unebenheiten wie Schlaglöcher überwinden müssen. Dann leuchten die Scheinwerfer einige Zentimeter weiter nach oben. Rieckmann ist überzeugt, dass viele Lichter auch blenden, weil sie falsch eingestellt sind. Den Rückspiegel klappt er beim Autofahren runter, weil er sich sonst von dem Licht der Fahrzeuge hinter ihm gestört fühlt.

Bislang habe er es in kritischen Situationen stets geschafft, abzubremsen und den Kurs zu halten. „Man kann ja auch nicht plötzlich rechts ranfahren.“ Dass sei für ihn aber kein Grund, nicht vom Schlimmsten auszugehen. „Einen dunkel gekleideten Menschen, der über die Straße läuft, würde ich wahrscheinlich einfach übersehen, wenn ich zuvor geblendet wurde“, sagt Rieckmann. Denn dann könne er stets mehrere Sekunden lang kaum etwas sehen.

Blendung keine Hauptunfallursache

Eine aktuelle Erhebung, an der die Deutsche Verkehrswacht mitgewirkt hat, gibt dem Mann recht: Danach blendet jeder zehnte Fahrer andere Verkehrsteilnehmer, jedes dritte Auto verfügt über mangelhafte Beleuchtung. Mehr als 4700 Licht-Tests sind in die Statistik eingeflossen.

Auch die Lüneburger Polizei achtet bei Kontrollen auf die Beleuchtung. Pressesprecher Kai Richter sagt, dass das Blenden zwar keine Hauptunfallursache, aber immer wieder mal ein Thema sei. „Es hat in den letzten Jahren diverse Neuerungen gegeben, heute werden ganz verschiedene Leuchten in die Fahrzeuge eingebaut.“ Das Blenden habe auch mit unsachgemäßer Nutzung der Beleuchtungsanlage zu tun, mancher schaltet ohne Not die Nebelscheinwerfer oder das Fernlicht ein.

Von Anna Paarmann