Samstag , 19. September 2020

Vom eigenen Tod erfahren

Lüneburg. Nur zufällig hat Matthias Bachmann* von seinem eigenen Tod erfahren. Dabei wollte er eigentlich nur Geld bei der Sparkasse abheben. Als ihm der Automa t den Dienst verweigerte, fragte der 51-Jährige einen Mitarbeiter am Tresen. Der reagierte überrascht. „Sie sind doch tot“ – bei dem Satz dachte Bachmann zuerst an einen schlechten Scherz, doch dann zeichnete sich ab: Seine Konten wurden gesperrt, weil die Bank tatsächlich davon ausgeht, dass er nicht mehr unter den Lebenden weilt. Die Falschmeldung hat die Deutsche Rentenversicherung Braunschweig-Hannover herausgegeben. Mit der Institution liegt der Familienvater aus Neetze im Clinch.

„Der Rentenberechtigte ist am 30.09.2018 verstorben. Die Rente wurde überzahlt“, ist in dem Schreiben zu lesen, das der Renten-Service am 6. November an die Lüneburger Sparkasse geschickt hat. Im zweiten Absatz wird darum gebeten, die Geldleistungen, die „nach dem Todesmonat“ ausgezahlt wurden, zurückzuüberwiesen.

Er leidet unter Depressionen und Angststörungen

Für Anwalt Jens-Uwe Thümer ist diese Rückforderung der Höhepunkt eines Streits, der nun auch das Sozialgericht beschäftigen wird. Anfang November hat er Klage eingereicht. Im Wesentlichen geht es darum, dass der Antrag Bachmanns, weiterhin die volle Erwerbsminderungsrente zu erhalten, von der Rentenversicherung abgelehnt wurde. Weil er unter Depressionen und Angststörungen leidet, hat er vom 1. Juli 2012 an bis zum 30. September diesen Jahres monatlich rund 1300 Euro ausbezahlt bekommen.

Die Freude darüber, dass der Betrag auch im Oktober noch überwiesen wurde, währte bekanntlich nicht lang. Thümer kann sich das Vorgehen der Rentenversicherung nicht erklären. „Das macht schon einen schlechten Eindruck, jemanden als tot auszugeben.“ Zurück bleibe das Gefühl, diesen Weg gewählt zu haben, um sich das Oktober-Geld zurückzuholen, das versehentlich überwiesen wurde.

Anspruch auf volle Erwerbsminderungsrente

Der Anwalt ist überzeugt, dass Bachmann weiterhin Anspruch auf die volle Erwerbsminderungsrente hat. Gesundheitlich habe sich in den vergangenen Jahren nichts verändert, er sei nach wie vor nicht in der Lage, zu arbeiten. Der Arzt, den die Rentenversicherung mit der Untersuchung Bachmanns beauftragt hat, ist anderer Meinung: Er könne wieder „vollschichtig“ arbeiten, allerdings nicht in dem Beruf, den er erlernt hat. Standardtätigkeiten in einem Büro seien aber durchaus möglich.

Die Diagnosen „depressives Syndrom“ und „phobische Ängste“ hat die Psychiatrische Klinik im November 2011 gestellt, da­raufhin hat sich Bachmann in psychotherapeutische Behandlung begeben. Seine Psychologin hat erst vor kurzem bestätigt, dass er nach wie vor unter Schlafstörungen leide, antriebslos und erschöpfbar, gleichzeitig von Schuldgefühlen geplagt sei.

Anwalt fordert Schmerzensgeld

„Es ist leider über die Jahre zu keiner deutlichen Befundverbesserung gekommen“, ist in der Stellungnahme zu lesen. Die Konfrontation mit dem eigenen Tod habe ihm nun den „endgültigen Kick“ gegeben, sagt Thümer, der darüber auch die Rentenversicherung informiert hat. Wörtlich heißt es in dem Schreiben: „Er hat durch die Mitteilung und die sich hieraus anschließende Sperrung seiner Bankverbindung einen Schock erlitten. Die Medikamentendosis musste auf die maximale Dosis erhöht werden.“ Nun fordert der Anwalt im Namen seines Mandanten Schmerzensgeld.

Bis heute kann Matthias Bachmann nicht auf seine Konten zugreifen. Obwohl er den Irrtum mit dem Vorzeigen seines Personalausweises auflösen konnte, sind längst bürokratische Abläufe in Gang geraten – ein normales Prozedere, wenn ein Kontoinhaber für tot erklärt wird. Thümer: „Das Erstellen einer neuen EC-Karte ist da die kleinste Herausforderung.“

Von Anna Paarmann

*Name geändert

Stellungnahme

Ein falscher Klick

„Das ist unser Fehler“, sagt Wolf-Dieter Burde, Pressesprecher der Rentenversicherung, auf LZ-Nachfrage. Er sei der Frage, wie es zu einem solchen Irrtum kommen konnte, nachgegangen. Ergebnis: Wegen einer Fehlermeldung hätten Mitarbeiter in ein System eingreifen müssen, das normalerweise maschinell gesteuert werde. Dabei sei versehentlich der Tod als Grund für die Einstellung der Rente angeklickt worden.

Im Fall von Matthias Bachmann sei die Mitteilung, dass das Geld nicht länger gezahlt wird, im August an den Renten-Service der Deutschen Post AG rausgegangen. Die zahlt für die Rentenversicherung die Renten aus. Davon, dass Daten nicht verarbeitet werden konnten, habe man allerdings erst am 24. Oktober erfahren. Deshalb sei die Summe in dem Monat auch noch überwiesen worden.

„Mir ist bewusst, dass dieser Fehler einen Rattenschwanz an nervigen Angelegenheiten und viel Ärger nach sich gezogen hat. Das tut uns sehr leid.“ Burde räumt aber auch ein, dass es nicht das erste Mal sei, dass die Rentenversicherung jemanden für tot erklärt. „Das passiert alle drei, vier Jahre.“