Freitag , 18. September 2020
Die Bedingungen in der Altenpflege sollen verbessert werden, zahlen müssen die Bewohner. Foto: phs

Kostenfalle Pflege

Lüneburg. Wenn Ilse Meyer* ehrlich zu ihrer Mutter wäre, müsste sie sich zu ihr setzen und ihr eröffnen: „Mama, ab Dezember bist du pleite.“ Sie müsste ihr von den steigenden Kosten für den Platz im Altenheim erzählen, von der Rente, die dann nicht mehr reicht, und von den 443,76 Euro im Monat, die in Zukunft sie bezahlen wird. Doch Ilse Meyer wird ihrer Mutter nicht davon erzählen, will deshalb auch nicht mit ihrem richtigen Namen in der Zeitung stehen. „Zu wissen, dass sie uns auf der Tasche liegt“, sagt sie, „das wäre für meine Mutter die Hölle.“

Pflegefälle werden zu Sozialfällen

Dabei hat die alte Dame noch Glück. Ihre Tochter kann die Kostensteigerung um mehr als 30 Prozent für sie übernehmen. Andere Bewohner des Adendorfer DRK-Altenheims haben niemanden, der zahlt – und werden damit zum Sozialhilfefall. Eine Demütigung, die Joachim Elspaß als Geschäftsführer des Adendorfer Altenheims seinen Bewohnern gerne erspart hätte. „Doch das System lässt uns da keine andere Wahl.“

Tatsächlich ist die enorme Preissteigerung in Adendorf kein Einzelfall, Erhöhungen sind in den kommenden Monaten in nahezu allen Einrichtungen zu erwarten. So kündigt zum Beispiel auch Katja Putensen, Einrichtungsleiterin des Domicil in Lüneburg, an: „Wir werden ab 1. Januar teurer werden.“ Treffen wird es auch dort allein die Bewohner, ihre Angehörigen oder den Landkreis als Sozialhilfeträger. „So will es das System.“

Das System – das stellt die Finanzierung eines Pflegeplatzes auf zwei Säulen. Zum einen gibt es den Beitrag der Pflegeversicherung, je nach Pflegegrad zwischen 125 (Grad I) und 2005 Euro (Grad V) monatlich. Zum anderen den Eigenanteil, den jeder Heimbewohner selbst zahlen muss. Kann er das nicht, werden die Angehörigen in die Pflicht genommen. Können die nicht zahlen, muss das Sozialamt einspringen. Wie hoch ein Eigentanteil ist, variiert je nach Region und Heim, lag im Juni im Bundesdurchschnitt bei 1831 Euro.

Über 30 Prozent mehr

Im DRK-Heim in Adendorf liegt der Eigenanteil noch bei 1219 Euro. Nach einer ersten Erhöhung zum 1. Dezember und einer zweiten zum 1. April wird er 1662,76 Euro betragen. Eine Steigerung von mehr als 30 Prozent, für die es laut Elspaß im Wesentlichen zwei Gründe gibt.

Erstens: „In Niedersachsen müssen wir ab 2019 einen neuen Stellenschlüssel umsetzen und mehr Mitarbeiter einstellen.“ Das sei gut für die Bewohner. Und gut für die Altenpfleger. „Doch das heißt natürlich auch, dass wir höhere Kosten haben, aber immer noch die gleiche Anzahl an Bewohnern, auf die wir die Kosten umlegen müssen.“

Zweitens: „Die sehr uneinheitliche Bezahlung in der Altenpflege wird aufgrund einer neuen Rechtslage angepasst.“ Und zwar nach oben. „Ein richtiger Schritt“, findet Elspaß, „doch auch das macht die Pflege entsprechend teurer.“

Die höheren Kosten muss ein Heim auffangen. „Und da die Leistungen der Pflegeversicherung nicht angepasst werden, bleibt uns nichts anderes, als es auf die Bewohner umzulegen“, sagt Elspaß. Auch das geschieht allerdings nicht willkürlich, sondern müsse in einer Entgeltverhandlung mit den Pflegekassen und dem Kreis als Sozialhilfeträger festgelegt werden. „Da legen wir eine Kalkulation vor, die genau geprüft wird“, sagt Elspaß. Am Ende der Verhandlungen stehe dann eine Summe X – „und nur die dürfen wir den Bewohner in Rechnung stellen“.

Steigender Sozialhilfeaufwand erwartet

Mit künftig 1662,72 gehört das Adendorfer Heim noch zu den günstigeren Einrichtungen im Landkreis Lüneburg. Im Domicil liegt er schon jetzt bei 1753 Euro monatlich. Dennoch ist Ilse Meyer überzeugt, „dass im Zuge der Erhöhung auch etliche Bewohner aus Adendorf zu einem Fall für das Sozialamt werden“. Auch der Landkreis stellt sich als zuständiger Sozialträger bereits darauf ein, dass der Sozialhilfeaufwand steigen wird. Wie stark, das sei offen. Bisher habe man 2018 in Stadt und Kreis etwa 460 Bewohnern von Altenheimen ergänzend Sozialhilfe ausgezahlt, erklärt Matthias Naß, Fachdienstleiter für Senioren und Behinderte

Doch ist es gerecht, dass die Beiträge der Pflegeversicherung gleich bleiben, während die Eigenanteile der Bewohner steigen und steigen? Diese Frage stellt sich Ilse Meyer ebenso wie Joachim Elspaß – und beide finden: Nein. Das Bundesgesundheitsministerium indes antwortet auf diese Frage mit dem Hinweis: „Ab Januar 2019 können die Pflegeheime insgesamt 13 000 neue Pflegekräfte einstellen, deren Kosten komplett von den Krankenkassen finanziert werden.“ Guter Ansatz, findet Elspaß. Nur: „Wie sollen wir neue Leute einstellen, wenn es keine gibt?“

* Name von der Redaktion geändert

von Anna Sprockhoff