Ricardo Kästner: „Ohne Humor biste bei dem Job verloren“. (Foto: Heidelberg-Stein)

„Viele Hände, schnelles Ende“

Wittorf. Wo Ricardo Kästner auf der Leitplanke hockt, hat sie eine dicke Beule. „Müssn wa’ das jetzt auch noch heil machen?“, brüllt ein Kollege über die Gleise . „Mauljucken?!“, schreit Kästner zurück, grinst. Im Mundwinkel des Berliners klemmt eine Kippe. Der 35-Jährige reist für die Wittorfer Firma Willke das ganze Jahr über durch Norddeutschland und repariert Zugstrecken. Bei Eisregen und Hitze, Tag und Nacht. „Ohne Humor biste in dem Job verloren“, sagt Kästner. Er steckt sich noch eine Zigarette an.

Mit Armen dick wie Oberschenkel

Als Schachtmeister ist er Chef einer Kolonne, vier Mann mit Armen dick wie Oberschenkel. Sie tragen neon-orangene Latzhosen, darunter Schnürstiefel. Kästner klemmt unterm Bauchansatz eine Gürteltasche mit dem Tagesvorrat Kippen. Käppi, Zehn-Tage-Bart, die Arme bedecken Tattoos. Da starren Totenköpfe auf Teufel, Schlangen und Blitze. Schriftzüge wie „Ehre & Respekt“ und „Pride“ schlängeln sich an den Unterarmen. „Ick bin stolz drauf, wat ick allet erreicht hab“, erklärt Kästner. „Und ick respektier’ jeden so, wie er ist.“

Er denkt dabei an alte Menschen, die er während der Arbeit auf Bahnsteigen sieht. Viele wirken einsam, wunderlich. Oder Pfandflaschen-Sammler an Mülleimern. „Die haben sich ihr Leben so och nich’ ausjesucht“, mutmaßt Kästner. Man muss nehmen, was man kriegen kann.

So wie er. Mit 16 Jahren stolpert Kästner von der Schule in die Lehre als Heizungsmonteur. Bricht direkt wieder ab. „Ick war jung, hab mich jehn lassen“, blickt er zurück. Zur Erleichterung der Eltern heuert er schon kurz darauf als Gleisarbeiter bei der Bahn an. Der Schritt liegt nahe: Die Mutter arbeitet dort in der Lohnbuchhaltung, der Vater als Lokführer. Ricardo Kästner gibt der Job Selbstbewusstsein; er glaubt zu schaffen, was nur wenige leisten können. „Heute will doch keener mehr körperlich arbeiten!“, stellt er fest.

Er schon. Das fordert nicht nur Muskelkraft, sondern auch Nehmerqualitäten. Zwischen Schiene und Schotter erledigen die Männer immer dieselben Handgriffe, dürfen aber nie unachtsam werden. Manch ICE rast mit 200 Stundenkilometern an ihnen vorbei. Ein Schritt in die falsche Richtung, das war‘s. Kästner hat solche Unfälle nie erlebt, ihm selbst sei auch nichts passiert, sagt er. Später fallen ihm nebenbei doch noch zerquetschte Daumen und ein gebrochener Fuß ein. Ein Gleis war aus einer Zange gerutscht, auf ihn gefallen. Kann man ja mal vergessen.

Hart im Nehmen

Der Berliner ist hart im Nehmen und fordert das auch von seinen Mannen. Heute allerdings gehen die Kollegen es langsam an – gezwungenermaßen. Oktobersonne wärmt ihre Rücken, während sie auf der Strecke zwischen Lüneburg und Hamburg Gleise austauschen. Zumindest ein paar: Immer wieder dröhnt eine ohrenbetäubende Sirene, Warnlampen blinken. Zug von links, Zug von rechts. Zehn Minuten anpacken, die Gleisbauer lösen Schrauben, heben Schienen mithilfe einer Baumaschine zur Seite, fügen neue Gleise ein. Schon geht das Gejaule wieder los. „Ick kann so nich arbeiten!“, mault Kästner, lehnt sich an die Leitplanke und fummelt die nächste Kippe aus der Bauchtasche.

Der Auftraggeber gibt das Tagesziel vor, hat die Baustelle aber offensichtlich schlampig vorbereitet. Wenn es nach Kästner ginge, wäre hier jetzt alles gesperrt – oder er würde den Job einfach nachts erledigen. Das käme den Bauherrn aber teurer zu stehen. Immerhin regnet es nicht. „Wenn’s durchjaucht, Stunden am Stück“, dazu noch Wind, das kann der Schachtmeister gar nicht haben. Erledigen müssen sie die Arbeit nämlich trotzdem. Unter Gleisbauern gilt deshalb die Devise: „Viele Hände, schnelles Ende!“

Die Gemeinschaft ist es, die Kästner am Job schätzt. Oft leisten sie sieben Nachtschichten am Stück. „Dat schweißt zusammen, menschlich.“ In der Dunkelheit können sie sich fühlen wie die letzten Lebewesen auf Erden. Gleißende Scheinwerfer, Atemwolken. Dazu eine Mission: Die Züge müssen rollen. Schotter räumen, Schwellen wechseln, Schienen schneiden. Alles im Schicht-System.

Für Hobbys bleibt da keine Power. Nach zwölf Stunden auf den Gleisen hat Kästner auch gar „keene Lust mehr, auf jar nüscht“. Außer auf seine Familie: drei Kinder, eines davon seine Stieftochter, zwei sind 15, eines ist sieben Jahre alt. Die Ehefrau hat ihn kennengelernt, da war er schon ständig auf Montage. Gut fünf Jahre arbeitete Kästner damals im Ausland: Skandinavien, Mazedonien, Ungarn. „Immer wat Neuet vor die Nase.“ Das fand er gut. Die Kehrseite: Bis zu drei Wochen am Stück war er weg, dann eine Woche zu Hause. „So wat muss ‘ne Frau erst mal mitmachen“, sagt Kästner stolz. Auf seine Familie lässt er nichts kommen.

So was müssen allerdings auch die Kinder mitmachen. Der Berliner wiegt den Kopf. Vor allem seine Siebenjährige leide unter der Abwesenheit des Vaters. Immerhin war er diesen Sommer bei ihrer Einschulung dabei. Dafür lernt der Nachwuchs Kästners wichtigsten Grundsatz von der Pike auf kennen: „Von nüscht kommt nüscht!“ Es ist dem Gleisbauer lieber, dass die Kinder ihn kaum sehen, als dass er mit Hartz IV zu Hause rumhängt.

Anderen zeigen, wie viel Zusammenhalt zählt

Bis zur Rente kann er den anstrengenden Job vielleicht trotzdem nicht machen. Was dann? So weit will Kästner nicht denken. Sein nächstes Ziel ist es, den Industriemeister zu machen, um selber ausbilden zu können. Er will Leuten den Beruf nahebringen, ihnen zeigen, wie viel Zusammenhalt zählt. Und beweisen, dass körperliche Arbeit sich gut anfühlt. Mitunter auch lustig; der Kollege von gegenüber feixt immer noch wegen der Delle in der Leitplanke. Kästner schnippt die Kippe weg. Zu dem Herrn geht er jetzt mal rüber.

Von Anna Heidelberg-Stein

Im nächsten Teil: Der Mann, der neue Beine baut.

Hintergrund

Der Weg in den Job

Gleisbau-Azubis lernen im dualen System: drei Jahre Ausbildung in Betrieb und Berufsschule. Zwei davon arbeiten sie als Tiefbauer, eines in der Spezialisierung als Gleisbauer. Die würden deutschlandweit dringend gesucht, sagt Stephan Friedrichs vom Bauindustrieverband Niedersachsen-Bremen. Der Job aber sei körperlich hart, die Kollegen müssten oft am Wochenende ausrücken. Deshalb liege „der Anteil der männlichen Berufsträger bei weit über 90 Prozent“. 2017 zählten zu den 738 Azubis in ganz Deutschland nur 12 Frauen. Informationen: www.bahnberufe.de

Teil 1 unserer Heinzelmännchen-Serie:

https://www.landeszeitung.de/a/31127-ranger-2