Sonntag , 27. September 2020
Der Fall hatte vor ein paar Tagen für Aufsehen gesorgt: Ist in Niedersachsen erstmals ein Mensch von einem Wolf angegriffen worden? Nun ist das Ergebnis der DNA-Analyse da.

„Das Problem ist nicht der Wolf, sondern der Mensch“

Mechtersen/Lüneburg. Politiker fordern in einer Bundesratsinitiative, die „Entnahme“ von sogenannten Problem-Wölfen zu erleichtern. Berufsschäfer Wendelin Schmücker geht noch einen Schritt weiter: Er will notfalls sogar selbst auf das Grautier schießen dürfen. Er hat deshalb, wenn auch vergeblich, bei der Stadt Winsen/Luhe eine Waffenerlaubnis beantragt (LZ berichtete). Die Willkommenskultur für Wölfe schwindet – Thomas Mitschke beobachtet diese Entwicklung mit Sorge. „Es findet ein massiver Feldzug gegen den Wolf statt“, stellt der Nabu-Kreisvorsitzende fest. Aber er macht deutlich: „Nicht der Wolf ist das Problem, sondern der Mensch!“

Viele Weidetierhalter würden geradezu „Wolfsfütterungsstationen“ unterhalten – weil ihr Herdenschutz nicht einmal dem Mindestschutz entspreche. Mitschke bezieht sich auf Statistiken des Niedersächsischen Wolfsbüros: Danach war in mehr als 80 Prozent aller bekannt gewordenen Fälle von Wolfsrissen nicht einmal der Grundschutz für die Weidetiere gegeben“, stellt er kritisch fest.

120 Zentimeter Mindesthöhe

„Mobile Weidezäune, meist elektrifizierte Draht- oder Netzzäune, sollten eine Höhe von mindestens 90, besser noch von 120 Zentimetern haben. Um das Untergraben des Zauns durch den Wolf zu verhindern, muss der Zaun eine stromführende Litze haben, die nicht mehr als 20 Zentimeter vom Boden entfernt sein darf. „Seit zwölf Jahren ist der Wolf wieder zurück in Niedersachsen und trotzdem sind viele Weidetierhalter nicht in der Lage, durch entsprechende Maßnahmen ihre Tiere zu schützen“, ärgert sich Mitschke.

„Vom Schäfer war nichts zu sehen“

Dass nun ausgerechnet der Vorsitzende des Fördervereins der Deutschen Schafhaltung (FDS), Wendelin Schmücker, einen Waffenschein und eine Abschuss-Genehmigung für Wölfe fordert, klingt für Mitschke zynisch: Der Berufsschäfer aus dem Landkreis Harburg hatte seine Forderung unter anderem mit der jüngsten Wolfsattacke auf seine Herde bei Mechtersen begründet. „Meine Tiere sind meine wirtschaftliche Existenz“, betonte Schmücker kürzlich gegenüber der LZ. Weil aus seiner Sicht der Schutz durch Zäune und Herdenschutzhunde alleine nicht reiche, wolle er künftig mit der Flinte in der Hand seine Schafherde hüten.

Mitschke hatte sich sieben Tage nach dem Wolfsangriff auf Schmückers Schafe in Mechtersen umgeschaut – und war überrascht: Statt des empfohlenen 1,20-Meter-Zauns hatte Schmücker nur den 90 Zentimeter hohen Zaun gesteckt. Und das auch nur lückenhaft. „Rund 200 Meter Zaun fehlten“, berichtet Mitschke. Zwei Stunden habe er die Situation beobachtet – „vom Schäfer war in dieser Zeit nichts zu sehen!“ Das sei eine Einladung für Wölfe und streunende Hunde.

Erst am Abend, als er sich die Situation erneut angeschaut habe, sei die Lücke im Zaun geschlossen gewesen. Für Mitschke zu spät. Er bleibt dabei: „Das war ein absolut fahrlässiges Verhalten des Schäfers.“ Ein solches Verhalten „führt doch erst dazu, dass Wölfe zu Problemwölfen werden.“

„Wenn der Wolf rein will, kommt er rein“

Schmücker kontert: „Als Wanderschäfer hat man nicht immer die Menge Zaun dabei, die man braucht.“ Dann könne es schon mal vorkommen, dass man die Herde kurzzeitig verlassen und Nachschub holen müsse. Und ob der Zaun nun 90 oder 120 Zentimeter hoch sei, spiele aus seiner Sicht auch keine große Rolle: „Wenn der Wolf rein will , dann kommt er rein…!“

Mitschke fordert ein Umdenken: „Die Weidetierhaltung braucht einen neuen Stellenwert in der Gesellschaft!“ Zweistellige Milliarden-Beträge aus EU- und Bundesmitteln würden jährlich in die Landwirtschaft fließen. „Doch die Weidetierhalter profitieren nicht davon“, kritisiert der Nabu-Vorsitzende. Wenn die Weidetierhalter mehr Geld für ihre Arbeit und ihre Produkte bekämen, investierten sie auch mehr in den Herdenschutz, glaubt Mitschke. Dann, so seine Hoffnung, werde auch der Wolf nicht mehr als ein so großes Problem angesehen. „Der beste Schutz des Wolfes ist der Schutz von Weidetieren“, bringt es der Nabu-Vorsitzende auf den Punkt.

Minister freut sich über EU-Entscheidung

Kosten werden künftig erstattet

Erfreut hat sich Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) über die Entscheidung der Europäischen Kommission gezeigt, dass in Zukunft Herdenschutzmaßnahmen gegen Wolfsrisse zu 100 Prozent durch die Länder finanziert werden dürfen. Lies hatte diese Forderung schon im Frühjahr bei seinem ersten Besuch zum Thema Wolf in Brüssel vorgetragen. Bisher konnte das Land aufgrund von EU-Regelungen nur 80 Prozent der anfallenden Kosten für Zäune übernehmen.

Das war ein Problem, auf das der Umweltminister gegenüber der EU immer wieder hingewiesen habe. „Wir werden uns nun schnell an die Umsetzung machen, damit wir Weidetierhalter in Niedersachsen schon bald vollumfänglich bei ihren Herdenschutzmaßnahmen finanziell unterstützen können,“ betont der Minister. lz

Von Klaus Reschke