Donnerstag , 1. Oktober 2020
An elf Tischen tragen die Teilnehmer zusammen, was in Lüneburg geleistet wurde und was in Sachen Erinnerungskultur verbessert werden sollte. Foto: t&w

Ein Blick zurück nach vorn

Lüneburg. Für die Studentin hängt Lüneburg sehr hinterher: „Ich bin überrascht, wie spät man anfängt, über seine Geschichte zu diskutieren. Und als es losging, wollte man es relativieren.“ Es wirke, „als wolle man die Stadt ruhig halten“. Der jungen Frau, die ihren Namen nicht nennen mag, weil sie Anfeindungen befürchtet, hält Friedrich von Mansberg entgegen: „Das habe ich ganz anders wahrgenommen.“ Der Dramaturg des Theaters, der für die SPD im Rat sitzt, verweist auf lebhafte Auseinandersetzungen und unterschiedlichen Positionen in der Stadt. Sein Vater Carl-Peter, er hat als Architekt den gerade eröffneten Gedenkort für die im Nationalsozialismus verschwundene Synagoge entworfen, geht noch einen Schritt weiter: Lüneburg verdränge seine Geschichte seit langem nicht mehr. Ein Beispiel sei die Scharnhorst-Kaserne, in der Nazi-Zeit errichtet, ist sie heute Universität: „Statt Soldaten Studenten.“

Erinnern und Wahrnehmen sind sicher eine Frage der Generationen. Das scheint ein Ergebnis des Bürgerforums zu sein, das am Sonnabend im Technologiezentrum der Handwerkskammer tagte. Mehr als 60 Frauen und Männer kamen zusammen, um an elf Tischen quasi eine Bestandsaufnahme zu machen und Ideen zu entwickeln, wie die Stadtgesellschaft künftig vor allem mit der Zeit des Nationalsozialismus und der späteren Haltung dazu umgehen will. Teilnehmen an dem Treffen konnte jeder Interessierte.

Jedes Jahr neue Runden

Zur Begrüßung sprach Oberbürgermeister Ulrich Mädge von einem „Experiment“, auf das man sich einlasse. Er betonte, dass es künftig jährlich solche Runden geben solle, um neue Sichtweisen zu integrieren und Probleme anzusprechen. Mit Nicolai-Pastor Eckhard Oldenburg stehe ein Ombudsmann bereit, an den man sich wenden könne, wenn man sich nicht gehört fühle.

Der OB beschrieb einen Weg, den Bürger über die Jahre gegangen sind. Wurden zuerst Denkmäler für Soldaten aufgestellt, kamen Opfer des Terrorstaates wesentlich später in den Blick. Ein erster Ort des Gedenkens an die Schrecken der zwölf Jahre währenden NS-Zeit entstand in den 1980er-Jahren am Arbeitsamt an der Lindenstraße. Der Standort war ein Kompromiss am Ende einer Diskussion. Die Psychiatrische Klinik betreibt eine Gedenkstätte für ermordete Patienten, gerade wurde der Synagogenplatz eingeweiht, um die Gestaltung des sogenannten KZ-Friedhofs im Tiergarten wird noch gerungen.

Diese Punkte waren Thema in den Gruppen und fanden durchaus Anerkennung. Doch manchem reicht das nicht. Besonders in der Kritik steht der „Friedenspfad“ der Manzke-Stiftung: Es könne nicht sein, dass quasi eine Firma das Erinnern an Denkmälern der Stadt vorgebe, das sei Aufgabe der Stadt. Texte gehörten überarbeitet, das habe sich am Gedenkstein für die 110. Infanterie-Division am Springintgut gezeigt. Ihre Angehörigen waren für Kriegsverbrechen in Ozarichi in Weißrussland verantwortlich. Die Erklärungstafel dort bleibt umstritten – selbst nach Überarbeitungen.

„Die Bandbreite ist groß“

Dass Geschichte auch eine Frage des politischen Standpunkts ist, findet Bärbel Pauck, die am Gymnasium Bleckede unterrichtet. Sie habe den Streit um diesen Gedenkstein mit ihren Schülern zum Thema gemacht: „Es gibt mehrere Perspektiven. Welche Interessengruppen diskutieren?“ Angehörige der Soldaten, die in Russland gefallen sind, hätten einen anderen Blick als die Opfer und ihre Angehörigen, die von den Soldaten bei Ozarichi in Lager gezwungen worden. Dort starben mindestens 9000 Menschen. Die Zeit spiele ebenfalls eine Rolle: „Ratsmitglieder haben in den 60er-Jahren eine andere Erinnerungskultur gehabt als wir heute.“

Der Vizepräsident der Uni, Prof. Jörg Philipp Terhechte, hatte die Moderation übernommen. Im Gespräch mit der LZ zeigte er sich mit der Resonanz zufrieden: „Die Bandbreite ist groß. Studenten, Senioren, Zeitzeugen, Vertreter von Verbänden und politischen Parteien und die Bürgerschaft. Mein Eindruck ist, in Lüneburg funktioniert schon vieles. Ich sehe ein Bemühen, überparteilich an das Thema heranzugehen.“ Die Ergebnisse der Arbeitsgruppen sollten nun ausgewertet und gebündelt werden, um sie an den Kulturausschuss des Rates weiterzugeben.

Neue Tafeln des Erklärens

Neben dem Friedenspfad dürfte es um weitere Punkte gehen. Beispiele: Es fehlen Erinnerungsorte für Sinti und Roma, für politische Gegner und Deserteure. Gewünscht ist ein Historiker, der sich mit den verschiedenen Aspekten beschäftigt, genannt wurde die Arbeit Anneke de Rudders, die im Museum dessen Zeit im Nationalsozialismus ausgeleuchtet hat. Überdies solle man Geschichte mehr an Schicksalen erzählen, um sie eindringlicher darzustellen.

In einem zweiten Schritt beschäftigen sich Wissenschaftler am 30. November im Museum mit dem Thema. Auch hier sollen Bürger als Teilnehmer willkommen sein.

Von Carlo Eggeling

Diskussion

Antisemitismus und Gedenken

Ausgrenzung und Stigmatisierung, Vorurteile und Klischees spielen in den aktuellen Auseinandersetzungen neuerdings wieder eine wachsende Rolle“, heißt es in der Ankündigung für der Diskussionsrunde „Heute wie damals? Zum Spannungsverhältnis von Antisemitismus und Gedenkkultur in Lüneburg“ am Donnerstag, 15. November, 19.30 Uhr im Markus-Heinemann-Saal des Museums an der Wandrahmstraße. Stellung nehmen Michael Fürst, Vorsitzender der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen, und Christoph Schult, Redakteur beim Nachrichtenmagazin Der Spiegel und ehemaliger Israel-Korrespondent. Die Moderation übernimmt Friedrich von Mansberg von der SPD.