Sonntag , 25. Oktober 2020
„Ein Tag im Stall erfreut mein Herz.“ Jenny Beal liebt Kühe und nutzt jede Gelegenheit, um aus Berlin raus- und in einen Kuhstall reinzukommen. (Foto: phs)

Der Lockruf der Rinder

Echem. Mittwochvormittag, kurz vor zwölf, in Raum L 11 des Landwirtschaftlichen Bildungszentrums (LBZ) Echem. Elf Frauen sitzen an Tischen, die Dozentin spricht über Ursachen und Auswirkungen von Kälberdurchfall. „Schwierige Sache“, sagt eine der Frauen. „Ist bei uns gerade ein Riesenproblem“, klagt eine andere. Fast 15 Minuten dreht sich danach alles um Rota- und Coronaviren, E.coli, Kryptosporidien und Salmonellen, Erfahrungen mit größeren und kleineren Milchgaben sowie der Electrolyte-Fütterung. Jede der Teilnehmerinnen in dem Workshop kennt den Kampf gegen den Kälberdurchfall aus dem eigenen Stall. Nur eine nicht. Jenny Beal, Mitte 40, Rechtsanwältin aus Berlin.

Jenny Beal sagt von sich, sie sei ein „echtes Stadtkind“. Geboren in London, aufgewachsen in verschiedenen deutschen Städten, studiert in Bochum, Karriere gemacht in Berlin. Auf dem Land habe sie nie gelebt, auch ein Kalb habe sie bisher weder getränkt, noch gegen Durchfall behandelt, keine Kuh gemolken und kein Rind zum Schlachter schicken müssen. Trotzdem bucht Jenny Beal seit 2016 in Echem nahezu jeden angebotenen Rinderlehrgang, zahlt für Kursgebühr, Fahrt und Übernachtung Hunderte von Euro, opfert etliche Urlaubstage. Stellt sich die Frage: Warum tut sie das?

Gegenpol zum Leben in der Hauptstadt

„Tja, warum tue ich das?“ Jenny Beal muss lachen, während sie mit den anderen Frauen vom Unterrichtsraum zum Mittagessen über den Hof schlendert. Manche ihrer Freunde hielten das für einen Spleen, erzählt sie, doch für sie sei das Ganze mehr. „Das ist, als wohnten zwei Seelen in meiner Brust.“ Die eine treibt sie an als Anwältin für Wettbewerbsrecht. Die andere treibt sie raus aus der Stadt, rein in die landwirtschaftlichen Ställe.

Interessiert habe sie sich schon immer für Tiere und Landwirtschaft. „Als ich dann 2010 einen Freund auf einem Öko-Schweinehof besucht habe, hat es irgendwie Klick gemacht.“ Zu schön sei es mit den Schweinen gewesen, um einfach so in ihre Hauptstadtwohnung, ihr Büro und den Schreibtischjob zurückzukehren. Also traf Jenny Beal die Entscheidung, ihrem Stadtleben einen Gegenpol zu geben.

Wann genau, in welchem Moment sie was entschieden hat, erinnert sie nicht mehr. Sie weiß nur noch: Irgendwann stand fest, dass sie ihre Arbeitszeit von fünf auf vier Wochentage reduzieren und ihren gesamten Urlaub investieren wird, um von 2012 bis 2015 neben ihrem Beruf in Berlin die Ausbildung zur Tierheilpraktikerin zu machen. Dabei lernte sie alles über Hund, Katze, Pferd. Behandeln wollte sie aber vor allem Rinder.

2016 begleitete sie also eine Woche lang einen Tierarzt durch Brandenburger Kuhställe, besuchte kurz zuvor den ersten Rinder-Lehrgang im LBZ Echem. Inzwischen hat sie dort den Homöopathie-Kurs belegt, außerdem mehrere Lehrgänge zu Themen besucht wie Akupunktur, Blutegel-Therapie und Bachblüteneinsatz. Dieses Mal hat sie sich dafür entschieden, im „Workshop für Frauen – Fit für den Milchviehbetrieb“ so viel wie möglich aus dem Arbeitsalltag im Stall zu lernen. Es ist ihr bisher tiefster Einblick in den Bäuerinnen-Alltag, in den Kampf gegen Kälberdurchfall, Sparzwang und Milchmarktkrise.

Noch ist sie nicht praktisch im Einsatz

Wann auch Jenny Beal ernsthaft in die Kuhställe des Landes geht, um als Tierheilpraktikerin Geld zu verdienen? „Keine Ahnung“, sagt sie, „noch fehlen mir für den Sprung in die Praxis in Berlin ein wenig die Zeit und auch die Kühe.“ Und wenn, dann soll es auch nur ein Teil ihres Lebens werden. Denn die Berlinerin liebt nicht nur Kühe, sondern auch ihren Job als Rechtsanwältin. Vorerst bleibt es also ein Spleen, wie manche ihrer Freunde sagen. Oder auch mehr, wie sie es sagt. „Ein Tag im Stall erfreut einfach mein Herz.“ Sie lächelt und weiß, dass manche sie dafür belächeln. Doch an eins hat sie sich inzwischen gewöhnt – den Exotenstatus. Im Stall als einzige Rechtsanwältin. Und in der Kanzlei als einzige Juristin, die die Ursachen von Kälberdurchfall kennt.

Von Anna Sprockhoff