Samstag , 19. September 2020
Kurz vor der Fertigstellung: Die Gedenkstätte am Schifferwall wird am Freitag offiziell der Öffentlichkeit übergeben. (Foto: t&w)

Würdiges Erinnern mit Beton

Lüneburg. „Ein Stein allein transportiert nichts.“ Carl-Peter von Mansberg braucht nicht viele Worte, um seinen Entwurf für die neue Synagogen-Gedenkstätte zu erläutern. Dann holt er aber doch weiter aus. Schließlich reichen die Bezüge, die der Lüneburger Architekt mit dem neu entstandenen Gedenkort hergestellt sehen will, bis ins Alte Testament zurück – ohne dabei dessen eigentliche und künftige Bedeutung aus dem Blick zu verlieren. Ab Freitag, 9. November, können sich die Lüneburger ein eigenes Bild von der neuen Gedenkstätte machen, dann wird sie feierlich der Öffentlichkeit übergeben.

Genau 7,03 x 7,03 Meter misst der Raum, den von Mansberg mit seinem Entwurf geschaffen hat, „keine zufällige Größe“, wie er betont. Alles an dem Objekt habe sich an dem architektonischen Idealmaß, dem Goldenen Schnitt, orientiert, „deshalb auch die Höhe von 2,26 Meter“. Die Maße hat er übernommen aus dem ursprünglichen Versammlungsraum der Synagoge, die auf Druck der Nationalsozialisten wenige Tage vor der Pogromnacht am 9. November 1938 von der jüdischen Gemeinde selbst abgerissen werden musste.

Umsetzung ist eine lange Diskussion vorausgegangen

Nicht zuletzt an der Höhe der Betonwände hatte sich während der Planungsphase eine Diskussion entbrannt, die bisweilen auch schärfere Töne produzierte. Am Ende aber setzte sich von Mansberg durch. Seine Botschaft: „Nichts ist belanglos an diesem Objekt, an keiner Stelle.“

Größere Veränderungen habe er seit seinem ersten Entwurf von 2012 nicht vorgenommen, sagt von Mansberg. Das Ziel: Der Stele der letzten jüdischen Gemeinde in Lüneburg einen Raum der Erinnerung zu geben. Viele Jahre führte sie zwischen Schifferwall und Reichenbachstraße eher ein Schattendasein. 2010 schließlich kam Ela Griepenkerl, langjährige Vorsitzender der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (GCJZ) und Motor zur Schaffung der Gedenkstätte, auf von Mansberg zu und bat ihn, hier über einen neuen Ort der Erinnerung nachzudenken. Im selben Jahr stimmte der Rat der Stadt einem solchen Projekt zu, doch es brauchte noch einmal sieben Jahre, bis auch der Auftrag für die Errichtung erteilt wurde.

„Nichts ist belanglos an diesem Objekt.“ – Carl-Peter von Mansberg , Architekt

Entstanden ist ein aus glatten, weißen Betonwänden und unregelmäßig gebrochenen Eisengittern gebildeter, nach oben offener Raum, in dessen Zentrum leicht vertieft die Stele ihren neuen Ort gefunden hat – umrahmt vom sechseckigen Davidstern. Im Hintergrund eine als Halbrelief in eine Betonwand eingelassene Menora, der siebenarmige Leuchter als Symbol der Erleuchtung. Ein kleiner Vorraum zur Straße hin bildet das verschließbare Eingangsportal, beim Betreten erzeuge er „die nötige Intimität für den eigentlichen Erinnerungsraum“.

Dass er sich für Beton entschied und sich nicht an den ursprünglichen Backstein-Bau anlehnte, erklärt von Mansberg damit, „auf gar keinen Fall eine rührselige Erinnerungskultur“ hervorrufen zu wollen. Der durch die Auswahl der Materialien und Anordnung der Wände erzeugte „Minimalismus“ befähige zu „Besinnung, Vertiefung und starker Konzentration auf das Wesentliche“, ist er überzeugt.

Viele haben für das Projekt Geld gespendet

Hans-Wilfried Haase, Vorsitzender der GCJZ, ist von diesem Grundgedanken und der Ausstrahlung der neuen Stätte „voll und ganz überzeugt“. Dazu würden auch die vier an den Wänden angebrachten Messingtafeln mit den Namen jüdischer Familien beitragen, die zwischen 1894, dem Jahr der Einweihung der Synagoge, und 1945, dem Ende der Nazi-Herrschaft, in Lüneburg gelebt haben, sowie die Namen der Lüneburger Opfer der Judenvernichtung. „Dadurch ist dieser Ort nicht abstrakt“, ist Haase überzeugt, der vor allem der Lüneburger Geschichtswerkstatt für deren umfangreiche Arbeiten zur Recherche der Namen, Daten und Fakten dankt.

Dankbar ist Haase auch für die zahlreichen Spenden und Geldgeber, die dieses Projekt letztlich möglich gemacht haben. Gut 240 000 Euro wird die Gedenkstätte am Ende kosten, davon tragen die Stadt und die Sparkassenstiftung je 50 000 Euro, 25 000 Euro gibt die IHK dazu, weitere Mittel kommen vom Landkreis, von der Lutherischen Landeskirche, vom Landesverband der Jüdischen Gemeinden Niedersachsens, vom Bistum Hildesheim, dem Dekanat Lüneburg und dem Lüneburger Unternehmer Henning J. Claassen. Weitere rund 47 000 Euro wurden durch Kirchenkollekten und Einzelspenden eingenommen.

Auch wenn der Prozess der Entstehung der neuen Gedenkstätte „nicht immer einfach gewesen ist, eine Ablehnung haben wir nie erfahren“, sagen Haase und von Mansberg.

Von Ulf Stüwe