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Wenn der Kopf schmerzt

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Lüneburg. Bei manchen schlägt er zu, wenn das Wetter umschlägt. Bei anderen, wenn der Stress zu groß wird. Und viele sucht er heim, ohne dass sie genau wissen, warum: Kopfschmerz. Kaum ein anderes Leiden ist in der Bevölkerung so weit verbreitet wie dieses. Doch wie genau entstehen Schmerzen im Kopf? Und was sind die Ursachen? Ein Experte auf diesem Gebiet ist Prof. Dr. Henning Henningsen, Chefarzt der Neurologie am Klinikum Lüneburg. Er weiß: „70 Prozent der Bevölkerung leiden vereinzelt oder auch regelmäßig an Kopfschmerzen.“

Das Tückische: Kopfschmerz ist nicht gleich Kopfschmerz. Mediziner unterscheiden mehr als 200 verschiedene Arten. Manche sind extrem selten, andere Anzeichen einer lebensbedrohlichen Krankheit. „Doch am häufigsten leiden die Menschen unter zwei Arten von Kopfschmerzen: dem Spannungskopfschmerz und der Migräne“, sagt Henningsen. „Sie machen zusammen rund 90 Prozent aller Kopfschmerzerkrankungen aus.“ Die Ursachen hingegen sind unterschiedlich.

Spannungskopfschmerz

Art und Häufigkeit: Der Schmerz geht meistens vom Nacken aus, ist dumpf und drückend. „Das fühlt sich an, als hätte man einen zu engen Helm an“, sagt Henningsen. Die meisten Menschen leiden irgendwann in ihrem Leben daran. „Manche quälen diese Kopfschmerzen fast täglich“. Treten sie an mehr als 15 Tagen im Monat auf, sprechen die Mediziner von chronischen Kopfschmerzen. „Ist es seltener, nennen wir das Episodischen Kopfschmerz vom Spannungstyp.“

Auslöser und Ursache: „Wir wissen nicht mit Sicherheit, wie diese Art von Kopfschmerz entsteht“, sagt Henningsen. „Doch wir gehen davon aus, dass eine An- oder Verspannung im Nacken- und Halswirbelbereich den Kopfschmerz auslöst.“ Die Verspannungen wiederum können viele Ursachen haben, „neben mechanischen Auslösern kann eine Überforderung Schuld sein, aber auch Depressionen, Konflikt- oder Stresssituationen“.

Die Anspannung – so die Annahme der Mediziner – führt dann zu einer Verschiebung der verschiedenen Muskelschichten, die unseren Kopf überziehen. „Das aktiviert die Schmerzrezeptoren, die wiederum im Hirn zu einer erhöhten Empfindlichkeit der zentralen Schmerzrezeptoren führen.“ Die Folge: Es kommt zu einer Absenkung der allgemeinen Schmerzschwelle – und der Spannungskopfschmerz ist manchmal ohne inneren oder äußeren Anlass spürbar. „Das ist wie eine Art Teufelskreislauf“, sagt Henningsen. „Der eine Schmerz triggert den anderen.“

Behandlung: „Wir müssen den Schmerzkreislauf unterbrechen.“ Allerdings nicht mit Opioiden, warnt Henningsen. Das Medikament der ersten Wahl sei Amitryptilin, ein Antidepressivum, das die Verspannung und damit die Schmerzursache löst. „Bei Depressionen wird das Medikament kaum noch eingesetzt, weil es nicht wirksam genug ist“, erklärt er, „bei der Behandlung von Spannungskopfschmerzen haben wir allerdings sehr gute Erfahrungen damit gemacht.“ Das Mittel wirkt nicht sofort, sondern müsse über einen längeren Zeitraum genommen werden. „Das wiederum ist kein Problem, da es nicht abhängig macht“, sagt Henningsen.

Genauso wichtig wie die medikamentöse Therapie sind Wärmeanwendungen, auch zu Hause anwendbar, und leichte Rückenmassagen. Auch sollten die Patienten versuchen, ihre Lebensumstände zu ändern. „Das A und O ist Entspannung.“ Eine Möglichkeit seien Aktivitäten wie Yoga, Sport, Meditation, Musik. Eine andere ist das sogenannte Biofeedback. „Dabei werden an Stirn und/oder Nacken des Patienten Elektroden befestigt, die die Muskelspannung messen und bei Anspannung ein akustisches Signal auslösen“, erklärt Henningsen. In mehreren Sitzungen sollen die Betroffenen so lernen, Anspannung rechtzeitig zu erkennen und sich zu entspannen.

Migräne

Art und Häufigkeit: Stechend, pulsierend, wie ein Gewitter im Kopf, oft nur in einer Kopfhälfte – so beschreiben Betroffene Migräne. Während sich der Spannungskopfschmerz bei Bewegung oft bessert, werden die Beschwerden bei Migräne schlimmer. „Dazu kommen oft Licht- und Hörempfindlichkeit, Sehstörungen oder Übelkeit“, erklärt Henningsen. Bei einer Migräne mit Aura kündigt sich der Anfall oft an, „manchmal treten vor Schmerzbeginn Lähmungen in den Extremitäten auf, die Betroffenen sehen Blitze oder ein Gesichtsfeld ist gestört.“

Auslöser und Ursache: Auch bei der Migräne ist vieles noch ungeklärt, die Mediziner haben allerdings einen Verdacht. „Wir gehen davon aus, dass sich bei der Migräne infolge einer Entzündung des Blutgefäßsystems im Gehirn die Gefäße erst zusammenziehen und dann so stark weiten, dass sie die Schmerzrezeptoren berühren.“ Warum das passiert, ist ungeklärt. “Als Ursache vermutet man eine Kombination aus genetischen, biochemischen und psychosozialen Faktoren.“

Behandlung: Bei leichten bis mittelschweren Symptomen ist eine Reihe von Schmerzmitteln hilfreich, darunter auch einige der „klassischen Kopfschmerztabletten“. Bei schweren Symptomen gibt es in der Akutphase migränespezifische Medikamente, sogenannten Triptane. „Sie blockieren die Entzündung, verengen die geweiteten Blutgefäße und wirken so gegen den Schmerz“, erklärt Henningsen. Bei häufigen Migräneattacken können prophylaktisch als Dauermedikation Betablocker, sogenannte Kalziumantagonisten oder Antiepileptika eingesetzt werden. Wichtig sind zudem ein regelmäßiger Lebensrhythmus, auch Ausdauersport ist hilfreich, dazu psychologische Unterstützung mit Stressmanagement und Entspannungsübungen, eventuell auch Biofeedback-Therapie und Akupunktur.

Vorsicht ist zudem beim übermäßigen Konsum klassischer Kopfschmerztabletten geboten. „Denn das kann auch selbst zur Ursache von Kopfschmerzen werden“, betont Henningsen. Der sogenannte „Medikamenteninduzierte Kopfschmerz“ entsteht, wenn durch die häufige Einnahme der Mittel die Schmerzschwelle dauerhaft gesenkt wird. „Sobald das Schmerzmittel dann fehlt, genügt eine Kleinigkeit, um erneut Kopfschmerzen auszulösen.“ Hier gilt: Schmerzmittel langsam absetzen, „am besten in einer Entspannungssituation“.

Fazit: Kopfschmerzen sind komplex. „Und deswegen ist die Anamnese besonders wichtig“, betont Henningsen. Um welche Art von Kopfschmerzen handelt es sich? Welche Lebensumstände könnten Einfluss haben? „Das alles muss ein Arzt prüfen“, sagt Henningsen. Denn auch wenn vor allem zwei Arten von Kopfschmerz auftreten, „könnten zumindest theoretisch mehr als 200 in Frage kommen“.

Von Anna Sprockhoff

 

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