Freitag , 25. September 2020
Sie leben mit vier Generationen auf einem Hof (v.l.): Christine, Johannes und Sieglinde Diercks sowie Claudia und Michael Drägestein mit Mia und Emily. Foto: phs

Was heißt eigentlich Familie?

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[aesop_quote type=“block“ background=“#ffffff“ text=“#56b6ef“ width=“600px“ align=“center“ size=“2″ quote=“„Familie heißt für Dittmers, so viel Zeit wie möglich miteinander zu verbringen , miteinander über alles sprechen zu können.““ parallax=“off“ direction=“left“ revealfx=“off“]

 

Andreas, Monika, Florian und Ann-Kathrin Dittmer lieben ihr Familienleben auf dem Land. Fotos: phs

Klar, gibt es diese üblichen Tücken des Alltags. Auch im Leben von Dittmers aus Artlenburg. Doch was heißt das schon? „Wir sind eine glückliche Familie“, da sind sich Andreas (48), Monika (46), Florian (9) und Ann-Kathrin (7) einig. Sie leben all das, was ihnen am Herzen liegt. „Familie heißt für uns, dass wir zusammen so viel Zeit wie möglich verbringen, miteinander über alles sprechen“, sagt Monika Dittmer. Ein gemeinsamer Waldspaziergang etwa. Für sie immer wieder ein schönes Erlebnis.

Dass sich die Familie wohlfühlt, liegt aber auch an ihrem Lebensumfeld. Denn alle vier lieben das Dorfleben. „Das ist genau unser Ding“, sagen Monika und Andreas Dittmer – und der neunjährige Florian ergänzt: „Ich kann mir nicht vorstellen, in einer Großstadt zu leben.“

Andreas Dittmer arbeitet hauptberuflich als Tischler in Büchen, ist im Nebenerwerb Landwirt, baut unter anderem Kartoffeln, Bohnen, Wurzeln, Erbsen und Kräuter für den Eigenbedarf an. „Da ist noch viel Handarbeit gefragt“, sagt er. Und das heißt: „Auch die Kinder müssen mit anpacken.“ Meistens tun sie das gerne. Nur das wöchentliche Harken des Sandstreifens vor dem Haus ruft das eine oder andere Murren hervor.

Doch Landwirtschaft heißt für die Kinder auch Abenteuer. Auf dem Feld dürfen sie mal mit dem alten Trecker fahren. Das prägt. Florian züchtet bereits selbst Hühner, baut mit seiner Schwester eigenes Gemüse an. „Es ist cool, dass mein Hahn morgens um fünf Uhr krähen kann und es keinen stört“, sagt er und ist dabei überzeugt: „Das wäre in der Stadt anders.“ stb

 

 

[aesop_quote type=“block“ background=“#ffffff“ text=“#56b6ef“ width=“600px“ align=“center“ size=“2″ quote=“„Vor 30 Jahren trennten sich Isa Schultze-Genz und ihr Mann. Seitdem lebt sie alleine. Und ist glücklich damit.““ parallax=“off“ direction=“left“ revealfx=“off“]

 

Isa Schultze-Genz lebt allein – und fühlt sich wohl dabei.

Ob Parship, ElitePartner oder LoveScout24: Singlebörsen versprechen, was viele suchen: einen festen Partner. Rund 17,26 Millionen Einpersonenhaushalte gab es 2017, ein Trend, der sich immer weiter fortsetzt. Doch die meisten, die allein leben, haben sich das nicht freiwillig ausgesucht, hadern mit dem Schicksal – nicht so Isa Schultze-Genz. Seit gut 20 Jahren ist die heute 66-Jährige Teil der Statistik. Und fühlt sich als Alleinlebende pudelwohl.

„Ich gehöre zu den Menschen, die im Alleinsein ihre Batterien aufladen“, sagt die Diplom-Päda­gogin, „ich ruhe in mir, bin im eigenen Fluss, mit mir im Frieden.“ Das war nicht immer so. Mit 26 Jahren brachte die gebürtige Hamburgerin ihren Sohn zur Welt, trennte sich kurz danach von ihrem Mann. „ich habe die Beziehung zwischen ihm und unserem gemeinsamen Kind immer unterstützt“, erzählt sie, „aber gefehlt hat er mir nie“.

Beruflich immer schon stark eingebunden, hat sie Job und Kind gut unter einen Hut gebracht: „Ich habe mich damals so organisiert, dass ich nie allein gelebt habe, teilte mir Wohnungen mit anderen Alleinerziehenden – so war immer jemand da, das war nicht schwer“, blickt sie zurück. Affären gab es einige, eine feste Beziehung nie: „Ich hatte kein Bedürfnis danach“, sagt sie, „und wollte auch nicht, dass mir jemand in die Erziehung redet.“

Seitdem der Sohn aus dem Haus ist, lebt Isa Schultze-Genz allein. „Meine spirituelle Ausrichtung hat viel dazu beigetragen, dass ich mich dabei heute so wohl fühle“, erklärt die Familientherapeutin, die auf ständige Gesellschaft aber doch nicht ganz verzichtet: Ein Hund, zwei Pferde und drei Hühner gehören zum Haushalt. „Die sind jedenfalls authentisch und quatschen mir nicht den ganzen Tag die Ohren voll“, sagt sie und lacht. ul

 

[aesop_quote type=“block“ background=“#ffffff“ text=“#56b6ef“ width=“600px“ align=“center“ size=“2″ quote=“„Mit 38 Jahren stand Ulrike Denzer plötzlich alleine da. Sie hat sich durchgekämpft. Bis heute.““ parallax=“off“ direction=“left“ revealfx=“off“]

 

Ulrike Denzer hat sich als Alleinerziehende durch manche Krise gekämpft.

Alleinerziehende haben es schwer. Besonders Mütter. Leiden sie meist psychisch unter dem geplatzten Traum einer heilen Familie, kommen bei ihnen noch finanzielle Probleme dazu: Ihre berufliche Karriere zugunsten der Kinder aufgegeben, halten sich mit schlecht bezahlten Halbtagsjobs über Wasser, müssen den ohnehin schweren Spagat zwischen Familie und Arbeit allein bewältigen – das war bei Ulrike Denzer nicht anders.

Wenige Tage vor dem zweiten Geburtstag des jüngeren Sohnes hatten sich die Eltern getrennt, wurden bald nach zehn Jahren Ehe geschieden. Die damals 38-Jährige stand plötzlich alleine da – mit der ganzen Verantwortung, aber ohne den notwendigen Austausch, mit den ganzen Aufgaben, aber ohne Hilfe, mit allen laufenden Kosten, aber wenig Geld. Sie hat sich durchgekämpft. Bis heute.

Der ältere Sohn ist gerade aus dem Haus, studiert in Ostdeutschland, der jüngere besucht das Gymnasium. Und Ulrike Denzer hat seit zwei Jahren eine Festanstellung als pädagogische Mitarbeiterin in unterrichtsbegleitender Funktion. Die vierjährige Ausbildung dazu hat sie in den vergangenen Jahren absolviert, die Schule besucht, Praktika absolviert, für Prüfungen und Abschlüsse gelernt – und das alles parallel zu den Aufgaben, die eigentlich für zwei gedacht sind.

Kranke Kinder, Elternabende, Geburtstagsfeiern, aber auch die Abwicklung von Versicherungsfragen, Steuern und Bank, technische Probleme im Haushalt, oder mit den Rädern der Jungs: Sie musste sich allen Herausforderungen des Lebens stellen. „Ich bin taff“, sagt sie von sich selbst. Und wer sie kennt, wird da nicht widersprechen. ul

 

[aesop_quote type=“block“ background=“#ffffff“ text=“#56b6ef“ width=“600px“ align=“center“ size=“2″ quote=“„Familie, das funktioniert für Michaela Schröder und Jens Steudle auch zu zweit.““ parallax=“off“ direction=“left“ revealfx=“off“]

 

Jens Steudle und Michaela Schröder finden: Familie funktioniert auch zu zweit.

Groß sollte er sein, am besten über 1,90 Meter, Kleidung in gedeckten Farben tragen und die Haare schulterlang. Ja, Michaela Schröder hatte ganz konkrete Vorstellungen davon, wie ihr Traummann aussehen sollte. Und dann kam Jens: 1,80 Meter groß, blonder Kurzhaarschnitt, rotes Poloshirt. Nein, Liebe auf den ersten Blick war es zwischen den beiden nicht – vielleicht auf den vierten oder fünften. Darüber herrscht Uneinigkeit.

 

Fest steht aber: Jens Steudle punktete gleich bei der ersten Begegnung, auf dem Vinstedter Motorradtreffen, mit Offenheit. Dass er keine Kinder zeugen könne, erklärte er ihr in jener Nacht. Und sie ihm, dass sie nach einer Fehlgeburt keine mehr bekommen möchte.

Da war in Jens Steudles Leben bereits eine Ehe am unerfüllten Kinderwunsch zerbrochen. Für die Frau aber, die ihm vor sieben Jahren zwischen brennenden Reifen und dröhnenden Bässen begegnete, funktioniert Familie auch zu zweit. „Familie ist da, wo man sich zu Hause fühlt“, sagt er. Sie ergänzt: „Geborgenheit und ein Gefühl des Ankommens.“ Bei Jens ist die 38-Jährige angekommen – in mehrfacher Hinsicht. Beide reisen gerne, liegen nachts im Feld und betrachten den Mond und die Sterne durch ihr Teleskop – Momente, in denen sie die Flexibilität der Zweisamkeit besonders schätzen. Und das kommunizieren sie so deutlich, dass inzwischen auch keiner mehr nach Nachwuchs fragt.

„Ist doch schön, wenn sich einer im Alter kümmert.“ Der Satz sei schon mal gefallen, erinnert sich Michaela Schröder. Das Argument hält sie, die im Altenheim arbeitet, jedoch für völlig obsolet. Nächstes Jahr will sich das Paar aus Lüneburg das Ja-Wort geben: Michaela in weiß, Jens in schwarz – mit Haaren, die ihm inzwischen bis über die Schultern reichen. ape

 

[aesop_quote type=“block“ background=“#ffffff“ text=“#56b6ef“ width=“600px“ align=“center“ size=“2″ quote=“„Das Schöne am Vier-Generationen-Alltag? Es ist immer jemand da. Doch das ist nur eine Seite des Lebens auf dem Wiesenhof.““ parallax=“off“ direction=“left“ revealfx=“off“]
Sie leben mit vier Generationen auf einem Hof (v.l.): Christine, Johannes und Sieglinde Diercks sowie Claudia und Michael Drägestein mit Mia und Emily. Foto: phs

Vier Generationen auf einem Hof. Das klingt nach heiler Welt, nach Familien-Romantik und Kaffeetrinken unterm Birnenbaum – irgendwie nach Bilderbuch. Claudia Drägestein muss lachen. „Bilderbuch?“ Sie schüttelt den Kopf. „Ne, damit hat das nun wirklich nichts zu tun.“ Die 33-Jährige lebt seit der Geburt ihrer ersten Tochter vor sieben Jahren ein Vier-Generationen-Leben. „Und ja, das ist wunderschön“, sagt sie, „aber manchmal auch schwierig“.

 

In Hohnstorf wohnt Claudia Drägestein auf einem Hof mit M ann Michael (41), ihren Kindern Mia (7) und Emily (4), Mutter Christine Diercks (61), den Großeltern Sieglinde (84) und Johannes Diercks (86). „Jeder kann die Wohnungstür hinter sich schließen und sein Ding machen“, sagt sie. Trotzdem leben die vier Generationen als Familie – und das heißt, sie kümmern sich umeinander, lachen, weinen, arbeiten und feiern zusammen, streiten und versöhnen sich.

„Das Schöne ist, dass immer jemand da ist“, sagt Claudia Drägestein, „so muss ich mir nie Sorgen machen, dass meine Kinder nicht versorgt wären“. Gleichzeitig müsse man aber auch aushalten, dass eine andere Generation vielleicht auch eine andere Meinung hat über die richtige Erziehung oder die korrekte landwirtschaftliche Praxis.

Während ihr Mann in Hamburg bei Lufthansa arbeitet, schmeißt Claudia Drägestein mit ihrer Mutter Landwirtschaft und Ferienwohnungen. „Auch mein Großvater ist noch dabei, so gut er kann, pflügt den Acker oder hilft bei der Versorgung der Mutterkühe.“ Der Bauernhof, ein Herzstück der Familie. Und irgendwie dann doch ein bisschen Bilderbuch. off

Kolumne

Der Saftladen

Den Silvesternachmittag habe ich als Kind traditionell mit meinen Großeltern und den ehemaligen Kollegen meiner Großmutter verbracht. Im Keller des Geschäfts für Geschenk- und Dekorationsartikel in Berlin-Steglitz, in dem meine Oma lange Zeit als Verkäuferin gearbeitet hatte, feierten wir stets ein rauschendes Fest – oder das, was ich als Kind darunter verstand.

Ich mochte diesen Ort. Der Laden oben war voll gestopft mit Kunstblumen, Tonfiguren und vielerlei anderem Kleinkram und ließ mein kleines Entdecker-Herz höher schlagen. Unten gab es Pfannkuchen, so viel ich wollte, wir öffneten einen Knall-Bonbon nach dem anderen und ich bekam als Kind von allen Seiten Aufmerksamkeit. Kurzum: Ich ging immer wieder gern mit in den Saftladen.

Eines Tages durchfuhr es mich wie ein Blitz

Auch, als ich längst mit meinen Freunden Silvester feierte und auf das neue Jahr anstieß, redeten wir noch hin und wieder von diesem Ort und ich machte mir nie Gedanken über seinen Namen. Nie, bis es mich eines Tages bei einem Abendessen im Kreise der Familie wie ein Blitz durchfuhr. Ich war bereits Anfang Zwanzig, und die Sprache war mal wieder auf den Saftladen gekommen. Der Gedanke formte sich noch in meinem Kopf, als ich mich schon sagen hörte: „Warum hieß der eigentlich so? Hä, die haben doch gar keinen Saft verkauft… oder?“

Der ganze Tisch grölte. Ich muss wirklich selten dämlich geguckt haben. „Den hat doch Papa nur immer so genannt, wegen dem ganzen Nippes, der da rumstand“, versuchte meine Mutter unter Tränen zu erklären. „Aber das hast du doch nicht wirklich geglaubt!“

Doch, hab‘ ich. Vielleicht nicht bewusst, aber ich habe es auch nie hinterfragt. Seitdem ich klein war, hieß dieser Ort eben Saftladen. Und: Nicht nur Papa nannte ihn so, sondern meine ganze Familie. Auch meine Großmutter, was vielleicht am verwunderlichsten ist, schließlich hatte sie ja dort gearbeitet und es handelt sich eigentlich um einen abfälligen Begriff.

Nur ein kleiner Kreis von Menschen versteht es

Bei uns aber hat dieser Begriff ein lustiges Eigenleben entwickelt und spätestens seit diesem Abendessen haftet ihm überhaupt nichts Abfälliges mehr an. Ganz im Gegenteil. Es ist einer dieser Begriffe, dessen wahre Bedeutung für mich nur ein kleiner Kreis von Menschen versteht: meine Familie.
Nach dem wahren Namen des Saftladens habe ich meine Mutter übrigens erst vor einigen Tagen beim Schreiben dieses Textes gefragt. Er nannte sich „Bücherstube“. Bücher gab es dort zu meiner Zeit allerdings schon lange nicht mehr zu kaufen, genauso wenig wie Saft. Von Katja Grundmann

Wundertüte

Die Idee einer festen Themenseite

Mal ist sie groß, mal klein, manchmal herrscht Harmonie, dann wieder Stress: Familie hat viele Gesichter – und sie ist mehr als Mutter, Vater, Kinder. Zumindest auf der neuen Familienseite der LZ. Hier wird sich in Zukunft alles rund um die Themen drehen, die Familien bewegen. Was treibt ein kinderloses Paar um? Was heißt es, mit vier Generationen auf einem Hof zu wohnen? Wie lebt es sich alleine? Fünf Familienkonstellationen haben wir Ihnen heute in Kürze vorgestellt und werden Ihnen in den nächsten fünf Wochen mehr über sie erzählen. Außerdem lesen Sie eine persönliche Familien-Kolumne aus der Redaktion.

Besondere Wünsche, Ideen oder Kritik? Dann füllen Sie den Fragebogen in der heutigen LZ aus oder schreiben Sie uns: wundertuete@landeszeitung.de