Montag , 28. September 2020
Rüdiger Schulz, Vorsitzender des Bürgervereins, teilt seine Gedanken zu Lüneburg mit den LZ-Lesern. Foto: boldt

Denk ich an Lüneburg…

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… so wird mir warm ums Herz. Hier bin ich geboren und aufgewachsen. Fast das gesamte Leben habe ich in dieser Stadt gewohnt (sieht man mal von der Zeit bei de r Bundeswehr ab), die ersten fünf Jahre inmitten im Herzen der Stadt: Am Sande 16. Dieses uralte Haus mit der prächtigen Barockfassade, das heute eine Apotheke beherbergt, war damals (nach heutigem Maßstab) eher eine Bruchbude, doch in der ersten Hälfte der 1950er-Jahre war noch längst nicht für alle Menschen in unserer Stadt ein festes Dach über dem Kopf eine Selbstverständlichkeit.

Rüdiger Schulz. Foto: be

Essig und Senf

Gleich nebenan produzierte die Firma Leppert, auf die noch heute eine Hausinschrift hinweist, Essig und Senf. Noch heute denke ich mit gemischten Gefühlen daran, wie die Mutter dem Dreijährigen ein Geldstück in die Hand drückte mit der Bitte, ein Glas Senf zu kaufen. Das klappte auch, doch vor der Haustür fiel das Glas runter, und Senf und Scherben vermischten sich zu einem ungenießbaren Brei. Die Mutter versuchte zu trösten, doch schon damals war mir bewusst, dass sich der Vater für die paar verlorenen Pfennig auf der Keula-Hütte in Staub und Dreck geraume Zeit plagen musste.

Am Berge gab es ein Geschäft, zu dem ich zum Milchholen geschickt wurde. Kaum der Sprache mächtig, bekleidet mit einem selbstgeschneiderten Mantel aus einer Wolldecke (die Mutter war ja gelernte Herrenschneiderin mit vorzüglichem Zeugnis) und ausgerüstet mit einer Milchkanne aus Aluminium, blieb der kaum Dreijährige am Bordstein stehen, sah nach oben zur Mutter am Fenster und fragte. „Säätz?“ „Ja, jetzt kannst Du über die Straße gehen“, kam die Antwort, wenn kein Auto in Sicht war. Meist kam aber auch gar kein Fahrzeug. Damals war der Sande noch wirklich verkehrsberuhigt. Es gab nur zwei Buslinien, nach Kaltenmoor oder zum Kreideberg musste niemand fahren, da gab es noch keine Bebauung, und Taxifahren konnten sich die wenigsten leisten.

Milch holen am Berge

Im Geschäft wusste man Bescheid. Die Milchkanne wurde unter einen Hahn gestellt, ein Hebel von oben nach unten gezogen, und schon war ein Liter Milch in der Kanne. Ob der Liter auch vollständig zuhause angekommen ist, möchte ich nicht beschwören. Immerhin weist die Kanne, die ich noch heute habe, unten etliche Beulen vom Pflaster des Sandes auf. Denn die Arme des dreijährigen Zwergs waren noch nicht so kräftig, dass er die Kanne den ganzen Weg hätte hochhalten können. Heute käme – trotz Verkehrsberuhigung – niemand mehr auf die Idee, einen Dreijährigen allein quer über den Sand bis zum Berge und zurück laufen zu lassen.

von Rüdiger Schulz, Vorsitzender des Bürgervereins