Dienstag , 29. September 2020
Die Pläne wurden nie Realität, mit dem Bau des Hotels in Bad Bevensen nie begonnen. Nun müssen sich drei Lüneburger als Initiatoren vor Gericht verantworten. Dabei geht es um den Vorwurf des Betrugs. Foto: Ideenkoch

Die versenkten Hotel-Millionen

Lüneburg/Stade. Es klang sehr vielversprechend: Ein Hotelprojekt am Bad Bevensener Kurpark, 100 Zimmer, 25 Bungalows, rund 20 Millionen Euro wollten die Investoren in die Sache stecken. Eine Lüneburgerin und ihre Tochter wollten sich nach eigener Aussage mit rund 65.000 Euro an dem Bau beteiligen. Ihnen seien vier Prozent Zinsen versprochen worden: „Ich habe mir gedacht, das ist machbar“, sagt die Frau. War es nicht: Vor ziemlich genau drei Jahren rückten Wirtschaftsermittler der Lüneburger Polizei an und durchsuchten mehrere Objekte, der Vorwurf: Betrug. Jetzt erhebt die Schwerpunktstaatsanwaltschaft Stade am dortigen Landgericht Anklage gegen drei Beschuldigte. Behördensprecher Thomas Breas: „Wir gehen von einem Vermögensschaden von 1,6 Millionen Euro aus.“

Im Fokus der Staatsanwälte stehen ein Lüneburger Finanzberater, ein ehemaliger Schröderstraßen-Wirt und dessen Frau, sie wegen Beihilfe. Insgesamt legt die Anklage den beiden Männern 34 Fälle von gewerbsmäßigem Betrug zur Last, in 13 Fällen soll der Finanzberater allein gehandelt haben. Der jetzt angenommene Schaden fällt geringer aus als vor drei Jahren. Damals hatte die Polizei von 3,4 Millionen Euro gesprochen.

Es wurde niemals ein Bauantrag gestellt

Die LZ hatte über die Ermittlungen berichtet. Der Wirt fungierte als Geschäftsführer einer Hotel- und Handelsgesellschaft und hatte versprochen, 20 Millionen Euro zu investieren. Zunächst passierte auch etwas. Der Gas­tronom hatte das 48.000 Qua­dratmeter große Areal laut Medienberichten 2008 erworben, 2011 wurden 51 Baracken aus den 60er-Jahren abgerissen, 1000 Bäume gerodet. Dann sollte es losgehen, doch das klappte nicht. Unter anderem brach ein erhoffter Zuschuss der NBank von fünf Millionen Euro weg. Der Wirt erklärte, er werde das Feriendomizil trotzdem hochziehen: „Ich war selten so überzeugt wie von diesem Projekt.“ Es sei alles „durchfinanziert“. Offensichtlich nicht. Ermittler hatten berichtet, dass die Gesellschaft nicht einmal einen Bauantrag gestellt habe.

Hier hakt die Staatsanwaltschaft ein: „Spätestens nachdem die Bank den Kredit abgelehnt hatte, war das Projekt hinfällig gewesen“, sagt Oberstaatsanwalt Breas. „Aber es wurde weitergemacht und von Anlegern Geld eingenommen.“

Von 76 Verträgen ist die Rede

Im Juni 2015 schrieb der Wirt die Anleger an. In dem dreiseitigen Brief distanzierte er sich vom Finanzmakler und erklärte seinen Kunden, dass er das Hotel-Vorhaben kippe. Das sei eigentlich schon ein Jahr zuvor beschlossen worden, heißt es in dem Brief, der der LZ vorliegt. Die Forderungen der Anleger, in dem Schreiben ist von 76 Verträgen die Rede, von denen ein Teil ausgezahlt wurde, würden beglichen. Die Investoren hätten Ansprüche auf 3,4 Millionen Euro. Das Geld könne durch den Verkauf des Grundstücks zurückfließen.

Die Lüneburger Rentnerin schenkte dem Wirt schon damals wenig Glauben. Sie berichtet, sie sei – wie auch andere – in dessen Lokal gegangen, um den Wirt zur Rede zu stellen. Der habe versucht, sie zu vertrösten.

Der Zentrale Kriminaldienst Lüneburg, der das Verfahren im Auftrag der Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Wirtschaftsdelikte in Stade betrieb, ging zu diesem Zeitpunkt gegenüber der LZ von „Kapitalanlagebetrug und Urkundenfälschung“ aus. Bei einem Teil sichergestellter Grundschuldbriefe, die den Anlegern als Sicherheit überlassen wurden, soll es sich nach Einschätzung von Experten des niedersächsischen Landeskriminalamtes „um Totalfälschungen handeln“. Die versprochenen Renditen von 3,5 bis 8 Prozent seien wohl kaum ausgezahlt worden.

Wo das Geld geblieben ist, ist ungewiss

Wo das Geld geblieben ist, ist ungewiss. Aus Polizeikreisen hieß es: „Die beiden hatten einen Lebensstil, der oberhalb unserer Gehaltsklasse liegen dürfte. Die werden das Geld verbraucht haben.“ Man habe keine größeren Summen sicherstellen können.

Anfang November 2015 durchsuchte die Polizei acht Objekte in Lüneburg, Adendorf, Barförde, Bad Bevensen und Hagenow. Darunter das krisengeschüttelte Lokal an der Schröderstraße, das heute noch leersteht. Der Gastronom, der in Bad Bevensen ein Restaurant betrieb, scheiterte. Im Juni 2015 hatte er Insolvenz anmelden müssen, das Amtsgericht setzte einen Verwalter ein. Aber auch der musste am Ende die Fahnen streichen: Die Stadt schloss das ehemalige In-Lokal aufgrund von Brandschutzmängeln. Mitarbeiter beklagten damals, dass sie ihren Lohn nicht in vollem Umfang erhalten hätten.

Das Landgericht Stade hat noch keinen Verhandlungstermin festgesetzt. Auf Anfrage hieß es, dass es vermutlich erst kommendes Jahr so weit ist.

Von Carlo Eggeling